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Jüdische Schulen : Wachstum ohne Blüte

  • -Aktualisiert am

Bräuche und Riten vermitteln: Unterricht an jüdischer Schule in Frankfurt Bild: Jens Gyarmaty / VISUM

Die Zahl der jüdischen Schulen wächst. Ein gutes Zeichen, finden alle Beteiligten. Aber immer häufiger werden die jüdischen Einrichtungen zu Schutzräumen.

          6 Min.

          Aktuell ist es bei Sigmount Königsberg ein bisschen ruhiger. Zumindest im Bereich Schule – einem seiner Aufgabenfelder. Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde Berlin ist erleichtert darüber. Als das alte Schuljahr zu Ende ging, war die Lage eine andere. Wöchentlich bekam Königsberg Meldungen. Wöchentlich saßen jüdische Eltern bei ihm, deren Kinder an nichtjüdischen Schulen – vornehmlich an staatlichen, aber auch privaten – antisemitisch gemobbt wurden. Königsberg sucht dann mit den Schulen den Dialog. „Niemand will ja ein Kind aus seinem Alltag reißen. Das ist die Ultima Ratio“, sagt er. Manchmal gelingt es, das zu vermeiden. Aber bei weitem nicht immer. „Und wenn ein Kind die Schule verlassen muss, dann ist es eigentlich immer das jüdische.“ Er berichtet von Bagatellisierung durch Schulleitungen. Von den Versuchen, solche Situationen einfach auszusitzen. Bis hin zum Ignorieren – trotz eindeutiger Hinweise.

          Königsberg sitzt im Schulleiterbüro in der zweiten Etage des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn, während er davon berichtet. Leicht zurückgesetzt steht das alte Schulgebäude an der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte – umgeben von einem Metallzaun, bewacht von der Polizei sowie gemeindeeigenem Sicherheitsdienst. Über 400 Schüler werden hier unterrichtet. Ihr Schulleiter ist seit vier Jahren Aaron Eckstaedt. „Bei uns am Gymnasium lernen die Schülerinnen und Schüler, wie jüdische Identität in einer modernen Welt aussehen kann“, sagt er. Die Fächer Jüdische Religion und später Religionsphilosophie sowie Hebräisch sind über weite Teile der Schullaufbahn verpflichtend. Der Zulauf ist groß – von jüdischen, aber auch nichtjüdischen Schülern.

          Das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn ist in dieser Hinsicht exemplarisch für das jüdische Bildungssystem, das in den Städten, in denen es große jüdische Gemeinden gibt, insgesamt stark wächst. Allein in den vergangenen drei Jahren wurden in München, Düsseldorf und Frankfurt die Strukturen für eine jüdische Schulbildung bis zum Abitur geschaffen. In der bayrischen und der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt durch die Neugründung von jüdischen Gymnasien, in Frankfurt durch die Erweiterung des bestehenden Systems. Doch es ist nicht nur dieser Ausbau im Bereich der weiterführenden Schulen, der das Wachstum zeigt. An der Düsseldorfer Yitzhak-Rabin-Grundschule war im Jahr ihres 25-jährigen Bestehens vor kurzem die Nachfrage erstmals größer als die Kapazität. 2019 soll daher nun mit drei statt bislang zwei Klassen gestartet werden.

