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Italienische Hochschulen : Unser System gehört zu den besten der Welt

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1,29 Prozent wenden Unternehmen und Staat in Italien für Forschung und Entwicklung auf. Der EU-Durchschnitt liegt bei knapp über zwei Prozent nach den Daten von Eurostat für 2016. Deutschland investiert ungefähr drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wenn sich die wechselnden Regierungen Italiens nicht unterscheiden, ist es dann Ausdruck einer Kultur?

Es ist ein Mangel an Unternehmungsgeist und der Fähigkeit, auf lange Frist zu planen. Das betrifft die politische Klasse Italiens in ihrer Gesamtheit. Sie versteht nicht, dass Ausgaben für Forschung und Innovation auf mittlere Sicht die lohnendste Investition für ein Land darstellen. In gewisser Weise ist das typisch für Italien, das daran gewöhnt ist, mit Blick auf den nächsten und den übernächsten Tag zu leben. Der andere Grund ist, dass die Staatsschulden zu hoch sind, dass viel Geld für den Schuldendienst ausgegeben wird. Deswegen ist die Decke immer sehr kurz.

In den letzten Wochen haben Bürger in Norditalien für den Weiterbau der Schnellbahnverbindung Lyon-Turin demonstriert, für die Interessen der kleinen und mitelgroßen Betriebe, für den Ausbau der Infrastruktur. Warum geht niemand für Bildung und Forschung auf die Straße?

Die genannten Anliegen sind gerade aktuell. Im Fall der Universitäten hat sich aber die letzten 20 Jahre nichts bewegt. Wer geht für ein 20 Jahre altes Problem auf die Straße? Und in den Universitäten ist man schon froh, wenn das jeweils neueste Haushaltsgesetz die Fördermittel des auslaufenden fortschreibt. Wie soll man dagegen protestieren, wenn eine neue Regierung sich im Großen und Ganzen so verhält, wie die vorhergehenden? Diesmal soll es sogar 1000 neue Stellen für junge Forscher geben, die Neuauflage des Fonds für die bauliche Erhaltung ist in Aussicht gestellt. Natürlich geht es immer um Summen, über die man lachen kann. Aber man kann nicht sagen, die derzeitige Regierung habe sich von den Universitäten abgewendet. Für die Universitäten ist es gleich, wer gerade regiert.

Und doch haben Sie in Ihrem Grußwort zum neuen akademischen Jahr an die dunklen dreißiger Jahre erinnert.

Ich habe gesagt, die Universität müsse kritischen Geist und intellektuelle Nächstenliebe beweisen und damit Giovanni Battista Montini zitiert, den späteren Kardinal von Mailand und Papst Paul VI. Das ist nicht nur ein wunderbarer Satz – als Montini ihn 1930 jungen Universitätsangehörigen aufgab, hat er auch Mut bewiesen. Wenn Sie in meinem Zitat eine politische Botschaft erkannt haben, ist das ganz richtig. „Intellektuelle Nächstenliebe“ habe ich jetzt als Öffnung gegenüber dem anderen definiert. Gemeinsam mit dem kritischen Geist ist das für mich die Mission der Universität.

Die Fragen stelle Klaus Georg Koch.

Elio Franzini trat im Oktober das Amt des Rektors der Universität Mailand (Università degli Studi di Milano) an. Franzini ist Professor für Philosophie. Ausgehend von Edmund Husserls Phänomenologie hat er sich vor allem mit Fragen der Ästhetik beschäftigt.

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