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Jacob Böhme in Osteuropa : In den Osten kommt das Licht

  • -Aktualisiert am

Vom Himmel durch das Herz zur Hölle: Jacob Böhmes „Philosophische Kugel“. Bild: Embassy of the Free Mind

Dunkelster Denker oder Wegbereiter einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung? Eine Tagung in Gotha erhellt die osteuropäische Rezeption Jacob Böhmes.

          4 Min.

          Der Philosophus Teutonicus erreicht mittlerweile das große Publikum. Als die Dresdner Schlosskapelle mit der Ausstellung „Alles in allem. Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme“ 2017 wiedereröffnet wurde, wurden mehr als 30 000 Besucher gezählt. Zurzeit ist die Schau in Coventry zu sehen, Amsterdam und Breslau folgen im kommenden Jahr. Zeitgemäße elektronische Hilfsmittel wie animierte Grafiken, eine App oder ein Podcast bringen den Schuster aus Görlitz in die Gegenwart. Der Autor, der lange Zeit nur im Untergrund spiritualistischer Kreise bekannt war, erfährt seine längst fällige öffentliche Würdigung als bekanntester internationaler deutscher Denker des sechzehnten Jahrhunderts.

          Auf der Tagung über Jacob Böhme in Zentral- und Osteuropa, die jetzt im Forschungszentrum Gotha stattfand, zeigten die drei Kuratorinnen der Ausstellung, Lucinda Martin, Claudia Brink und Cecilia Muratori, wie wichtig grafische Darstellungen für die Verbreitung seiner Weltsicht waren. Radierungen und Kupferstiche wurden schon von seinen Zeitgenossen als unentbehrliche Verständnishilfen geschätzt. Denn Böhme gilt bis heute als schwieriger, dunkler Geist, dessen Interpreten und Propagandisten sich anstrengen mussten, um Licht in seine Schriften zu bringen.

          Wenn Böhme auf den ersten Seiten seiner „Aurora oder Morgenröte im Aufgang“ schreibt: „Gleichwie in der Natur Gutes und Böses quillt, herrscht und ist, also auch im Menschen: der Mensch aber ist Gottes Kind, den er aus dem besten Kern der Natur gemacht hat, zu herrschen in dem Guten und zu überwinden das Böse“, so hat er diese Grundlegung nie wieder aufgegeben. Alle Gegensätze finden ihren Ursprung in einer natur-theologischen Wahrnehmung des Kosmos, die Böhme mit der Bibel begründet. Aus der Natur liest er das ewige Evangelium, das er in vielen Briefen predigt. Um ihn herum gründete sich eine subversive Gemeinde, die nicht genug von seinen dramatischen Geschichten und Vorschlägen zur Seelenführung bekommen konnte.

          Verbrannt auf dem Roten Platz

          Dass dieses Programm Böhmes Jünger bis zum Größenwahn aufstacheln konnte, belegte der Münchner Theologe Jan Rohls am Fall von Quirinus Kuhlmann (1651 bis 1689). Der für den „Kühlpsalter“ bekannte Autor wurde durch seine Böhme-Lektüre erweckt, festgehalten in „Der neubegeisterte Böhme“. Er brach mit allen gesellschaftlichen Konventionen, war den Frauen nicht abgeneigt, wollte die Muslime zum rechten Glauben zurückbringen und weitete das Reich des Antichrist auf die verfassten Kirchen der Lutheraner, Calvinisten und Katholiken aus. Sie alle hätten den ewigen Kern der frohen Botschaft verraten, klebten an den Wörtern und verweigerten sich dem Tat-Christentum. Als Kuhlmann sich nach Moskau aufmachte, um mit Unterstützung der dortigen Protestanten die orthodoxe Christenheit zu agitieren, schritten die Behörden ein und machten ihm den Prozess. Quirinus Kuhlmann verbrannte als Ketzer auf dem Roten Platz.

          Kuhlmann verkörpert im Extrem die grundsätzliche Dissidenz, in der sich viele Böhmianer befanden, war Böhme doch selbst Opfer der lutherischen Orthodoxie in Görlitz geworden. Er bekam Schreibverbot und saß im Gefängnis.