          Schutzräume vor antisemitischen Angriffen

          Es gibt Stimmen, die glauben, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Michael Szentei-Heise ist eine von ihnen. Der Vierundsechzigjährige ist seit über drei Jahrzehnten Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Zum Schulstart vor einigen Wochen hat die „Jüdische Allgemeine“ ein Plädoyer von ihm veröffentlicht. Der Titel: „Wir brauchen jüdische Schulen“. Es baute auf zwei Argumente. Beide sind, so verschieden, ja gegensätzlich sie doch sind, auch Hinweise darauf, wieso die jüdischen Schulen heute einen derart großen Zulauf haben. Das eine lautet: Jüdische Bildungseinrichtungen sind notwendig, um jüdische Identität und Werte zu entwickeln und zu stärken. Es war schon das zentrale Anliegen Anfang der neunziger Jahre, als jüdische Schulen zum ersten Mal boomten. In Düsseldorf wurde etwa die Yitzhak-Rabin-Schule gegründet. In Berlin das Gymnasium Moses Mendelssohn, das damals noch schlicht JOS – Jüdische Oberschule – hieß. Möglich wurde die Entwicklung dadurch, dass nach dem Mauerfall binnen weniger Jahre Zehntausende jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion kamen. Waren die Jahrgänge zuvor oft so schwach, dass die Einrichtung von Schulen undenkbar war, änderte sich das.

          Das andere Argument, sagt Szentei-Heise, sei neuer; ein Ergebnis der vergangenen zwei, drei Jahre. Die aktuellen Entwicklungen machten es dringend erforderlich, Schutzräume vor antisemitischen Angriffen zu schaffen. Mitte 2017, sagt Szentei-Heise, seien in der jüdischen Religionsschule auf Einladung rund 50 Schüler zusammengekommen. Der Vorstand der Düsseldorfer Gemeinde war da, die Schulverwaltung der Stadt und auch ein Vertreter der israelischen Botschaft. Die Jugendlichen sollten berichten über das Jüdisch-sein an nichtjüdischen Schulen. „Es war wirklich entsetzlich“, sagt Szentei-Heise. Die Zahl derer, die von antisemitischem Mobbing und Angriffen erzählten, sei groß gewesen. „Wir waren perplex.“

          Harry Schnabel kann in Frankfurt jeden Tag sehen, wie die jüdische Schule wächst. Die Großbaustelle liegt direkt neben dem Gemeindezentrum. „Es ist immer viel los in unserer Gemeinde“, sagt ihr Schuldezernent, „aber: Momentan ist es schon besonders viel.“ Denn neben Schule ist Schnabel auch noch für die Ressorts Bauen und Finanzen zuständig und damit nun, da ein Schulgebäude entsteht, in vielerlei Hinsicht involviert. Der Platz im aktuellen Stammhaus der jüdischen Isaak-Emil-Lichtigfeld-Schule ist für die inzwischen fast 600 Schüler deutlich zu eng geworden. Mit der neuen gymnasialen Oberstufe, die seit diesem Schuljahr aufgebaut wird, braucht es nun zusätzliche Räumlichkeiten. So wird für die Klassen eins bis vier für 13 Millionen Euro neu gebaut. Als die Schule 1966 als Grundschule gegründet wurde, war sie die erste jüdische in Nachkriegsdeutschland. „Eine Zwergenschule“, wie Schnabel sagt. Zwanzig Jahre später folgten die Klassen fünf und sechs. Seit 2006 gab es eine Sekundarstufe I. Und nun also den Weg bis zum Abitur – wie zuletzt im Jahr 1939. „Wir haben abwarten müssen, sind organisch gewachsen“, sagt Schnabel. Warum gerade jetzt der Schritt zur gymnasialen Oberstufe erfolgt? „Unsere Aufgabe ist es, auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren sowie Anregungen und Wünsche unserer Gemeindemitglieder aufzugreifen“, sagt Schnabel. Und der Wunsch, diesen Schritt zu gehen, sei groß gewesen.

