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Kolumne „Uni live“ : Sein Bestes geben im Studium – was heißt das?

  • -Aktualisiert am

Mit dem Ausruf „Ganbatte!“ wünscht man neben viel Glück auch viel Sitzfleisch. Bild: Laura Kinzig

Bestimmte Phasen im Studium können dazu verleiten, an sich zu zweifeln oder sogar aufgeben zu wollen. Zum Glück gibt es etwas, das helfen kann: „Ganbatte“ – eine japanische Lebensphilosophie in nur einem Wort.

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          „Ganbatte!“, sagen Japaner, wenn jemand ein großes Vorhaben hat, beispielsweise eine Prüfung bestehen, einen Wettbewerb gewinnen oder eine lange Reise antreten will. Anders als in westlichen Ländern wünscht man sich damit nicht einfach nur „Viel Glück!“. Mit „Ganbatte!“ meinen Japaner eher so etwas wie: „Gib dein Bestes!“, aber auch „Bleib dran!“ und „Gib nicht auf!“ Darin schwingt eine ganz andere Botschaft mit als im hierzulande alltäglichen „Viel Glück!“ – und die Lebenseinstellung, die dahinter steht, kann auch während des Studiums und der Promotion durch so manche schwierige Phase bringen.

          Um zu verstehen, was die Japaner mit „Ganbatte“ alles ausdrücken, lohnt es sich, das Wort genauer unter die Lupe zu nehmen. „Ganbatte“ kommt vom japanischen Verb „ganbaru“ und bedeutet so viel wie „durchhalten“, „dranbleiben“, an seinem Standpunkt festhalten oder gar sich weigern, sich von der Stelle zu rühren. Das Verb 頑張る(„ganbaru“) ist zusammengesetzt aus zwei Worten: Zum einen aus 頑, „kataku“, das so viel wie hartnäckig oder stur bedeutet, und 張, „haru“, das so viel wie strecken, aber im weiteren Sinne auch beharrlich sein heißt. Gemeinsam gelesen, bedeuten die Zeichen, „an etwas hartnäckig dranbleiben“.

          Tu, was du kannst

          Übersetzt wird der Ausdruck auch häufig mit „Gib dein Bestes!“ Für mich klang dieser Satz lange Zeit nach der Forderung, mich sehr anzustrengen, um etwas zu erreichen – ohne dass mir das Ziel dieser Anstrengung überhaupt klar war. Mein Bestes zu geben, war in meinem Kopf verbunden mit dem Gedanken, dass ich viel und hart arbeiten, mir bei jeder kleinsten Aufgabe außerordentlich Mühe geben und möglichst wenige Pausen machen sollte. Seit ich die Idee hinter dem japanischen Wort „ganbatte“ kenne, versuche ich, es anders anzugehen, wenn ich mein Bestes geben will.

          In seinem Buch „Ganbatte! The Japanese Art of Always Moving Forward“ fasst Albert Liebermann das Konzept von „ganbatte“ folgendermaßen zusammen: „Tu alles, was du kannst, so gut du kannst, und wenn sich die Dinge nicht so entwickeln, wie du es dir wünscht, dann ist das in Ordnung; du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, weil du alles getan hast, was in deiner Macht stand.“

          „Ganbatte“ ist aus verschiedenen Gründen bestärkender und motivierender als „Viel Glück“: Man kann es nicht nur zu anderen, sondern auch zu sich selbst sagen; es erinnert daran, sich nicht auf äußere Faktoren zu verlassen, sondern aktiv zu werden für den Anteil an einem Vorhaben, den man selbst beeinflussen kann – und zwar an jedem einzelnen Tag nach dem Maß der eigenen Kapazitäten. Wichtig ist es, an sich zu glauben – und gleichzeitig nicht immer alles zu glauben, was man sich erzählt, vor allem, wenn man die Tendenz hat, sich selbst zu entmutigen, oder wenn man dem absurden Versuch nachgeht, Gründe für das Nichttun einer Sache zu finden, die man dann auch noch vor sich selbst rechtfertigen muss.

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