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Ingenieure ohne Grenzen : „Mit 35 Liter sauberem Wasser ist es unmöglich, alle Schüler zu versorgen“

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Lea Hennemann koordiniert das Projekt in Darmstadt. Bild: Ingenieure ohne Grenzen

Lea Hennemann, 22 Jahre, ist bei Ingenieure ohne Grenzen aktiv. Im Gespräch gibt sie Einblick in ihre Aufgaben und in ein aktuelles Projekt der Hochschulgruppe Darmstadt.

          4 Min.

          Frau Hennemann, warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, sich gesellschaftlich zu engagieren?

          Ich engagiere mich schon seit meiner Schulzeit, und das hat mir immer viel Freude gemacht. Dinge im Kleinen und im Großen zu bewirken und sich für andere einzusetzen – meiner Erfahrung nach kann man so viel verändern und die Welt ein bisschen gerechter machen. Nicht zuletzt gewinnt man auch persönlich durch ein solches Engagement: Man lernt dabei spannende Leute kennen, und über sich selbst erfährt man ebenfalls eine ganze Menge.

          Seit knapp zwei Jahren arbeiten Sie bei Ingenieure ohne Grenzen. Wie sind Sie dazu gekommen?

          Ich wollte mich gern an der Uni engagieren und bin auf der Suche nach einer Hochschulgruppe auf Ingenieure ohne Grenzen gestoßen. Die Idee hat mich sofort begeistert. Ingenieure ohne Grenzen engagiert sich für Menschen, deren infrastrukturelle Grundbedürfnisse wegen Not und Armut nicht gesichert sind. Viel Wert legen sie dabei auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Unser Verein und die lokalen Partner begegnen sich auf Augenhöhe. In Darmstadt kommen Leute aus unterschiedlichen Fachbereichen zusammen – vor allem natürlich Ingenieure, Maschinenbauer, Elektrotechniker. Persönlich kann ich mein Interesse an Entwicklungsarbeit ausleben und darüber hinaus auch mein technisches Wissen praktisch anwenden.

          Wasser marsch: Nach Abschluss des Baus starteten die Darmstäder Ingenieure gemeinsam mit den Berufsschülern vor Ort den ersten Testlauf.

          Bei dem aktuellen Projekt Ihrer Gruppe, einem Wasserversorgungsprojekt in Tansania, geht es um die Errichtung einer solarthermischen Wasserdesinfektionsanlage zur alternativen Wasserdesinfektion in Tansania. Was ist der Hintergrund?

          2010 haben die Vereinten Nationen den Zugang zu Wasser zu einem Menschenrecht erklärt. Doch auch wenn die Menschen Zugang zu Wasser haben, gibt es allein durch Wasserverunreinigungen jedes Jahr 1,8 Millionen Tote weltweit. Hier setzen wir an. Natürlich wissen wir, dass es unzählige Möglichkeiten der Wasserreinigung gibt. Der Vorteil unserer Technik ist allerdings, dass sie robust und mit den Ressourcen vor Ort umsetzbar ist. Mit unserer Bauanleitung können Nutzer die Anlage selbst bauen. Außerdem reduzieren wir mit der solarthermischen Aufbereitung die CO2-Emissionen gegenüber dem herkömmlichen Abkochen über offenem Feuer, denn unsere Methode kommt ohne Brennholz aus.

          Wann ist das Projekt gestartet, und wie war der Projektverlauf?

          Bis zur heutigen Anlage war es ein langer Weg. Seit 2010 gibt es das Projekt schon. Zunächst hat die Gruppe ausgiebig recherchiert und die Vor- und Nachteile einer solchen Anlage abgewogen. Dann wurden die Anforderungen an die Anlage erarbeitet. Es gab viele Entwürfe mit hochprofessionellen thermodynamischen Berechnungen. Die ersten Prototypen entstanden 2013/14. Nachdem 2014 der dritte Prototyp für uns zufriedenstellende Testergebnisse lieferte, wurde eine Bauanleitung erstellt, die mit 90 Seiten ein ziemlich dickes Werk ist. Darin wird die Vorgehensweise sehr detailliert beschrieben, so dass auch Leute mit wenig Handwerkserfahrung die Anlage bauen können.

