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Universitätssprache Englisch : Ach, vergeblich das Reisen

  • -Aktualisiert am

Einer der Vorreiter der Anglifizierung: die Technische Universität München Bild: Mauritius

Immer mehr Universitäten wollen Englisch zur Verkehrssprache machen. Ist das ein Zeichen von Weltläufigkeit? Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Englisch als neue akademische Lingua franca ist seit Längerem erklärtes Ziel europäischer Universitäten. Es soll die Internationalisierung und damit auch die europäische Integration fördern. Was bereitwillig und nahezu ohne Kritik aufgenommen wurde – im Gegensatz zu anderen Aspekten der Bologna-Reform – , ist eine zweischneidige Unternehmung. Es ist kein europäisches und schon gar kein emanzipatorisches Projekt. Eher ist es fordistisch: für bestimmte Abläufe recht praktisch. Den Preis, den man dafür bezahlt, sollte man aber benennen.

          Wissenschaftler aus deutschsprachigen Ländern werden zunehmend angehalten, in akademischen Programmen den Gebrauch ihrer Muttersprache, der meistgesprochenen Sprache in der EU, im Interesse von Englisch als Verkehrssprache einzuschränken. Viele tun das gern, weil es Weltläufigkeit suggeriert. Man glaubt, das Fenster zur Welt damit weit aufgestoßen zu haben. Wir unterrichten dann in einer Fremdsprache Studenten, deren Muttersprache ebenfalls Deutsch ist, oder aber solche aus dem Ausland, die sich bewusst entschieden haben, in Deutschland ihr Studium zu absolvieren. Letzteren suggeriert man mit englischsprachigen Angeboten, die im Niveau hinter der angelsächsischen Konkurrenz zurückbleiben, das Erlernen der Sprache des Gastlandes sei entbehrlich.

          Anstatt die bereichernde Mühe einzufordern, die jede kosmopolitische Vielsprachigkeit bedeutet, lädt man ein in eine akademische Community, wo fast alle auf mittlerem Sprachniveau operieren, auch wenn sie sich exzellent dabei fühlen. Dieses Milieu erweist sich für jene, die darin verharren und nicht freiwillig die Landessprache lernen, leicht als akademisches Ghetto. Viele, insbesondere asiatische Studenten verbringen ihre Studienjahre im eigenen akademischen Zirkel ohne Kontakt zum Gastland. Das fällt meist nicht auf, von einem kulturellen Austausch kann aber nicht die Rede sein. Man behandelt sie erneut, einer Tradition in Deutschland folgend, wie nützliche, aber sprachunkundige Gastarbeiter.

          Erkenntnischarakter der Einzelsprache

          Eine Zeit lang waren es vornehmlich Fachhochschulen, die diese „Internationalisierung“ betrieben. Sie sahen es als Einstieg in den globalen Markt der „unternehmerischen Hochschulen“ und anglisierten gerne auch gleich ihren Namen („University of Applied Sciences“). Inzwischen sind auch alle Universitäten dabei. Um Studenten aus dem Ausland anzuwerben, offerieren sie Programme in oft zweifelhaftem Englisch und senken damit ihre eigenen intellektuellen Standards. Sie tun es in bester Absicht und sind damit auch erfolgreich. In Verbindung mit einem gebührenfreien Hochschulsystem rekrutieren sie überwiegend Studenten, die sich in englischsprachigen Ländern, wo sie ein angemessenes sprachliches Umfeld fänden, ein Studium nicht leisten können oder nicht zugelassen wurden.

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          So gesehen, ist die Durchsetzung des Englischen als Verkehrssprache an den Universitäten weniger ein Beitrag zur Internationalisierung als zur Etablierung einer supranationalen Funktionalsprache für eine wissenschaftliche gated community. Das hat große Vorteile. Wie jedes universalistische Projekt hat es aber Nebenwirkungen, die es zu bedenken gilt.

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