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Motive für Zeitarbeit : Raus aus der Arbeitslosigkeit

In der Produktion von VW: In der Autobranche kommen Zeitarbeiter häufig zum Einsatz. Bild: Reuters

Eine neue Studie zeigt: Die Zeitarbeit kann eine Brücke in den Arbeitsmarkt sein – gerade für Menschen ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung.

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          Die Zeitarbeit hat in Deutschland einen schlechten Ruf – doch gerade Menschen ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung kann sie den Sprung zurück in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Das belegt eine am Montag veröffentlichte Befragung des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) unter rund 8300 Zeitarbeitskräften. Arbeitslosigkeit zu beenden oder zu vermeiden, war demnach für sechs von zehn Beschäftigten in der Zeitarbeit das Motiv, eine Stelle bei ihrem aktuellen Arbeitgeber anzutreten. Personen ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung gaben dieses Motiv am häufigsten an (64 Prozent), es spielte aber auch für jede zweite akademisch qualifizierte Zeitarbeitskraft eine Rolle. Die Arbeitnehmerüberlassung habe also eine wichtige beschäftigungspolitische Funktion, folgern die Autoren Holger Schäfer, Thomas Schleiermacher und Oliver Stettes.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die Befragung erfolgte, finanziell unterstützt durch den Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister und den Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen, Ende 2018 und Anfang 2019 – also etwa eineinhalb Jahre, nach der jüngsten Regulierung der Branche. Zeitarbeitskräfte müssen seit dem Frühjahr 2017 nach neun Monaten Einsatzzeit im Betrieb genauso entlohnt werden wie vergleichbare Stammarbeitskräfte („Equal Pay“) und dürfen im Regelfall zudem nur noch 18 Monate im gleichen Unternehmen eingesetzt sein. Die Idee dahinter war, Zeitarbeiter vor Ausbeutung sowie die Arbeitsplätze der Stammbeschäftigten zu schützen. Die Studie weckt allerdings Zweifel, ob das tatsächlich gelungen ist.

          Höchstüberlassungsdauer als Hürde

          So können sich nach eigenen Angaben mehr als vier von zehn Zeitarbeitskräften vorstellen, dauerhaft in der Arbeitnehmerüberlassung tätig zu sein. Gut zwei Drittel erhielten im laufenden Einsatz bei einem Unternehmen entweder Equal Pay (15 Prozent) oder Zuschläge auf den Grundlohn (53 Prozent), wie sie etwa in der Autoindustrie gezahlt werden. Rund ein Drittel der befragten Zeitarbeiter wurde im Jahr 2018 jedoch von einem Einsatz abgemeldet, obwohl sie dort gern länger geblieben wären.

          In etwa 40 Prozent der Fälle wurde ihnen dafür das Erreichen der Höchstüberlassungsdauer als Grund genannt. Gerade in der Corona-Pandemie drohe diese Regelung manchen Zeitarbeiter direkt in die Arbeitslosigkeit zu schicken, obwohl sein aktueller Kundenbetrieb ihn weiter beschäftigen würde, warnen die Autoren des IW. Sie plädieren dafür, die Höchstüberlassungsdauer in der Krise temporär auszusetzen.

          Insgesamt aber, auch das zeigt die Untersuchung auf Basis von Daten der Bundesagentur für Arbeit, hat die Corona-Pandemie in der Zeitarbeit bisher nicht so tiefe Spuren hinterlassen, wie man es angesichts des Einbruchs in manchen Teilen der Wirtschaft hätte erwarten können. Schon vor Corona waren unter anderem wegen der schwächelnden Konjunktur weniger Menschen in der Zeitarbeit sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Im Frühjahrs-Lockdown verschärfte sich diese Entwicklung zunächst, ein Teil des Rückgangs konnte inzwischen aber wieder aufgeholt werden. Eine wesentliche Rolle für die vergleichsweise robuste Reaktion der Zeitarbeit dürfte spielen, dass ihr durch eine zeitlich befristete Ausnahme in der Corona-Krise der Zugang zur Kurzarbeit ermöglicht wurde.

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