          2017 reisten drei Ingenieure mit Anleitung und Workshopmaterial nach Tansania. Wie sah die Arbeit dort aus?

          Der Aufenthalt war auf sechs Wochen angesetzt – zwei Anlagen wurden in der Zeit gebaut. Wir haben so gut wie möglich vorausgeplant. Vor Ort haben die Kollegen dann das Material gekauft und die Anlage in Zusammenarbeit mit den lokalen Partnern – Schülern einer Berufsschule – gebaut. Darauf folgte eine Evaluationsphase.

          Wie muss man sich den Tagesablauf vor Ort vorstellen?

          Unsere Kollegen haben sich dem Alltag in der Berufsschule angepasst: Um 8 Uhr begann der Vormittag mit einer Morgenansprache, es folgte eine Arbeitsphase bis 12 Uhr, nach dem Mittagessen wurde weitergearbeitet bis 6 Uhr abends. An den Wochenenden ging es daran, die Schwierigkeiten, aber auch alles, was gut lief, zu dokumentieren, die Planung für den nächsten Tag anzusetzen und den Zeitplan abzugleichen.

          Sind Sie mit dem Ergebnis der Arbeit zufrieden?

          Die beiden 2017 gebauten Anlagen funktionieren und sind im Einsatz. Allerdings ist klar, dass für die Berufsschule der Output noch zu gering ist. Mit 35 Litern pro Tag ist es bisher unmöglich, alle Schüler mit sauberem Wasser zu versorgen. Den Output müssen wir dafür definitiv weiter steigern.

          Wie ist der aktuelle Stand des Projektes?

          Wir überarbeiten die Anlage gerade mit Hilfe der Erkenntnisse aus Tansania. Außerdem aktualisieren wir die Bauanleitung und ergänzen sie um zusätzliche Videotutorials, die den Aufbau erleichtern sollen. 2019 wollen wir mit der verbesserten Anlage ausreisen.

          Warum sind Sie 2017 nicht mit nach Tansania gereist?

          Ich arbeite seit Oktober 2016 an dem Projekt und wäre natürlich gern ausgereist. Aber die Ausreise 2017 war für mich zu früh, denn ich kannte die Anlage damals noch nicht gut genug.

          2017 wurden die ersten beiden Wasserdesinfektionsanlagen in Tansania erfolgreich gebaut.

          Wie sind Sie in das Projekt eingebunden?

          Ich bin aktuell die Ansprechpartnerin für das Projekt und übernehme quasi die Koordination der Arbeitsgruppen und die längerfristige Planung. Wir haben zwei Kompetenzgruppen – für Technik sowie Anlage und Anleitung – und eine weitere, die sich um die Kommunikation mit den Partnern, die Öffentlichkeitsarbeit und die interne Kommunikation kümmert. Ich behalte den Überblick, wer wann an welcher Aufgabe arbeitet, und habe im Blick, wann Projektteile erledigt werden müssen. Ich halte den Kontakt zur
          Geschäftsstelle in Berlin, spreche mit den Kollegen dort die Auslandphasen ab. Wir sind zwar spendenfinanziert und für das Sammeln der Gelder selbst verantwortlich, aber die Konten werden von Berlin aus geführt.

          Hat Ihre Arbeit bei Ingenieure ohne Grenzen Einfluss auf Ihre zukünftige Berufswahl?

          Ingenieure ohne Grenzen hat mir auf jeden Fall ein neues Berufsfeld eröffnet, in dem ich als Umweltingenieurin tätig sein kann, nämlich das der Entwicklungszusammenarbeit. Gerade technische Sachverständige und Consultants werden in dem Bereich besonders gebraucht. Ganz konkret weiß ich allerdings noch nicht, was ich machen möchte. Wenn ich nach dem Master tatsächlich in die Entwicklungszusammenarbeit einsteige, würde es sich beispielsweise anbieten, zunächst Arbeitserfahrung in Deutschland zu sammeln und dann im zweiten Schritt etwa bei der KfW anzufangen. Egal was ich am Ende machen werde – ich bin optimistisch, dass ich etwas finde, das mir Spaß macht.

          Das Interview führte Julia Hoscislawski.

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