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Brief einer Schülerin : Liebe Romantik!

  • -Aktualisiert am

Wie soll man sich in der Schule in eine vergangene Epoche einfühlen? Ich habe es in diesem Brief versucht – am Schluss aber musste ich feststellen, dass mir etwas im Unterricht fehlt.

          5 Min.

          Der Deutschunterricht macht’s möglich – ich soll einen „Essay“ über die Romantik und ihre Bedeutung für mich schreiben. Aber nicht zu viele Vorgaben, denn es soll ja schön persönlich sein. Und was ist persönlicher als ein handgeschriebener Brief, für den ich mich entschieden habe, den ich für das elektronische Medium hier allerdings abtippen musste?

          Schwierig ist natürlich das Thema an sich. Die Romantik, so weit, so gut. Aber ihre Bedeutung für mich? Meh. Das ist wohl, was jede/r Schüler/in zuerst denkt. Denn Du, meine liebe Romantik, das tut mir leid zu sagen, bist für die meisten, wenn nicht für alle, nur ein weiteres langweiliges Thema in einem langweiligen Klassenzimmer in einem langweiligen Schulfach. Du bist nur tote Dichter, schwarze Tinte auf Papier, zehn Seiten voller Gedichte und Texte in einem Schulbuch. Denn was soll man auch anderes denken, wenn das Höchste der Gefühle bei der Behandlung der Romantik im Unterricht die zweihundert Jahre alte Vertonung eines ebenso alten Gedichts ist. Und alles, was man je tut, ist, Gedichte zu analysieren. Aber ich lenke ab. Was bist Du also, wenn nicht all das?

          Das, meine Liebe, ist die Frage, die ich hier beantworten soll. Dafür darf ich Dich aber nicht als eine Zeit der Geschichte betrachten. Natürlich bist Du das theoretisch, aber dazu finde ich ja keinen Zugang. Als Epoche wärst du lediglich eine Ansammlung von Fakten, die für mich in etwa die gleiche persönliche Bedeutung wie der Zitronensäurezyklus hat.

          Nein, vielmehr muss ich Dich als ein Gefühl sehen, eine Emotion. Denn in all den romantischen Gedichten und Texten bildet sich doch etwas ganz deutlich heraus: die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht nach dem Mittelalter, die Sehnsucht nach neuen Wegen. Und das kann doch jeder verstehen: Wer wünscht sich denn nicht, einen romantischen Partner zu finden? (nicht-romantische Menschen, schon klar, aber das war eine rhetorische Frage -.- (Um es mit den Worten der weisen Gina Linetti zu sagen: The English language cannot fully capture the depth and complexity of my thoughts. So I'm incorporating Emoji into my speech to better express myself. Winky face.))

          Was wir alles verloren haben

          Das Mittelalter – eine goldene Zeit. Jaja, mittlerweile nennt man es aber dann doch eher The Dark Ages, aber so ganz ist das noch nicht bei allen angekommen. So stehen zum Beispiel in einem meiner Bücherregale diverse Kinderbücher über furchtlose Ritter und tapfere Burgfräulein. Warum, wenn nicht aus der romantischen Sehnsucht nach diesem, nun ja, romantisierten Mittelalter? Damals, als Du noch die Herzen der Dichter und Denker beherrscht hast, wollten eben jene Dichter und Denker ihrer eigenen Zeit entfliehen: der Zeit der gescheiterten revolutionären, liberalen Bewegungen, der Zeit der rückschrittlichen Karlsbader Beschlüsse und der Restaurationspolitik des Wiener Kongresses. Pff. Kein Wunder, dass sich die armen Intellektuellen oder auch die armen Nicht-ganz-so-Intellektuellen in eine schönere Zeit zurückwünschten. Aber diese schönere Zeit gab es nun mal nicht wirklich. Also her mit der Poetisierung des Mittelalters. Und auch heute sind die Menschen wohl nicht so glücklich, dass unsere Zeit ihnen ausreicht. Nein, man braucht ein Zeitalter von Rittern in schimmernder Rüstung und Frauen in hübschen Kleidern (was übrigens total sexistisch ist, aber das nur am Rande).

          Laut einer „Mind Map“ meiner Lehrerin ist auch die Fantasie ein wichtiger Teil von Dir. Und ist die Fantasie nicht das wertvollste Gut, das die Menschen haben, die Liebe mal beiseite gestellt? Jedenfalls finde ich persönlich das. Und persönlich ist hier ja das Motto. Ich liebe, das gestehe ich jetzt ganz offen, auch wenn mir das bei besagter Lehrerin keine Pluspunkte verschaffen wird, Fantasy- und Science-Fiction-Romane. Die Bücherregale in meinem Zimmer sind der lebende Beweis. Ich verstehe absolut und vollkommen die Faszination der Fantasie, die auch bei Deinen Vertretern so oft, well, vertreten war.

          Die Sehnsucht nach neuen Wegen: Die Wanderlust, oder wie man es nennen will, ist ja durchaus heute auch noch präsent, wenn nicht sogar noch mehr als zu Deiner Zeit. Tausende von jungen und alten und auch weder alten noch jungen Leuten zieht es doch ins Ausland. Mich selbst auch. Island will ich unbedingt sehen, am besten in Winter, alldieweil man dann die Nordlichter sehen kann. Und Neuseeland, wegen der Landschaft. Ach, who am I kidding, wegen „Herr der Ringe“ natürlich. Indirekt also doch wegen der Landschaft.