          Die finnische Literaturwissenschaftlerin Paivi Methonen schilderte in ihrem Beitrag über Schweden und Finnland, dass bis ins neunzehnte Jahrhundert die Schriften des Görlitzers im lutherischen Untergrund fast nur handschriftlich kursierten. Die von der schwedischen Staatskirche ausgeübte Zensur reagierte allergisch auf mystisches Gedankengut. Das hinderte aber Handwerker und Bauern nicht daran, ihn zu studieren.

          Der Prophet der baltischen Unabhängigkeit

          Ganz anders dagegen in Estland. Die Kulturwissenschaftler Aira Vosa und Mait Laas aus Tallinn reklamierten den Theosophen als wichtigen Inspirator für die estnische Nationalidentität. Schriftsteller und Journalisten wie Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803 bis 1882), Lydia Janssen Hoidola („Morgenröte“) oder Carl Robert Jacobson (1841 bis 1882) lasen Böhme als Theosophen der Befreiung. Deutsch-baltische Intellektuelle feierten im Umkreis der Herrnhuter Brüdergemeinde sein Licht-Reich als Vorbild für die politische Verselbständigung der damals noch unter russischer Herrschaft stehenden Region. Wie der Philosoph Wilhelm Schmidt-Biggemann aus Berlin zuspitzte: „Ein klarer Fall von Polit-Mystik.“

          Jacob Böhmes Wirkung steht immer noch in einem Missverhältnis zum Editionszustand seiner Werke. Eine dreißigbändige kritische Ausgabe ist geplant. Ein Band mit Briefen wird wohl hoffentlich bald erscheinen, darüber hinaus gibt es aber nur Absichten. Die Situation der Druckvorlagen ist einigermaßen kompliziert. Zumal immer noch Entdeckungen gemacht werden, wie der australische Historiker Leigh Penman zur Überraschung der Spezialisten zeigte.

          Beim Durchsehen einer Bibliographie, die Werner Buddecke in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts verfasste, dessen Böhme-Edition der Urschriften noch immer als unentbehrliche Zitiergrundlage gilt, stieß Penman auf eine achtbändige Sammlung von 1650, von der nur noch zwei komplette Exemplare, von ursprünglich 350, nachweisbar sind: in Breslau und in der Stadtbücherei Dessau. Penman kam bei seiner detektivischen Suche auf die Spur des polnischen Druckers Michal Karnal aus Thorn. Weitere Bücher von Karnal fand er in Hamburg und Warschau. Papier, Typographie, Einband und Schmuckgrafiken weisen deutlich auf dessen Werkstatt hin. Die Wiederentdeckung dieser ersten großen Zusammenfassung ist für die Böhme-Philologie kaum hoch genug einzuschätzen. Sie zeigt, dass der Schuster in Polen bekannt war.

          Die erste Biographie

          Hinzu kommt, dass der erste Biograph Böhmes, sein Vertrauter Abraham von Franckenberg (1593 bis 1652), hier zum ersten Mal seinen Lebensbericht publizierte. Nun ist ein Textabgleich möglich mit den gesicherten handgeschriebenen Manuskripten, die in der erweckungswilligen Oberschicht Schlesiens kursierten, gesammelt und teilweise bearbeitet wurden. Die Karnal-Ausgabe ist mit Marginalien der Herausgeber versehen, deren Auswertung bisher unbekannte Informationen verspricht.

          Alle Beiträge der Tagung in Gotha bestätigten das international wachsende Interesse am Philosophicus Teutonicus. Rund um das von Martin Mulsow geleitete Forschungszentrum hat die Böhme-Kennerin Lucinda Martin ein Netzwerk gesponnen. In der Forschungsbibliothek Gotha sind etwa 10 000 Handschriftensätze, viele aus dem siebzehnten Jahrhundert, noch gar nicht katalogisiert.

          Ein Reiz der Erforschung Böhmes besteht im Aufspüren der weitreichenden, oft subversiv geknüpften Verbindungen, die sich schon zu seinen Lebzeiten, dann nach seinem Tod 1624, im ganzen protestantischen Europa nachweisen lassen. Die Manuskripte waren eine kostbare Ware, von deren Verkauf mancher Treuhänder profitierte. Die fromme und irrationale Diktion seiner Schriften bleibt für positivistisch-materialistische Gemüter ein Ärgernis. Bis heute. Doch nach der Säkularisierung muss wenigstens hierzulande niemand mehr fürchten, wegen Verbreitung Böhmischer Gedanken ins Gefängnis gesteckt zu werden. Über Jahrhunderte war dies anders.

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