https://www.faz.net/-gyl-9bdd1

Jiddische Kultur : Kein schöner Land

  • -Aktualisiert am

David Fishman vom Jewish Theological Seminary of America in New York analysierte die Entwicklung im Russischen Reich. Nachdem die jüdische Gemeinde sich lange an der hebräischen Sprache und Kultur ausgerichtet hatte, wurde von etwa 1860 an zunächst das Russische als Kultursprache wichtiger, bis in den achtziger Jahren das Jiddische einen ungeheuren Aufschwung erlebte, der weit über die Belletristik hinausging. Das jiddische Theater feierte Erfolge in Odessa, erste jiddische Zeitungen erschienen. In den Neunzigern hatten viele dieser Gründungen mit Verboten zu kämpfen. Dennoch sah Fishman Belege genug, um die gängige Erklärung, die Blüte der jiddischen Kultur sei die Folge einer bewussten Hinwendung der jüdischen Intelligenz zu derselben gewesen, in ihr sozialgeschichtliches Gegenteil zu verkehren: Der Aufstieg der jiddischen Kultur habe vielmehr mit einer gewandelten Leserschaft und Nachfrage in den Städten zu tun gehabt, in die immer mehr junge Schtetl-Juden gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts auswanderten.

Dass die soziale Situation zwischen Schtetl und Großstadt auf die Literatur zurückwirkte, konnte Marc Caplan (Yale) an dem von Peretz mit viel Ironie erschaffenem „Erzählraum“ verdeutlichen: Dieser sei zugleich jüdisch und europäisch, romantisch und modern. François Guesnet (UCL London) zeigte, dass es in der Praxis auch selbstverschuldete Rückschläge gab. Er beschrieb, wie nach dem Ersten Weltkrieg ein ambitioniertes Berliner Buchreihenprojekt des wissenschaftlichen YIVO-Instituts, mit dem Jiddisch als Wissenschaftssprache etabliert werden sollte, daran scheiterte, dass hier der akademische jiddische Kontext fehlte. Ganz anders sah es zu dieser Zeit im damals polnischen Wilna aus, dem heutigen litauischen Vilnius, wo jiddische Schulen, Zeitungen und sogar eine Hochschule existierten. Auch das 1925 gegründete YIVO hatte hier seinen Sitz.

Der Optimismus in Wilna war nicht grundlos gewesen

Samuel Kassow (Trinity College, Hartford) ließ vor dem innerem Auge des Publikums die lebendige jiddische Kultur- und Wissenschaftsszene von Wilna auferstehen. Zahlreiche Zeitgenossen (bis hin zu Alfred Döblin) haben die Stadt denn auch dem rivalisierenden, chassidisch und polnisch geprägten Warschau als wahre Hauptstadt von Jiddischland vorgezogen. Auch wenn das jüdische Leben in Vilnius bald nahezu komplett ausgelöscht wurde, wollte Kassow den YIVO-Mitgründer Zalmen Reyzen, der voller Naivität hochfliegende Pläne für eine neue jiddische Identität und Historiographie hatte, ohne das Unglück kommen zu sehen, nicht als tragische Figur verstehen: Aus der eigenen Zeit heraus verstanden, habe man hier einen öffentlichen Intellektuellen von beachtlichem Format vor sich.

Seite aus dem Buch „Geschichtchen für kleine Kinder“ (“Mayselekh far kleyninke kinderlekh“) von Miriam Margolin, illustriert von Issacher Ber Ryback

Freilich hatte auch Warschau enormen Anteil am Aufbau dieser nun endlich nach vorn (aber nicht nach Palästina) blickenden jiddischen Gesellschaft, etwa durch die „Literarishen Bleter“, die führende jiddische Literaturzeitschrift, die ihren Lesern von 1924 bis 1939 Weltliteratur nahebrachte. Aleksandra Geller (Rechovot) wies indes nach, wie die in ihren Berichten lange eine ideelle Zugehörigkeit zu einem offen-liberalen Europa vermittelnden „Blätter“ sich unter den zunehmenden Anfeindungen auf eher jüdische Themen zurückzogen. Der Idealismus war gescheitert. Die Sehnsucht der jüdischen Intelligenz nach einem eigenen, durch das Jiddische markierten Platz in Europa aber hatte so lange bestanden, dass es für viele Juden unbegreifbar sein musste, als sich dieses offenbar irrsinnig gewordene, Suizid begehende Europa gegen seine treuesten Anhänger wandte.

Im Rahmen dieser wegweisenden Tagung wurde im Düsseldorfer Goethe-Museum zudem eine bezaubernde kleine Ausstellung von russisch-jüdischen Illustrationen in jiddischen Büchern eröffnet, die noch bis zum 15. Juli zu sehen ist. Einmal mehr zeigt diese Privatsammlung aus dem Van Abbemuseum Eindhoven, die neben Werken von Marc Chagall und El Lissitzky Illustrationen ebenbürtiger, aber eher unbekannter Künstler präsentiert, wie eng vor einem Jahrhundert die Verbundenheit jüdischer Künstler mit den europäischen Avantgarden war. Für einen kurzen Moment stand das Fenster offen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Markus Söder ärgert sich auch über das verlorene Vertrauen in den Abstimmungsrunden

Corona-Lockerungen : Alle Länder auf eigene Faust

Der Riss hatte sich schon lange angedeutet: Die Länder gehen bei den Lockerungen eigene Wege, eine neue Abstimmungsrunde auf höchster Ebene wird es vorerst nicht geben. Die Kontaktbeschränkungen sollen bis 29. Juni verlängert werden – doch auch hier soll es Sonderregeln geben.

Sieg im Bundesliga-Topspiel : Der FC Bayern ringt den BVB nieder

Der deutsche Fußball-Rekordmeister gewinnt ein packendes Duell gegen Borussia Dortmund. Damit zieht der FC Bayern im Kampf um die Meisterschaft weiter davon. Und dem BVB droht nach der Pleite nun eine weitere herbe Enttäuschung.
„Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun“, schrieb Drosten über die Anfrage der „Bild“

„Bild“ gegen Drosten : Die versuchte Vernichtung

Die Kampagne der „Bild“-Zeitung gegen den Virologen Christian Drosten legt vor allem eines offen: Das Desinteresse vieler an den Fakten für eine angemessene Pandemie-Politik.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.