          Und jetzt schwafele ich hier über all das, was aus der Romantik heute noch da ist, wenn es doch so viel interessanter ist, sich anzuschauen, was wir alles aus der Romantik verloren haben: die Nacht als Faszination, Utopie und last, but certainly not least, die für immer vergangenen Jahre zwischen 1795 und 1848. Was für ein tragischer Verlust :‘(

          Die Hälfte, mehr oder weniger, unseres Lebens verbringen wir in nächtlicher Zeit. Und doch ist die Nacht ein Zeichen des Bösen. Sie riecht nach Tod und Verderben. Welcher Horrorfilm benutzt denn nicht das ultimative Klischee von einem jungen Mädchen, das des Nachts durch den Wald wandert und dann auf irgendeine Art und Weise zerfleischt, zerfetzt und/oder zermalmt wird? Aber wäre es nicht so viel schöner, wenn wir der Nacht wieder mit einer gewissen Faszination, aber natürlich auch mit Respekt begegnen? Die Nacht ist die Zeit der allgemein beliebten Glühwürmchen und die Zeit des Mondes, dessen Licht so viel schöner ist als das der Sonne, die Zeit der magischen und mysteriösen Sterne, die in so unendlicher Zahl am Himmel funkeln.

          Wagt den Einstieg über Glühwürmchen!

          „Des Glaubens Höhen sind nun demolieret/Und auf der flachen Erde schreitet der Verstand/Und misset alles aus, nach Klafter und nach Schuhen.“ (Karoline von Günderrode,). Die Sehnsucht nach neuen Wegen –  zertreten von den erbarmungslosen Stiefeln des Verstands und der Logik - artikuliert sich aufs Neue: „Wo seid ihr, die ihr Lust am Planen und Träumen habt?“ fragt Simon Strauß in seinem Buch „Sieben Nächte“, das uns unsere Lehrerin nach einer kleinen Vorlesestunde empfohlen hat. Strauß scheint mir ein Romantiker zu sein, der das misfortune hat, im falschen Jahrhundert geboren zu sein. Natürlich will ich mir nicht anmaßen, eine der wenigen Träumer/innen zu sein, aber manchmal, manchmal werde ich nachdenklich und größenwahnsinnig und frage mich, ob andere auch träumen wie ich, denn - „sie wissen ja nichts von meinen Gedanken, diese Hunde, sonst würden sie sich zurückhalten und andächtig die Pfoten falten unter mir.“ Meine Träume handeln von Worten, von Worten, die sich zusammenfügen und Menschen bewegen.

          Was, liebe Romantik, will ich Dir noch sagen? Vielleicht, dass Du es eigentlich nicht verdient hast, im Deutschunterricht behandelt zu werden, ich meine, durchgekaut und trotzdem irgendwie gar nicht verstanden zu werden.

          Was also tun? Sich nur zu beschweren bringt ja nichts, Lösungsvorschläge müssen auch sein. Um dich zu verstehen, besser noch, um mit dir fühlen zu können, müssen wir Schüler etwas Lebendiges angeboten bekommen. Und nein, da reicht nicht ein gefühlvoller, vielleicht sogar moderner Text, der die Romantik näherbringen soll, denn, so sehr es mich schmerzt, das sagen zu müssen, die meisten Schüler wollen am liebsten so wenig wie möglich lesen, besonders in der Schule. Stattdessen muss der moderne Ansatz über Aktuelles laufen – vielleicht die Frage, ob es uns ins Ausland zieht oder ob wir uns nach etwas oder jemandem sehnen; vielleicht ein aktueller kitschiger Popsong. Oder wagt den Einstieg über Glühwürmchen! Hauptsache originell. Und dann, um ganz in die Romantik einzutauchen, könnten wir aufgefordert werden, uns zu überlegen, wie unser Leben damals ausgesehen hätte, im Bezug auf alltägliche Dinge wie Familie, Bildung, die Frage, wie schnell man wegen seiner Homosexualität im Gefängnis landet, Kleidung etc.

          Bei der Behandlung von Gedichten kann man sich auch nicht immer nur auf die Analyse von Stilmitteln beschränken, stattdessen sollte man nach den Emotionen fragen oder besser noch, in welcher Situation wir uns diese Emotionen vorstellen können. Und damit ergibt sich schon eine unendliche Weite von kreativen Aufgaben, von eigenen Geschichten über kurze Szenen bis hin zu Filmen, Musikvideos und was weiß ich noch alles. Diese Weite wird auch schon von Lehrer/innen ausprobiert, aber deutlich zu vorsichtig. Statt einfach nur nach einem Dialog zu einem Gedicht zu fragen, könnte man etwa auch die eröffnende Szene einer Komödie verlangen.

          Die Schüler/innen wollen gefordert werden, auch in kreativer Hinsicht. Mit Freiraum und der Aufforderung, outside the box zu denken, können erstaunliche Ergebnisse zustande kommen. Das Einzige, was dann noch zu tun bleibt, ist, diese Ergebnisse auch entsprechend zu würdigen.

          Also auf Dich, Romantik! Auf ein besseres Verhältnis zu Schülern und der Welt im Allgemeinen!

          Erstaunlicherweise hochachtungsvoll,

          Teresa

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