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Jüdisches Leben in Berlin : Mythos ist auch Wahrheit

Die Diskussion über jüdisches Leben in Berlin verlief nicht sonderlich zielführend. Bild: dpa

Ein Podium im Centrum Judaicum diskutierte anlässlich der dort wiedereröffneten Dauerausstellung, was das „jüdische Berlin“ heute bedeutet. Unbequeme Fragen wurden aber lieber ausgespart.

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          Es klingt, als wäre die Wendung in aller Munde und die unhinterfragte Annahme, dass das, was sie beschreibt, auch wirklich existiert, Konsens in der Gesellschaft: „das jüdische Berlin“. Ob man denn „nach der Schoa weiterhin von einem jüdischen Berlin sprechen“ könne, fragte dagegen zu Recht Gerry Woop, Berliner Staatssekretär für Europa, auf dem Podium im Berliner Centrum Judaicum. Vor allem aber: Wer spricht überhaupt davon? Wer behauptet ohne Einschränkung, dass es ein „jüdisches Berlin“ gebe? Müsste das nicht zunächst einmal geklärt werden, bevor ein „Mythos des jüdischen Berlins“ kreiert wird, der zum Thema einer ganzen Podiumsdiskussion gemacht wird? Und wäre es in einem nächsten Schritt nicht zweckdienlich, den Begriff des Mythos zu definieren, schon allein um sicherzustellen, dass auch alle über dasselbe sprechen?

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Schnell wurde klar: Mit einer Antwort auf diese Fragen war nicht zu rechnen. Weder gab es an diesem Abend eine substantielle Analyse noch eine echte Diskussion. Die Moderatorin Anja Siegemund, Direktorin des Centrum Judaicum, die in jeder zweiten Frage ein neues „Narrativ“ entdeckte, fand stets die „quasi persönliche Dimension“ der Podiumsteilnehmer interessanter, was umso weniger verständlich war, als es sich weder um Zeitzeugen noch um herausragende Personen des öffentlichen Lebens mit ungewöhnlichen Biographien handelte. Im Namen der narrativen Dekonstruktion aber machte sich das Podium daran, den zur Tatsache erklärten Mythos zu entmythologisieren – oder vielleicht auch nicht?

          Gerade nicht als Gegensatz zur Wahrheit, sondern als Vorbedingung zur Wissenschaft wollte der Philosoph Elad Lapidot den Mythos verstanden wissen, ohne dass der Begriff auf dem Podium dadurch in irgendeiner Hinsicht klarer wurde. Nicht alles strahle, was nach außen glänzt, selbst wenn gerade eine neue jüdische Zivilgesellschaft in Berlin heranwachse, gab der Historiker Michael Brenner zu bedenken; der historische Schatten des Mythos gehöre dazu, ergänzte die Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, Susan Neiman; der scheinbare Widerspruch sei gar keiner, fand die Psychologin Marina Chernivsky von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

          Islamischer Antisemitismus als Mythos

          Was nach einer schlechten Paraphrase der „Dialektik der Aufklärung“ klang, wurde zum Ärgernis, als die Moderatorin ein ums andere Mal die wirklich interessanten Fragen überging und ein konsensuales Toleranzverständnis voraussetzte, das zu schnell weichspült, was politisch unbequem sein könnte. Was ist zum Beispiel mit dem islamischen Antisemitismus? Wie soll das „jüdische Berlin“ darauf reagieren? Ist dieses Problem wirklich nur konstruiert, wie die Nachzeichnung des politisch gewollten Gegensatzes zwischen „dem Juden“ und „dem Orientalen“ von Lapidot nahelegte? Ist der islamische Antisemitismus wirklich nur Mythos, der dafür benutzt wird, die deutsche Gesellschaft gegen Muslime aufzubringen?

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