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Zwei Päpste übers Judentum : Ins Unreine geschrieben

Das sind Petitessen gemessen an Ratzingers inhaltlicher Kritik. Die Formel des polnischen Papstes, so jedenfalls versteht man den Autor im Resümee, „taugt nicht auf Dauer“, weil sie das heilsgeschichtliche „Versagen“ des Judentums nicht angemessen abbilde. Wörtlich heißt es in dem Communio-Text: „Ja, Gottes Liebe ist unzerstörbar. Aber zur Bundesgeschichte zwischen Gott und Mensch gehört auch das menschliche Versagen, der Bruch des Bundes und dessen innere Folgen: Tempelzerstörung, Zerstreuung Israels, der Ruf in die Buße hinein, der den Menschen neu des Bundes fähig macht.“ Fähig macht freilich des Neuen, nicht des Alten Bundes: „Die Umstiftung des Sinai-Bundes in den neuen Bund im Blute Jesu, das heißt in seiner den Tod überwindenden Liebe, gibt dem Bund eine neue und für immer gültige Gestalt.“ Hier tritt de facto der Neue Bund an die Stelle des Alten, auch wenn dieser „im Kern“ (Ratzinger) weiter bestehe. Liegt der Charme der getadelten Formel Wojtylas nicht aber gerade auch in ihrem agnostischen Moment? Wie genau die Spannung zwischen Altem und Neuem Bund sich letztlich (biblisch: am Ende der Zeiten) auflösen mag, wird zu wissen nicht beansprucht.

Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten, kritisiert Ratzingers Text in einer gründlichen Analyse denn auch als Aushöhlung dieser Wojtyla-Formel („Neue Zürcher Zeitung“ vom 9. Juli). Übrig bleibe ein inhaltlich kaum gedeckter Formelkompromiss. Dass der Berliner Rabbiner Walter Homolka befürchtet, Ratzingers Text könne insoweit auch als Wegbereitung für christlichen Antisemitismus gelesen werden, ist zumal in Zeiten nassforscher digitaler Instrumentalisierung in der Tat nicht auszuschließen. Bei seiner Münchner Rede zum siebzigjährigen Bestehen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hielt Homolka dem Communio-Text jetzt vor, „christliche Identität auf Kosten der jüdischen“ formuliert zu haben.

Warum aber hat man den Text überhaupt veröffentlicht? Die insgesamt begriffsgeschichtlich ausgerichtete Einlassung Ratzingers ist als Expertise für eine vatikanische Behörde verfasst worden. Das wird im Geleitwort von Kurt Koch offengelegt, dem Kurienkardinal, der besagter Kommission vorsteht. Ratzingers Text mit Datum vom 26. Oktober 2017 sei zunächst „freilich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen“, schreibt der Kardinal, vielmehr nur zu seiner, Kochs, „persönlichen Verwendung“. Erst auf sein Bitten (Drängen?) hin habe sich Ratzinger einverstanden erklärt, den Text in „Communio“ zu publizieren. Und zwar bestürzenderweise ohne weiteres, das heißt ohne die Textvorlage für das neue Forum veröffentlichungsreif zu machen, etwa indem man sie mit den jüngsten Ergebnissen christlich-jüdischer Dialogarbeit kontextualisiert hätte.

Man kann es kaum fassen: Warum mutwillig an einer Formel rütteln, welche zum Symbol der jüdischen-christlichen Verständigung wurde, an einer Formel, die, wie Ratzinger ja zu Recht anmerkt, „in gewissem Sinn zur heutigen Lehrgestalt der katholischen Kirche“ gehört? Karol Wojtyla dürfte sich wegen dieser groben Fahrlässigkeit, die auch auf das Konto mangelnder redaktioneller Umsicht der Zeitschrift geht, im Grabe herumdrehen.

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