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 Von Berlin 
 nach Brüssel 

 Von Katja Kasten 

Von Berlin nach Brüssel

Von Katja Kasten

Der 32-jährige Gökhan Cetintas ist Kartellrechtler. Seit 2015 arbeitet er für die deutsche Wirtschaftskanzlei SZA Schilling, Zutt und Anschütz in Brüssel. Wie er von Kreuzberg dort landete und warum Fußball dabei eine Rolle spielt.

Eigentlich plante Gökhan Cetintas eine Karriere als Fußballprofi. Der Sohn kurdischer Einwanderer aus der Türkei, der in Kreuzberg aufwuchs, hatte es als Jugendlicher in die Berliner Auswahl geschafft. Von 1999 bis 2006 spielte er dort in der Abwehr, von 2003 bis 2005 darüber hinaus in der A-Junioren-Bundesliga. Zweimal wurde seine Mannschaft Deutscher Vizemeister. „An Talent hat es mir nicht gefehlt. Ich hatte wohl eher nicht das Glück, die richtigen Leute zu kennen, die mich nach ganz oben bringen“, sagt der 32-Jährige heute.

Im Studium entdeckt er etwas, was ihn ähnlich packt wie der Fußball: das Europarecht.

Cetintas setzt neben dem Sport auf einen guten Schulabschluss. Während die meisten seiner Spielerkollegen auf Sportschulen gehen, besucht er ein normales Gymnasium. Seine Eltern unterstützen ihn. Sie sind stolz auf den Sohn, der als Erster in der Familie das Gymnasium besucht. Keine schlechte Wahl: Denn nur wenige seiner Teamkameraden werden Profis, wie zum Beispiel Ken Reichel von Union Berlin. Andere verlassen die Schule teilweise mit dem Hauptschulabschluss. Cetintas aber macht 2005 Abitur und beginnt nach dem Zivildienst an der Freien Universität Berlin ein Jura-Studium mit dem Schwerpunkt Internationalisierung der Rechtsordnung. Dort entdeckt er etwas, was ihn ähnlich packt wie der Fußball: das Europarecht. „Es ist sehr von Vorteil im Studium eine Leidenschaft zu entwickeln“, sagt er.

Fußballerherz: Von 1999 bis 2006 spielte Cetintas in der Berliner Auswahl.
Zur Uni mit dem Fahrrad: Sportlich unterwegs ist Cetintas auch in Brügge.
Erster Karriereschritt: Mit dem LL.M.-Abschluss am College of Europe stehen Cetintas viele Wege offen.

Sich im Studium ausprobieren

Cetintas ist ein Mensch, der Herausforderungen gern annimmt, sie sogar sucht. Deshalb nimmt er während des Studiums an dem  „European Law Moot Court“ (ELMC)   European Law Mood Court (ELMC)
Seit seiner Gründung im Jahr 1988 wird der European Law Mood Court von der European Law Moot Court Society in Zusammenarbeit mit dem Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) organisiert. Der ELMC simuliert ein Gerichtsverfahren vor dem EuGH.
teil. Cetintas will unbedingt in die Rolle eines Anwalts vor dem Europäischen Gerichtshof schlüpfen und sich mit Teams aus der ganzen Welt messen. Er investiert in den Moot Court, der letztlich 2011 in Barcelona stattfindet, ein ganzes Semester. Dort wird eine Gerichtsverhandlung vor dem Europäischen Gerichtshof simuliert. „Dieser Moment, wenn du vor der Richterbank stehst und in den Gesichtern der Richter siehst, dass du sie mit Argumenten und der Präsentation überzeugen konntest: Das zieht ein unglaubliches Selbstbewusstsein nach sich.“

„Dieser Moment, wenn du vor der Richterbank stehst und in den Gesichtern der Richter siehst, dass du sie mit Argumenten und der Präsentation überzeugen konntest: Das zieht ein unglaubliches Selbstbewusstsein nach sich.“

Die erfolgreiche Teilnahme am ELMC prägt ihn. Auch während seines Referendariats am Kammergericht in Berlin lässt ihn das Europarecht nicht los. Seine Stationen sind die Europaabteilung des Auswärtigen Amtes, die Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer in Köln sowie die Europäische Kommission. Dort kommt er mit dem  Kartellrecht  Kartellrecht
Das Kartellrecht ist ein Rechtsgebiet, das verhindern soll, dass Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen den frei funktionierenden Markt beeinträchtigen.
in Berührung. „Es hat mich sofort fasziniert, weil es mehrere Rechtsgebiete vereint. Ich konnte das Europarecht mit Wirtschaft kombinieren. Außerdem merkte ich, wie spannend ich die interdisziplinäre Arbeit empfand.“ Er bringt genau die Eigenschaften mit, die ein Kartellrechtler benötigt: geistige Flexibilität, Sprachkenntnisse und ein gutes Gespür für Internationalität.

