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Inklusion in der Kritik : Zurück zur Förderschule?

Damals sei die Sonderpädagogik als eigenständiges Studienfach durchgesetzt worden, sonderpädagogische Zusammenhänge seien nicht Gegenstand der Allgemeinen Pädagogik. Sonderpädagogische Diagnostik „konstruiert Behinderung auf der Basis von Normalitätsannahmen mit stereotypisierenden und stigmatisierenden Effekten“, sagt Schumann. Mit der Konstruktion der „Lernbehinderung“ werde außerdem die im Nationalsozialismus eingeführte sonderpädagogische Konstruktion der „Hilfsschulbedürftigkeit“ in beschämender Weise fortgeführt. Mit solchen Argumenten hat die Diskussion über die Inklusion einen neuen Tiefpunkt erreicht.

In einem Gegenbeitrag hat der Erziehungs- und Rehabilitationswissenschaftler und Psychologe Bernd Ahrbeck auf Schumanns Beitrag in der gleichen Ausgabe von „Pädagogik“ geantwortet und darauf hingewiesen, dass in der Sonderpädagogik von einer „rein individuenbezogenen, ,defektorientierten‘ Sichtweise“ schon seit Jahrzehnten nicht mehr die Rede sein könne. Das Qualifikationsniveau sonderpädagogisch ausgebildeter Lehrer sei im internationalen Vergleich ausgesprochen hoch, „andere Länder beneiden Deutschland darum“. Ahrbeck hält die sonderpädagogische Expertise für eine Voraussetzung für gemeinsame Beschulung. Die unzureichende sonderpädagogische Unterstützung verursache viele der Schwierigkeiten im Schulalltag. „Die Sonderpädagogik setzt sich gezielt mit der Entwicklung einzelner Kinder auseinander, in einer Form, die die allgemeine Pädagogik nicht bieten kann“, meint Ahrbeck und verweist darauf, dass der gezielte diagnostische Blick eines Sonderpädagogen Förderschritte initiieren und zu einer Unterrichtsgestaltung beitragen kann, die allen Kindern zugutekomme. „All das gilt aber als äußerst verdächtig.“ Sonderpädagogik werde bei ihren glühenden Verfechtern zu einer Stigmatisierung, die noch nie einen substantiellen Beitrag zur Förderung behinderter Kinder geleistet habe. Die unbedingte, nicht von fremden sonderpädagogischen Kräften gestörte schulische Gemeinsamkeit „wird als humanitärer Durchbruch angesehen, bei dem sich eine besser ausgestattete allgemeine Pädagogik und die richtige Haltung vollends selbst genügen“. Die empirische Realität wird einfach negiert. „Für jedes Kind soll das Gleiche gleich gut sein, auch wenn das Gegenteil hinreichend belegt ist“, so Ahrbeck. Er wirft den Gegnern der gezielten sonderpädagogischen Diagnostik einzelner Kinder eine „Trivialisierung von Behinderung“ vor. Mit anderen Worten, sie tun so, als könne die pure Gleichbehandlung die Unterschiede der betroffenen Kinder zum Verschwinden bringen, indem sie schlicht wegdefiniert werden.

Die UN-Behindertenrechtskonvention verbietet weder die Beschulung in Spezialeinrichtungen, wenn sie der Förderung des betroffenen Kindes am besten dienen, noch lässt sich auf ihrer Grundlage das Ende einer eigenständigen sonderpädagogischen Ausbildung fordern, wie das Brigitte Schumann und mit ihr manche andere tun. Je größer die Ernüchterung über die Inklusion, desto unversöhnlicher stehen sich Befürworter und gemäßigte Inklusionskritiker gegenüber. Erschreckend ist nicht nur der moralische Nimbus, mit dem debattiert wird, sondern auch die wachsende Irrationalität, unter der die Kinder mit Beeinträchtigungen am allermeisten zu leiden haben.

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