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Quellen des Islams : Wie das Wort so wichtig dort war

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Kalligraphen präparieren den Vorhang der Kaaba vor der Ankunft der Pilger in Mekka. Bild: APAImages / Polaris /Studio X

Der salafistische Islam ist eine Fiktion: Josef van Ess hat sein Lebenswerk den Quellen des Streits um den Koran gewidmet.

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          Nur wenigen Orientalisten wird die Ehre zuteil, ihre Nebenwerke als Kleine Schriften veröffentlicht zu sehen. Josef van Ess, der von 1968 bis 1999 in Tübingen Orientalistik lehrte, ist sie zuteilgeworden: In drei Bänden, verlegt bei Brill, hat sein neun Jahre jüngerer Bochumer Kollege Hans Hinrich Biesterfeldt 150 Arbeiten des Gelehrten versammelt. Als den Schwerpunkt seiner Forschung hat van Ess immer die Entfaltung der islamischen Theologie in den ersten Jahrhunderten nach Mohammeds Tod angesehen. Insbesondere das Denken der Mu’taziliten hat ihn ein Forscherleben lang fasziniert.

          Einem ihnen nahestehenden Theologen, Dirar Ibn Amr, ist denn auch der größte Teil des letzten Teils mit den jüngsten Texten gewidmet – unter der Überschrift „Nachträge für die Zukunft“. Dies meint keineswegs nur die künftige Forschung; van Ess sieht vielmehr in der Beschäftigung mit Leuten wie Dirar Ibn Amr auch eine bessere Zukunft für den Islam, denn der Autor des Kitab al Tahrisch („Buchs des Streites“) fügt sich in jene mu’tazilitische Tradition des Räsonierens, die dem heutigen Islam dringend nottäte.

          Die Mu’taziliten, die in Bagdad und Basra wirkten, wagten es, gegen die Buchstabengläubigen, die Prädestinianer (Qadariten), die Gesinnungsethiker (Murdschiiten) und andere Richtungen deutlich Stellung zu beziehen – zugunsten von Freiheit und – modern gesprochen – ethischer Selbstbestimmung. Nur wenn der Mensch frei ist, sein Schicksal im Jenseits wie im Diesseits nicht festgelegt, kann er die Gebote des Korans in sittlicher Verantwortung als „Tathandlung“ realisieren. Schon früh zeigte sich da ein Antagonismus zur Gesetzesreligion der islamischen Sakraljuristen und zu jenen „Heuchlern“ (Munafiqun), die den „Augendienst“ pflegen. Nicht zuletzt von Letzteren handelt auch Dirar Ibn Amr.

          Kein fertiger Islam in früher Zeit

          Salafisten und andere Gruppen, die in den vergangenen Jahren durch einen besonderen Rigorismus ihrer Glaubenspraxis Aufsehen erregt und gelegentlich islamistischen Terroristen als Stichwortgeber gedient haben, behaupten, sie lebten den „authentischen“ Islam. Sie meinen damit Lehren, die sie unmittelbar nach dem Tode des Propheten und in den Jahrzehnten danach schon als dogmatisch verbindliche Lehre vorzufinden glauben.

          Van Ess hat ihnen in seinem bedeutendsten wissenschaftlichen Werk das Gegenteil bewiesen: dass von einem eindeutig zu definierenden, „fertigen“ Islam gerade in jener frühen Zeit ganz und gar nicht die Rede sein kann. Wahrscheinlich könne erst hundert Jahre nach des Propheten Tod überhaupt von so etwas wie einem „Islam“ gesprochen werden. Die drei Nebenarbeiten über Dirar Ibn Amr, der im Jahre 815 starb und ein Zeitgenosse des berühmten Kalifen Harun al-Raschid gewesen ist, bekräftigen dies – ein engagiertes Ringen über die rechte Auffassung von den Lehren des Korans.

          „Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im Islam“ ist der Titel des Hauptwerks von van Ess, das zwischen 1991 und 1997 in sechs Bänden erschienen ist. Es bildet auch den Hintergrund vieler Arbeiten in den Kleinen Schriften, vor allem in den Kapiteln fünf bis sieben, die den Mu’taziliten gelten.

          Ein subtiler Rationalismus

          Im Hauptwerk werden die theologischen Debatten einer aufblühenden Religion und Kultur immer anhand der originalen Texte, nicht aus zweiter Hand, rekonstruiert und dargestellt. Es zeigt sich, dass der Islam am Beginn seiner Geschichte und bis in das neunte (christliche) Jahrhundert hinein in vielem „provisorisch“ war. Sinn der Studie ist es, die heutigen Auffassungen vom Islam von dem Bild zu befreien, das die späteren islamischen Quellen oft nahelegen wollen: „dass nämlich der Islam schon immer das gewesen sei, was er später war“, wie van Ess schreibt. Eine Vielfalt von Auffassungen darüber, wer ein Gläubiger ist und wer nicht, entwickelte sich, wobei die Mu’taziliten, wovon sich ihr Name herleitet, eine „Zwischenstellung“ (i’tizal) zwischen Glaube und Unglaube einnahmen. Sie diskutierten eben lebhaft darüber.

          Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich an die Intensität, mit welcher van Ess den Studenten gerade den Rationalismus der Mu’taziliten nahebrachte, etwa ihre subtilen Analysen der Bedingungen und Möglichkeiten menschlichen Handelns. Neben der Frage, ob der Mensch frei handeln könne oder nicht, debattierten diese Theologen auch darüber, ob der Koran das ungeschaffene, deshalb auch unveränderliche, ewige Wort Gottes war, wie die herkömmliche Auffassung lautete und lautet, oder ob er als Gottes Offenbarungsrede in der Zeit anzusehen sei.

          Sie entschieden sich dafür, dass der Koran ein zeitliches Werk sei, der freien, rationalen Interpretation zugänglich. Die Mu’tazila, die keineswegs als Freidenkertum angesehen werden sollte, sondern in großer gedanklicher Freiheit um die rechte Einsicht rang, kann noch heute Vorbild sein für Denker einer „islamischen Moderne“.

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