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Jesuitenpater Clemens Blattert : Scheitern gehört dazu

Lebenshelfer: Jesuitenpater Clemens Blattert Bild: Jan Roeder

Im Schatten der Frankfurter Bankentürme lädt ein Jesuitenpater junge Menschen zwischen 18 und 30 zum Coaching in seine „Zukunftswerkstatt“. Doch was bloß lässt sich von der katholischen Kirche für Studium, Beruf und Karriere lernen?

          6 Min.

          Pater Blattert, Sie haben eine Zukunftswerkstatt gegründet, um jungen Menschen Orientierung zu bieten. Gibt es da nicht genug Angebote?

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Berufung meint das, was mich als Person auszeichnet. Lebe ich meine Berufung, stimmt das, was ich will und tue, überein. Wenn ja, dann bin ich glücklich. In vielen von uns steckt ja auch der Wunsch, dass wir entdeckt werden, dass andere unsere Talente erkennen. Wir Christen sind überzeugt, dass Gott an jeden Menschen einen persönlichen Ruf hat, das kann ein Ruf ins Leben sein, in eine Aufgabe, in einen Sinn in diesem Leben. Es liegt an uns, diesen Ruf zu entdecken und zu verwirklichen. Aber wer spricht heute nicht alles davon, den Lebensweg frei zu machen, oft geht es dabei aber nur um beruflichen und rein finanziellen Erfolg. Bei uns geht es nicht um das Verwirklichen einer Fähigkeit, sondern um das Gelingen. Da sehe ich Bedarf. Deshalb machen wir Jesuiten dieses Angebot. Ich fände es toll, wenn nicht nur in der katholischen Kirche in Deutschland bekannt wäre: Wie Unternehmen sich für erfolgreiche Geschäfte Berater verpflichten, so hast du in der Zukunftswerkstatt der Jesuiten eine gute Adresse, wenn du dein Leben intensivieren willst.

          Wie sieht die Beratung aus, um Menschen zu einem gelingenden Leben zu verhelfen?

          Wir machen verschiedene Angebote. Das wichtigste dabei ist, Platz zu schaffen, wo man alle seine unsortierten Gedanken, großen Träume und die vielen Fragen ohne Angst vor Verurteilung ausbreiten kann. Dazu haben wir ein Stockwerk in der kirchlichen Hochschule St. Georgen in Frankfurt bezogen, sozusagen am Puls der interessanten Bankenstadt, aber auch etwas zurückgezogen. Die Stadt ist verkehrstechnisch optimal. Dort ist mein Büro, aber auch einige Zimmer für einen Rückzug auf Zeit. Junge Menschen, Männer und Frauen, zwischen 18 und 30 Jahren können mich besuchen oder hier leben. Ich stehe für geistliche Begleitung zur Verfügung, das Wichtigste ist für mich, einen Raum zu bieten.

          Einen Raum wofür?

          Wir stecken in so vielen Zwängen, wo immer etwas sein muss, sei es durch die Arbeit, Beziehungen oder Medien. Das ist nicht schlecht, aber es kann sein, wir verlieren uns. Was häufig fehlt, ist ein Freiraum. Den möchte ich anderen eröffnen und ihnen zuhören. Keiner muss eine Rolle spielen oder gar die Prüfung des guten Christen ablegen. Bei der Zukunftswerkstatt geht es darum, eine Auszeit nehmen zu können und zu erkennen: Was will ich wirklich mit meinem Leben anfangen? Das kann sein, dass jemand erkennt, dass sein Studienfach nicht seinen wahren Interessen oder der tolle Managerposten nicht seinen Überzeugungen und Träumen vom Glück entspricht. Aber es kann auch die Erkenntnis sein, am richtigen Platz zu sein, so finde ich zu einer neuen Wertschätzung für das, was ich habe.

          Geben Sie eine Tagesstruktur vor?

          Ja, aber nur eine grobe, das braucht es, damit eine Dynamik entsteht. Wir bieten geistliches Handwerkszeug an, etwa Exerzitien, also geistliche Übungen, um sich allein oder in der Gruppe der Besinnung zu widmen. Abends halten wir einen Tagesrückblick. Wer mag, der kann an unseren Gebetszeiten teilnehmen, muss aber nicht. Wann entwickelt sich ein Kind am besten? Wenn ihm Freiraum ermöglicht wird. Das wollen wir Erwachsene auch. Aber es ist uns nicht immer bewusst. Im Freiraum entsteht ein Prozess, der mich klarer und bewusster macht. Ich werde freier und selbstbewusster.

          Das klingt ziemlich ich-zentriert.

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