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Jung, gebildet, arbeitsscheu? : Die Generation Y erobert die Welt

Bild: Cyprian Koscielniak

Wer nach 1980 geboren ist, hat bessere Chancen am deutschen Arbeitsmarkt als seine Eltern und kann deshalb auch mehr fordern. Kein typisch deutsches Phänomen.

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          Amerika: Die Generation Ich-ich-ich ackert nur am Smartphone

          In Amerika hat die Zeitschrift „Time“ den Millennials gerade eine Titelgeschichte gewidmet. Eine junge Frau blickt dabei bewundernd auf ihr Smartphone, offenbar kurz davor, ein Foto von sich selbst zu schießen. „Faul, narzisstisch und mit großer Anspruchshaltung“, nennt das Magazin diese „Me Me Me Generation“, der es offenbar nur um sich selbst gehe. Jason Dorsey, der Bücher über die Generation Y geschrieben hat und sich mit seinen 35 Jahren selbst gerade noch zu der Gruppe zählt, gibt zu, dass die Millennials für andere „frustrierend“ sein können. Etwa weil viele von ihnen nicht gut im persönlichen Gespräch sind, weil sie so sehr an elektronische Kommunikation gewöhnt sind. Oder weil sie ein übersteigertes Selbstbewusstsein mitbringen. Das heißt zum Beispiel: den Anspruch, einmal Vorstandsvorsitzender zu werden, aber nicht unbedingt die Bereitschaft, die nötigen Anstrengungen zu investieren. Dorsey sieht in der Generation „ein um drei bis fünf Jahre verzögertes Erwachsenwerden“, das sich darin zeige, dass sie länger studieren und später Familien gründen. Viele amerikanische Millennials seien von wohlmeinenden Eltern verwöhnt worden, die wollten, dass ihre Kinder es leichter haben. Auch das erkläre die hohen Erwartungshaltungen. Andererseits beobachtet Dorsey bei der Generation Y eine höhere Bereitschaft, selbst Unternehmen zu gründen. Auch die „Time“-Geschichte hat am Ende eine versöhnliche Botschaft und lobt zum Beispiel den Optimismus und die Anpassungsfähigkeit der Millennials. „Sie werden unsere Rettung sein“, heißt das Fazit.

          China: Gedrillte Einzelkinder mit Hang zu Statussymbolen

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.
          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin
          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Wie alles in China ist auch die Generation Y riesengroß, sie umfasst mindestens 200 Millionen Personen. In einer Studie hat der Autozulieferer Johnson Controls ermittelt, dass sich die jungen Leute fundamental von ihren Eltern unterscheiden. Sie kamen nach der Kulturrevolution zur Welt, haben wegen der Einkindpolitik zumeist keine Geschwister, genießen in der Ausbildung, im Arbeitsleben und im Privaten größere Freizügigkeit und mehr Auswahl. Aber sie werden auch früh gedrillt und getriezt, um gute Schulen und Universitäten besuchen zu können. Der Bildungsgrad ist viel höher als früher, aber viele Einzelkinder gelten als verhätschelt. Viele Junge lehnen das überkommene Arbeitsethos der Älteren ab, nach dem man viel arbeiten, sich bescheiden, sparen und gehorchen soll. Aber Geld zu haben ist den Nachwachsenden mindestens ebenso wichtig wie den Generationen zuvor. Junge Chinesen wollen so schnell wie möglich an die Spitze kommen, viel verdienen, das auch nach außen zeigen, etwa mit Statussymbolen wie schicken - zumeist deutschen - Autos, und sie streben ein hohes gesellschaftliches Ansehen an. Interessant ist, dass eine relative Mehrheit konventionelle Arbeitsabläufe vorzieht. Dazu gehören feste Arbeitszeiten und ein eigener Schreibtisch. Wie andere Untersuchungen zeigen, sind Anstellungen in Staatsbetrieben oder im öffentlichen Dienst äußerst begehrt. Das hat mit dem Sicherheitsstreben zu tun und damit, dass Millionen gut ausgebildeter Studenten in China keine adäquate Anstellung erhalten. Es kommen aber auch Überlegungen ins Spiel, die in freien Ländern keine Rolle spielen. „Für mich ist prioritär, dass mir mein Arbeitgeber einen Pekinger Hukou besorgen kann“, sagt etwa eine 25 Jahre alte Absolventin des Studiengangs Personalwesen aus der Binnenprovinz Shanxi. Damit meint sie eine offizielle Haushaltsregistrierung in der Hauptstadt, eine Art Stadtbürgerrecht, ohne welches man Bürger zweiter Klasse bleibt. „Ein Staatsbetrieb ist irgendwie sicherer“, findet sie.

