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Informatikstudium : Frauen an die PCs!

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In Deutschland lag der Frauenanteil im Informatikstudium laut Kompetenzzen­trum Technik-Diversity-Chancengleichheit, das für seine Berechnungen Daten des Statistischen Bundesamtes nutzt, in den vergangenen Jahren bei gut 20 Prozent. Bild: dpa

Informatik ist noch immer Männersache. Weshalb das ein Problem ist und was eine studentische Initiative dagegen unternimmt.

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          Sie habe am ersten Tag ihres Studiums auch Bedenken gehabt, sagt Nina Mandl. Ob da in dem Raum in der Ludwig-Maximilians-Universität München nur Informatikstudierende sitzen würden, wie man sie aus Filmen kennt, in sich gekehrte, stille Nerds und vor allem: alle männlich? „Es war bunter als gedacht“ sagt sie heute, drei Jahre später. „Aber nicht so bunt wie gehofft.“

          In Deutschland lag der Frauenanteil im Informatikstudium laut Kompetenzzen­trum Technik-Diversity-Chancengleichheit, das für seine Berechnungen Daten des Statistischen Bundesamtes nutzt, in den vergangenen Jahren bei gut 20 Prozent. Bei den Bachelor- und Masterabschlüssen war er ähnlich hoch. Promoviert wurden aber nur noch etwa 17 Prozent Frauen, und unter den Professorinnen und Professoren verblieben 2020 14,2 Prozent. Von denjenigen, die im vergangenen Jahr in Deutschland in IT-Berufen arbeiteten, waren dem Statistischen Amt der Europäischen Union zufolge 19 Prozent Frauen.

          Das sei ein Problem, sagt Nicola Marsden, Professorin für Sozioinformatik an der Hochschule Heilbronn: „Für wen und von wem Artefakte gemacht werden, hängt zusammen.“ Viele Entwicklerinnen und Entwickler, so Marsden, gingen von sich selbst aus, wenn sie überlegten, welche Produkte benötigt würden und wie die aussehen sollten. Und weil die meisten von ihnen männlich seien, entstünden dadurch Produkte, die vor allem für Männer funktionierten. Dahinter muss kein böser Wille stecken: Es ist schwierig, an Bedürfnisse oder Hindernisse zu denken, die man selbst nie erfahren hat.

          Smartphones sind zu groß für Frauenhände

          Aber das Ergebnis ist, dass Videokonferenztools tiefere, männliche Stimmen besser übertragen als höhere, weibliche. Dass Smartphones tendenziell zu groß sind für Frauenhände, aber nicht für Männerhände. Dass virtuelle Assistentinnen wie Siri und Alexa ganz selbstverständlich weiblich sind. Oder dass bei Online-Formularen „Herr“ die Standardanrede ist, obwohl „Frau“ im Alphabet weiter vorne kommt – und Optionen für nichtbinäre Menschen oft komplett fehlen. Das, sagt Marsden, hätten auch schon andere festgestellt, wie die Journalistin Caroline Criado-Perez in ihrem fast fünfhundert Seiten starken Buch „Unsichtbare Frauen“.

          Nicola Marsden
          Nicola Marsden : Bild: privat

          Mit Künstlicher Intelligenz, erklärt Marsden, verselbständige sich das Pro­blem: KI müsse aus vorhandenen Daten lernen, aber diese Daten bezögen sich häufig auf Männer. In der Medizin zum Beispiel wurden Medikamente lange Zeit vor allem an Männern getestet oder typisch männliche Symptome für typisch menschliche gehalten. Außerdem spiegeln Daten häufig Stereotype wider: Frauen werden aufgrund von sexistischen Vorurteilen häufig für weniger kompetent gehalten als Männer und bekommen deshalb etwa auf Jobportalen schlechtere Bewertungen, weshalb sie auf diesen Seiten erst weiter unten auftauchen. Die KI und auch Menschen, die das sehen, kennen diesen Zusammenhang aber nicht unbedingt, sondern folgern daraus fälschlicherweise: Männer sind besser als Frauen. Und geben Männern den Job.

          Der Königsweg wäre, sagt Marsden, stattdessen alle Geschlechter im Team zu haben und außerdem die Nutzerinnen und Nutzer auf Augenhöhe in die Entwicklung von IT-Produkten einzubinden. Inzwischen bezweifle niemand mehr, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse bringen, auch wenn das Ausmaß des Problems längst nicht bei allen angekommen sei. „Die Herausforderung ist, das auf die Straße zu bringen“, sagt Marsden.

          Kinder und Jugendliche an Informatik heranführen

          Für das auf die Straße bringen engagiert sich Nina Mandl, 22, inzwischen mit dem Verein „Starcode“, den sie gemeinsam mit Friedrich Wicke, ebenfalls 22, und einer Handvoll anderer vor etwa einem Jahr gegründet hat. Mandl hat ihr Medieninformatikstudium gerade abgeschlossen, Wicke studiert Informatik im Master. Initiativen wie die ihre gibt es hierzulande nicht allzu viele. Starcode hat derzeit rund 30 Mitglieder in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA, nicht alle, aber viele sind Informatikstudierende. Über das Engagement des Vereins sagt Wicke: „Wir brauchen die besten Informatikerinnen und Informatiker, und davon dürften höchstens 50 Prozent Jungs sein.“ Außerdem bedeute Informatik Geld, Macht, Zukunft – daran sollten Frauen seiner Meinung nach einen größeren Anteil haben.

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