Die Ausbildungsstationen von Cetintas im Überblick

Ein Postgraduierten-Studium folgt

Als er es 2014 nach dem Referendariat ans  College of Europe in Brügge College of Europe in Brügge
Das unabhängige postgraduate Hochschulinstitut für europäische Studien College of Europe wurde 1949 gegründet. An den beiden Standorten Brügge und Natolin/Warschau machen jährlich rund 400 Studierende aus über 50 Nationen ihren Abschluss in den Fachbereichen Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Politik- und Verwaltungswissenschaften sowie Internationale Beziehungen und Diplomatie. Die Absolventen arbeiten später in den Europäischen Institutionen, für Verbände, Unternehmen und nationale Verwaltungen, Behörden, Anwaltskanzleien oder werden Diplomaten.
die Kaderschmiede für Europarecht, schafft, ist seine weitere Karriere programmiert. Die Plätze sind rar und begehrt. Nur etwa sieben Bewerber aus Deutschland werden jährlich für Jura ausgewählt. Er meistert alle Hürden, beweist sich vor einer Riesenkommission aus juristischen Koryphäen, die ihn auf Deutsch, Englisch und Französisch testen. Und so kann Cetintas Europarecht in Brügge studieren. Für das Postgraduierten-Masterstudium, das 16.000 Euro kostet, erhält er ein Stipendium des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Die Studienkosten sind so gedeckt. Doch Brügge ist teuer. Seine Miete und die Lebenshaltungskosten finanziert er deshalb über einen Nebenjob als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei  SZA - Schilling, Zutt und Anschütz  SZA - Schilling, Zutt und Anschütz
Die Wirtschaftssozietät SZA – Schilling, Zutt und Anschütz mit weiteren Dependancen in Mannheim und Frankfurt beschäftigt rund 70 Rechtsanwälte.
in Brüssel. Zweimal in der Woche pendelt er mit dem Zug dorthin. Die Anwälte lernen ihn kennen und schätzen.

„In der Kanzlei kümmern wir uns um Fusions­vorhaben und Kartell­angelegen­heiten unserer Mandanten.“

Seit 2015 ist Gökhan Cetintas nun Associate bei SZA in Brüssel. Er unterstützt die Partner, übernimmt aber auch selbst immer mehr Verantwortung. Kleinere Mandate betreut er inzwischen eigenständig, größere bearbeitet das Team gemeinsam. „Wir kümmern uns um Fusionsvorhaben und Kartellangelegenheiten unserer Mandanten“, erklärt er die Arbeit der Kanzlei. „Wir bearbeiten aber auch Fälle, bei denen es um Missbrauchsverfahren geht. Auch Compliance ist ein Thema. So haben wir auch präventive Schulungen gegen Kartellrechtsverstöße im Angebot.“ Die Verfahren spielen vor den europäischen Institutionen. Manche Fälle werden auch beim Bundeskartellamt oder an deutschen Gerichten verhandelt. So begleitete SZA federführend den Erwerb des Bauchemikaliengeschäfts von Henkel durch BASF, der beim Bundeskartellamt angemeldet wurde. Das Brüsseler Büro vertrat aber auch den bulgarischen privaten Energieversorger Overgas gegen die bulgarische staatliche Bulgarian Energy Holding sowie Gazprom in Missbrauchsverfahren bei der Europäischen Kommission. Die Großen wollten den Kleinen aus dem Markt drängen.

Mittendrin: Gökhan Cetintas in seinem Brüsseler Büro bei der Arbeit.
Fußballverbunden: Die beiden Silbermedaillen aus den Deutschen Meisterschaften 2002 und 2003, die Cetintas gewonnen hat, schmücken die Fensterbank seines Büros.
Spannende Aufgaben: Bei der Mandatsarbeit ist volle Konzentration gefordert.

Seinen Job beschreibt Cetintas als herausfordernd, aber im positiven Sinne. „50 Stunden die Woche. Das ist normal und okay.“ Natürlich spielt der Fußball auch in seinem Brüsseler Leben eine Rolle. Der Sport sei für ihn Ausgleich und Netzwerk in einem. Nach Feierabend zieht sich er so oft wie möglich die Fußballschuhe an und spielt für Deutschland in der Euro-League und bei German Lawyers United in der Anwaltsliga. „Brüssel ist eine Blase. Ich habe über das Kicken den sozialen Einstieg geschafft. Das ist hier Gold wert.“

Sein Brüsseler Büro liegt im Europaviertel, gut drei Minuten sind es bis zum EU-Parlament.

Habt ihr Fragen an Gökhan Cetintas? Dann schreibt sie uns an redaktion@hochschulanzeiger.de

Quelle: F.A.Z.-Hochschulanzeiger

Veröffentlicht: 12.02.2019 14:12 Uhr