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Karrierepfade, Teil 4 : Interview | Wie wird man Entwicklungschef von Audi, Herr Hackenberg?

Begeisterter Motorsportler: Ulrich Hackenberg ist dem Automobil an sich und dem Rennsport im Speziellen verfallen. Bild: Privat

Vom Autoschrauber zum Chefentwickler, vom Studenten zum Vertrauten von Piëch, Winterkorn & Co.: Die steile Karriere von Ulrich Hackenberg.

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          Manche Dinge vergisst man als Technikfan nie. Ulrich Hackenberg bildet da keine Ausnahme. Soeben ist der Entwicklungschef der Premiummarke Audi, des beliebtesten Arbeitgebers für angehende Ingenieure in Deutschland, aus seinem schwarzen A8 gestiegen. Nun sitzt er im Vorstandsgebäude im Audi Forum am Hauptsitz Ingolstadt, und die Antwort auf die Frage nach seinem ersten Auto kommt, noch bevor der Autor den Satz beendet hat: „Das war ein Fiat 500“, erinnert sich Hackenberg. „Ich habe ihn mir noch während der Schulzeit für 300 Mark gekauft, die ich mir durch einen Nebenjob am Bau verdient hatte.“

          Für Hackenberg ist das Auto mehr als ein Gebrauchsgegenstand auf vier Rädern, und vielleicht ist diese Erkenntnis der Code zur Entschlüsselung seiner Erfolgsformel. Er ist Autofan mit Leidenschaft. Es ist Montagabend, das Interview für 20 Uhr angesetzt, und Hackenberg, der tags drauf seinen 65. Geburtstag feiert, ist schon den ganzen Tag durchgetaktet. „Einen solchen Job und ein solches Pensum kann man nur machen, wenn man mit Leidenschaft dabei ist“, sagt er, auch am Ende eines langen Arbeitstages noch hellwach, gesprächig, konzentriert. Leidenschaft für des Deutschen liebstes Spielzeug, das Auto. Leidenschaft für die vielen Tausend Zusammenhänge, die es heute zu einem äußerst komplexen Kunstwerk machen. Und Leidenschaft dafür, diese Komplexität aufzulösen zugunsten einer Einfachheit, aus der heraus sich technische Exzellenz und Wertschöpfung zu Innovation und somit zu Markterfolg vereinen.

          Ulrich Hackenberg: „Ich wollte Tonmeister werden“

          Man kann nicht sagen, dass Ulrich Hackenberg seinen Weg zum Vorstand für technische Entwicklung bei Audi geplant hätte. „Ich wollte eigentlich Tonmeister werden“, erinnert er sich an sein erstes Berufsziel, das dem Wunsch entstammte, seine Vorliebe zur Musik mit jener für Technik zu kombinieren. Das war kurz nach dem Abitur, das er am privaten Internat in Schloss Heessen im nordrhein-westfälischen Hamm ablegte, wohin er dank eines Begabtenstipendiums gelangt war – „meine Eltern hätten sich das nicht leisten können“. Doch dann ging er doch seiner Liebe zum Auto nach – konsequent, Schritt für Schritt.

          Schon während seines Maschinenbaustudiums an der RWTH Aachen legte er den Fokus auf Autos. Sein intensivstes Erlebnis: eine Exkursion zu Volkswagen. Parallel zum Studium arbeitete er am Institut für Kraftfahrwesen, wo er nach Abschluss seines Studiums eine Assistentenstelle mit eigenem Forschungsbereich zum Thema Fahrdynamik erhielt. „Auf diese Weise konnte ich wertschöpfend arbeiten“, so Hackenberg. Es war die Verbindung von Theorie und Praxis – Terminpläne, Ziele, Businesspläne inklusive. „Ich habe gelernt, ein Auto fertig zu machen und nicht nur zu theoretisieren“, erinnert er sich an das Projekt Uni-Car, an dem fünf Hochschulen und zahlreiche Konzerne beteiligt waren. So kam er in Kontakt zu den großen Playern am Automobilmarkt. Eine wichtige Erfahrung. Und: Seine Arbeit an der Fahrwerklenkung blieb nicht im Verborgenen, auch wenn er zwischenzeitlich durch die Promotion im Bereich Motorradtechnik kurz vom Vier- aufs Zweirad gewechselt war und fast nebenbei seine bis heute währende und gepflegte zweite Liebe zum Motorrad entdeckte.

