https://www.faz.net/-gyl-abkjd

Journal of Controversial Ideas : Die Abgekanzelten melden sich zurück

  • -Aktualisiert am

Der Philosoph Peter Singer ist Mitherausgeber des „Journal of Controversial Ideas“ – Szene aus dem Film „Examined Life“ Bild: Picture-Alliance/Zeitgeist Films/Courtesy Everett Collection

Im „Journal of Controversial Ideas“ wird anonym über wissenschaftliche Themen diskutiert – ein Schreckgespenst für Diskurswächter: Nun legt das JCI seine erste Ausgabe auf.

          4 Min.

          Die Abkanzelkultur mit ihren Angriffen auf die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit trifft in der akademischen Welt oft auf Opportunismus, aber sie provoziert auch Gegenwehr. Ein Beispiel dafür ist das Journal of Controversial Ideas, dessen erste Ausgabe jetzt erschienen ist. Herausgeber der Zeitschrift sind Peter Singer von der Universität Princeton, Jeff McMahan von der Universität Oxford und Francesca Minerva von der Universität Warwick. Alle drei sind Philosophen, aber die Publikation steht Autoren aller Fächer offen.

          Das Journal, das im Netz frei zugänglich ist und sich aus Spenden finanziert, will der rationalen Argumentation und dem ungehinderten Erkenntnisstreben einen Schutzraum vor politischen und religiösen Diskurswächtern bieten. Wer Anfeindungen, Drohungen oder berufliche Nachteile fürchtet, weil er deren Sprech- und Schreibgeboten nicht folgt, kann seinen Aufsatz unter Pseudonym veröffentlichen. Zählen sollen allein die Stringenz der Argumentation, die Stichhaltigkeit der Aussagen und der Erkenntniswert der Ergebnisse. Wie bei akademischen Zeitschriften üblich, muss ein Text vor seiner Publikation von Fachgutachtern akzeptiert werden. Von den eingereichten 91 Arbeiten haben es zehn in die erste Nummer geschafft.

          Drei der Autoren haben unter Pseudonym veröffentlicht. Dass diese Option überhaupt existiert, ist die Frucht eines akademischen Klimas, in dem die Offenheit von Forschung, Lehre und Diskussion unter den Druck von Gender- und Identitätsideologen geraten ist und ganze Forschungsbereiche der moralischen Ächtung verfallen. Diese Atmosphäre breitet sich auch in der akademischen Publikationslandschaft aus, wie Herausgeber und Autoren des Journals berichten. So war ein hier veröffentlichter Beitrag über die moralische Bewertung des „Blackfacing“ zuvor bei einer anderen Zeitschrift eingereicht und von den Gutachtern bereits akzeptiert worden. Nach Beginn der „Black Lives Matter“-Demonstrationen lehnte der Herausgeber den sorgfältig abwägenden Text jedoch ab, weil er „unnötig verletzend“ sein könne.

          Kontroverse Themen sorgen für hitzigen Gesprächsstoff

          Schon in der Planungsphase sahen sich Herausgeber und Unterstützer des Journals dem Vorwurf ausgesetzt, ein Forum für Rassisten, Sexisten und autoritäre Zwangscharaktere aller Art einzurichten. Die erste Ausgabe, deren Beiträge überwiegend der praktischen Philosophie und der Erkenntnistheorie zuzuordnen sind, widerlegt diese Unterstellung. Dass einige Themen heikel und die Fragen, die sie aufwerfen, umstritten sind, darf man von einer Zeitschrift, die die Kontroverse im Titel führt, erwarten.

          Einige Kostproben: Sollte man Straftäter zeitweise in ein künstliches Koma versetzen, statt sie jahrelang einzusperren? Kann angesichts der Erderwärmung eine globale Despotie den Fortbestand der menschlichen Spezies retten? Warum ist die Gewalt militanter Tierrechtsaktivisten gerechtfertigt? Was die Beiträge auszeichnet, sind aber nicht krasse Thesen, sondern der Erkenntnisgewinn, der darin besteht, der Logik von Argumenten bis zum manchmal bitteren oder auch haarsträubenden Ende zu folgen. Der Leser kann dabei auch die Inkonsequenzen eigener, scheinbar selbstverständlicher Einstellungen entdecken. Das kontroverse Potential mancher Themen erschließt sich allerdings nur dem, der zuvor die Labyrinthe der Trans-Queer-Gender-Theorien durchlaufen hat. Dazu gehört der Satz „Frauen sind erwachsene weibliche Personen“, dessen Wahrheitsgehalt immerhin Stoff für zwei gegeneinander argumentierende Aufsätze liefert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Markus Söder beim Parteitag der CSU in Nürnberg

          CSU-Chef im Wahlkampf : Markus Söder, der Antibayer

          Ganz Deutschland, so sagen es die Umfragen, hätte lieber Markus Söder als Armin Laschet zum Kanzler. Ganz Deutschland? Nein, die Bayern mögen ihn nicht.
          Treffsicher vor dem Tor: Münchens Leroy Sané

          7:0-Sieg in Bundesliga : Der FC Bayern wie im Rausch

          Gegen den VfL Bochum treffen die Münchner aus fast allen Lagen. Und der Aufsteiger trifft auch – allerdings ins eigene Tor. Für den Moment grüßt der FC Bayern wieder von der Tabellenspitze.

          Chefin einer Spezialeinheit : Die Frau im Schatten

          Terroristen, Waffenhändler, organisierte Kriminalität: Die Polizistin Kerstin Kalinka kennt die Abgründe der Gesellschaft. Als eine von wenigen Frauen leitet sie ein Mobiles Einsatzkommando. Und steht für die Polizei von morgen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.