          Russland: Freiheit gibt’s nur zum Geldverdienen

          Russland hat viele Probleme, aber an Arbeitsplätzen mangelt es nicht - zumindest in den Metropolen wie Moskau und St. Petersburg. Schon wer dort frisch von der Universität kommt, kann zwischen verschiedenen Unternehmen wählen. Die werben um qualifizierte Berufseinsteiger mit so attraktiven Gehältern, dass internationale Unternehmen sicherlich nicht wegen niedriger Lohnkosten in das Schwellenland kommen. Auf dem Land, in den Provinzen ist die Lage wesentlich schlechter, auch wenn Russland im Durchschnitt eine mit offiziell unter 6 Prozent vergleichsweise niedrige Arbeitslosigkeit ausweist. In den Zentren ist es für gut qualifizierte 30-Jährige kein Problem, Geld zu verdienen. Die Probleme beginnen jenseits des Kontoauszugs: Außer der Freiheit bei der Entscheidung, was man konsumieren möchte, bleibt in diesem Land wenig Entfaltungsraum. Das politische System Putin ist zementiert. Bürokratie und Korruption legen jedem Vorhaben Steine in den Weg - ein Grund, warum so wenig Unternehmen gegründet werden und kein Mittelstand entsteht. Der Aufwand lohnt schlichtweg nicht. Die Unzufriedenheit mit der Entwicklung ist zwar spürbar, aber viele Russen wählen lieber den Rückzug ins Private: Für die aufstrebende Mittelschicht gehört der Erwerb von Statussymbolen aller Art dazu, vom schicken Geländewagen bis zum iPad. Mit Letzterem im Ersteren werden die ewigen Staus in den Stadtzentren wenigstens etwas angenehmer. Nichtmaterielle Selbstverwirklichung ist oftmals kein Thema: Dafür fehlt auf dem Land der Wohlstand und in der Stadt das Bedürfnis.

          Argentinien: Rebellen auf der Suche nach dem Sinn der Arbeit

          Argentiniens zuvor sehr konservative Arbeitswelt erlebt unter dem Einfluss der Generation Y eine kleine Revolution. Verkrustete Hierarchien werden aufgebrochen, der Umgang wird lockerer, individuelle Freiheit und Verantwortung verdrängen disziplinierte Langeweile im Bürotrott. „Die Angehörigen dieser Generation wissen genau, was sie wollen“, erklärt Paula Molinari von der Personalberatungsfirma Whalecom. Besonders wichtig sei ihnen die freie Einteilung ihrer Zeit. „Die rebellieren, wenn sie das Gefühl haben, keinen sinnvollen Beitrag zu leisten“, sagt Molinari. Die Jungen fühlen sich an kein Unternehmen mehr gebunden und sind ständig auf der Suche nach dem Angebot, das am besten zu ihrem Lebensentwurf passt. Die Lage am Arbeitsmarkt kommt ihnen entgegen. Für Fachkräfte herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Die Unternehmen müssen um gute Nachwuchskräfte buhlen. Da ist es nicht mehr tabu, gleich am Anfang nach flexibler Arbeitszeit, Telearbeit und Ferien zu fragen. „Meine Philosophie ist, zu tun, was mir guttut“, sagt die 24 Jahre alte Malu Golla. Die gelernte Chefköchin, Werbe- und Hotelfachfrau sucht schon wieder nach neuen Pfaden, während sie mit Gelegenheitsjobs ihren Lebensunterhalt bestreitet. „Zum ersten Mal ist die Attraktivität der Großunternehmen gesunken“, stellt Molinari fest. Nur noch einer von vier Suchenden bevorzugt die Konzerne. Die jungen Leute empfänden die Großunternehmen als „sehr bürokratisch“ und zögen die Arbeit in guten Klein- und Mittelbetrieben vor. Viele wollen am liebsten gleich selbständig werden.

          Singapur: Entspannte Töne auf der Insel der Erfolgshungrigen

          David Chia hat es nicht wirklich eilig. Er muss es auch nicht eilig haben. Tagsüber verdient der 32-Jährige als Computerfachmann bei den Banken am Finanzplatz Singapur sein Auskommen. Zudem haben die Eltern wie die meisten Singapurer vorgesorgt und ein Haus, das auf der engen Insel Millionen von Dollar wert ist. Und David selbst hat mit Hilfe des Staates kostengünstig eine Wohnung kaufen dürfen. Abends verdingt er sich mit seinen Computerkenntnissen bei Privatleuten, oder vertreibt sich die Zeit mit Freunden. Karriere? „Warum?“, fragt er zurück. „Kaputtmachen will ich mich nicht.“ Es sind ungewöhnliche Töne für einen jungen Singapurer. Denn eigentlich ist die ganze Stadt auf Erfolg getrimmt - schon die Schulen bimsen den Kindern den Lehrstoff ein, damit sie vorankommen. Die Generation Y und ihre Entspanntheit werden damit zur Herausforderung für die streng organisierte Stadt. Auf einer Konferenz für Personalmanager in Singapur nannten die Fachleute die Haltung der Generation Y als größtes Risiko - neben dem Mangel an internationaler Erfahrung der jungen Singapurer. Denn die Generation Y der Asiaten bleibt für die Personalführer schwer einzuschätzen: „Wenn sie kündigen wollen, dann kündigen sie einfach“, klagt Eric Teng von der Straits Trading Company. Und der Chef von Logistiker Fed-Ex, Khoo Seng-Thiam, sagt: „Das sind junge Manager, die selbst extrem umhegt werden wollen.“ Gerade dies aber ist für asiatische Gesellschaften ein unbekanntes Gefühl.

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