          Denn sein Lebenslauf brachte ihm Angebote ein, von denen er 1985 jenes von Audi annahm. „Audi war seinerzeit auf dem Sprung, das konnte man sehen“, so Hackenberg. Schnell wurde er Leiter der Hauptgruppe Mechanik, entwickelte ein neues Konzept für den Audi 80, den heutigen A4. Sein Wirken fiel auch in der Unternehmensleitung auf, bei Ferdinand Piëch. Als der erste A4 entwickelt wurde, war dieser aus Sicht Piëchs aufgrund seiner Größe zu nahe am A6. Hackenberg schlug vor, beide Produktionslinien zusammenzubringen: Es entstand der erste Baukasten, also eine gemeinsame Plattform, die als Basis für mehrere äußerlich unterschiedliche Modelle einer Marke dient und so neue Synergien und höhere Flexibilität im Produktionsprozess zulässt – und damit einen niedrigeren Entwicklungspreis pro Stück. Das Thema Baukasten sollte die prägende Rolle in der Karriere Ulrich Hackenbergs einnehmen.

          Ulrich Hackenberg | Vater des Baukastens

          Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn, beide zuvor bei Audi, saßen inzwischen bei Volkswagen im Vorstand und lotsten Hackenberg 1998 zu VW, wo er die Plattform ebenfalls installierte. Parallel entwickelte er als Member of the Board für Entwicklung bei Rolls-Royce Bentley eine neue Produktpalette. Zurück bei Audi, entstand – erneut unter Winterkorn – von 2002 bis Januar 2007 der „Modulare Längsbaukasten“, der sich allerdings nur für Autos mit längs eingebauten Motoren eignet, also für die größeren Audi-Typen vom A4 aufwärts. Als Gegenstück dazu ist der „Modulare Querbaukasten“, den Hackenberg ab 2007 – erneut bei VW als Mitglied Markenvorstand für den Bereich Entwicklung – nach fünfjähriger Planungsarbeit verwirklichte, die Blaupause für eine große Zahl kleiner und kompakter Modelle. Nicht nur Golf, Polo oder Passat basieren auf diesem Baukasten, auch andere Modelle aus dem Konzern, etwa von Seat oder Škoda. „Das ist das technische Highlight in meiner Karriere“, sagt Hackenberg. Seit 2013 ist er wieder bei Audi, „so schließt sich der Kreis“.

          Mit 65 Jahren brennt Hackenberg immer noch für das Automobil an sich – und genießt seine Ausflüge zum Rennsport: „Weil es hier ums Gewinnen geht, und wir wollen gewinnen“, wie er trocken sagt. Wer gewinnen wolle, müsse hart arbeiten und dann auch noch entdeckt werden. Für das Erste war er in seiner Vita selbst verantwortlich. Für den letzten Punkt hatte er Förderer: Ferdinand Piëch, „der mich immer gefordert hat“, und Martin Winterkorn, „bei dem ich viel gestalten durfte und der mir viele Freiheiten gegeben hat“.

          Als Führungskraft hat Hackenberg gelernt, die Fähigkeiten der Mitarbeiter zu orchestrieren, „denn sie sind dir auf ihrem Spezialgebiet überlegen“. Am Ende gehe es um Kompromisse – siehe Golf. Drei Generationen haben bei Hackenberg einen gewissen Erfolgsdruck eingebrannt: dass vom Golf nichts anderes erwartet wird, als der Gewinner zu sein. „Er muss die Einzeldisziplinen beherrschen, aber eben vor allem in der Summe der Beste sein.“

          Längst gilt der akribische Tüftler als wichtigster Ideengeber bei Audi, und damit hat sein Wort Gewicht. Denn: Mit Blick auf die Digitalisierung des Autos, autonomes Fahren, neue Antriebe und geringere Emissionen braucht das Auto vor allem eines: neue Ideen.

          Ulrich Hackenbergs Karrieretipps

          • Suchen Sie möglichst früh den Kontakt zur Industrie.
          • Versuchen Sie sich im Studium schon früh an wertschöpfenden Tätigkeiten, denn nur so entwickeln Sie ein Verständnis für die echten Abläufe in der Praxis.
          • Bemühen Sie sich auch trotz der einfachen Wissensbeschaffung im Internet, die technischen, physikalischen und chemischen Grundlagen zu verstehen.

           

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