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Karrierepfade, Teil 4 : Interview | Wie wird man Entwicklungschef von Audi, Herr Hackenberg?

Denn sein Lebenslauf brachte ihm Angebote ein, von denen er 1985 jenes von Audi annahm. „Audi war seinerzeit auf dem Sprung, das konnte man sehen“, so Hackenberg. Schnell wurde er Leiter der Hauptgruppe Mechanik, entwickelte ein neues Konzept für den Audi 80, den heutigen A4. Sein Wirken fiel auch in der Unternehmensleitung auf, bei Ferdinand Piëch. Als der erste A4 entwickelt wurde, war dieser aus Sicht Piëchs aufgrund seiner Größe zu nahe am A6. Hackenberg schlug vor, beide Produktionslinien zusammenzubringen: Es entstand der erste Baukasten, also eine gemeinsame Plattform, die als Basis für mehrere äußerlich unterschiedliche Modelle einer Marke dient und so neue Synergien und höhere Flexibilität im Produktionsprozess zulässt – und damit einen niedrigeren Entwicklungspreis pro Stück. Das Thema Baukasten sollte die prägende Rolle in der Karriere Ulrich Hackenbergs einnehmen.

Ulrich Hackenberg | Vater des Baukastens

Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn, beide zuvor bei Audi, saßen inzwischen bei Volkswagen im Vorstand und lotsten Hackenberg 1998 zu VW, wo er die Plattform ebenfalls installierte. Parallel entwickelte er als Member of the Board für Entwicklung bei Rolls-Royce Bentley eine neue Produktpalette. Zurück bei Audi, entstand – erneut unter Winterkorn – von 2002 bis Januar 2007 der „Modulare Längsbaukasten“, der sich allerdings nur für Autos mit längs eingebauten Motoren eignet, also für die größeren Audi-Typen vom A4 aufwärts. Als Gegenstück dazu ist der „Modulare Querbaukasten“, den Hackenberg ab 2007 – erneut bei VW als Mitglied Markenvorstand für den Bereich Entwicklung – nach fünfjähriger Planungsarbeit verwirklichte, die Blaupause für eine große Zahl kleiner und kompakter Modelle. Nicht nur Golf, Polo oder Passat basieren auf diesem Baukasten, auch andere Modelle aus dem Konzern, etwa von Seat oder Škoda. „Das ist das technische Highlight in meiner Karriere“, sagt Hackenberg. Seit 2013 ist er wieder bei Audi, „so schließt sich der Kreis“.

Mit 65 Jahren brennt Hackenberg immer noch für das Automobil an sich – und genießt seine Ausflüge zum Rennsport: „Weil es hier ums Gewinnen geht, und wir wollen gewinnen“, wie er trocken sagt. Wer gewinnen wolle, müsse hart arbeiten und dann auch noch entdeckt werden. Für das Erste war er in seiner Vita selbst verantwortlich. Für den letzten Punkt hatte er Förderer: Ferdinand Piëch, „der mich immer gefordert hat“, und Martin Winterkorn, „bei dem ich viel gestalten durfte und der mir viele Freiheiten gegeben hat“.

Als Führungskraft hat Hackenberg gelernt, die Fähigkeiten der Mitarbeiter zu orchestrieren, „denn sie sind dir auf ihrem Spezialgebiet überlegen“. Am Ende gehe es um Kompromisse – siehe Golf. Drei Generationen haben bei Hackenberg einen gewissen Erfolgsdruck eingebrannt: dass vom Golf nichts anderes erwartet wird, als der Gewinner zu sein. „Er muss die Einzeldisziplinen beherrschen, aber eben vor allem in der Summe der Beste sein.“

Längst gilt der akribische Tüftler als wichtigster Ideengeber bei Audi, und damit hat sein Wort Gewicht. Denn: Mit Blick auf die Digitalisierung des Autos, autonomes Fahren, neue Antriebe und geringere Emissionen braucht das Auto vor allem eines: neue Ideen.

Ulrich Hackenbergs Karrieretipps

  • Suchen Sie möglichst früh den Kontakt zur Industrie.
  • Versuchen Sie sich im Studium schon früh an wertschöpfenden Tätigkeiten, denn nur so entwickeln Sie ein Verständnis für die echten Abläufe in der Praxis.
  • Bemühen Sie sich auch trotz der einfachen Wissensbeschaffung im Internet, die technischen, physikalischen und chemischen Grundlagen zu verstehen.

 

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