          Es fehlt ganz viel

          Auch heute spielen Fragen der Identität bei der Schulentwicklung eine wichtige Rolle. Es waren allen voran die konservativ religiösen Mittelschichten der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, die sich für eine Oberstufe starkmachten – und auf Zustimmung stießen. Eine Gruppe, für die auch im Schulalltag die Einhaltung von religiösen Geboten und Riten zählt. Gewachsen ist sie in den neunziger Jahren durch die Zuwanderung aus Osteuropa. Es ist somit auch der damals angestoßene Prozess, der sich nun fortsetzt. Und doch ist die Lage eine andere. Die Schulentwicklung nach dem Mauerfall sei auch ein Spiegel des Vertrauens gewesen, dass Jüdisch-sein nach dem Holocaust in Deutschland Perspektive hat, sagt Schnabel. Es war der Ausdruck einer Blüte – und das nicht nur quantitativ. „Jetzt stehen wir an einem Scheideweg“, sagt der Schuldezernent. Weil es nun ein völlig konträrer Punkt sei, der die Entwicklung der Schulen zumindest mit bedinge: Verunsicherung statt Vertrauen. „Es gibt die Eltern, die ihre Kinder lieber direkt auf eine jüdische Schule schicken wollen, damit es gar nicht zu einer Situation kommen kann, in der sie antisemitisch gemobbt und angegriffen werden“, sagt Schnabel. Und er sagt auch: „Das ist bestimmt nicht der Grund, aus dem wir wachsen wollen.“

          Belastbare Zahlen über das antisemitische Mobbing an Schulen gibt noch es keine. In Berlin könnte sich das bald ändern. Ab dem Schuljahr 2019/20 soll es eine Meldepflicht für diese Vorfälle geben – als eigenständige Kategorie in den Notfallplänen der Berliner Schulen. Schulleitungen werden dadurch verpflichtet, das Mobbing an Schulverwaltung und Polizei weiterzugeben. Es sei ein guter Schritt, sagt Sigmount Königsberg, „dann sind die Ausflüchte weg“. Hoffnung auf schnelle Veränderung gibt es aber dennoch in keiner der Gemeinden. „Die Schulbürokratie ist schwerfällig“, sagt Szentei-Heise. Der Leiter des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn, Aaron Eckstaedt, bemängelt vor allem eine allgemein fehlende Professionalität im Umgang mit Diversität: „Wir haben in Deutschland immer gedacht, dass wir auf einem wunderbaren Weg sind, stellen aber jetzt fest: Es fehlt ganz viel.“ Das betreffe insbesondere auch die Lehrerausbildung und -fortbildung, findet Harry Schnabel. „Das Schimpfwort ,Jude‘ ist auf Schulhöfen gängig. Das ist psychischer Druck. Viele Lehrer hören weg, weil der Umgang damit lästig wäre.“ Judenhass werde entschuldigt oder auch als Israel-Kritik abgetan, statt ihn deutlich beim Namen zu nennen.

          So ist es nicht auszuschließen, dass Sigmount Königsbergs Ruhe bald vorbei ist – wie am Ende des vergangenen Schuljahres. Er hofft, dass er in Zukunft noch effektiver helfen kann. Dafür drängt auch er auf eine weitere jüdische Einrichtung. „Wir brauchen eine Sekundarschule“, sagt der Antisemitismusbeauftragte. Es ist die Schulform, in der die Lage in Berlin aktuell besonders besorgniserregend sei – und das jüdische Gymnasium kann diese Schüler aus Leistungsgründen nicht aufnehmen. „Deshalb befindet sich der Vorstand der Gemeinde mit dem Senat in Gesprächen“, sagt Königsberg. Für Harry Schnabel ist bei allen diesen Bemühungen vor allem eines entscheidend: „Wir müssen an den jüdischen Schulen den Anteil der nichtjüdischen Schüler behalten“, sagt er. Das sei die Entwicklung, die es zu beobachten gelte – es sei ein Gradmesser. „Wenn er kleiner wird, wäre das fatal.“ An der Isaak-Emil-Lichtigfeld-Schule ist man stolz auf die große Vielfalt. Die Schüler kommen aus achtzehn Nationen. Dreißig Prozent sind nichtjüdisch. Es sind auch einige Muslime unter ihnen. In der Großen Hamburger Straße in Berlin ist das ähnlich. Schutzräume sind sie notgedrungen. Aber Rückzugsorte wollen sie nicht sein – oder werden.

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