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Historikerschule der „Annales“ : Im Fach blieb das Klima stabil

  • -Aktualisiert am

Emmanuel Le Roy Ladurie Bild: Claude Truong-Ngoc/CC-BY-SA-3.0

Witterungsumschläge erlebte er nie als jäh, dafür spürte er sie zu früh. Emmanuel Le Roy Ladurie, gerade 90 geworden, übertreibt im autobiographischen Rückblick die Kontinuität der Historikerschule der „Annales“.

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          Die französische Schule der „Annales“ prägte bis Mitte der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts weltweit die Sozialgeschichtsschreibung und erreichte ein beachtliches Lesepublikum. Ein Bestseller war „Montaillou“, die 1975 von Emmanuel Le Roy Ladurie publizierte Alltagsgeschichte eines Dorfes in Südfrankreich an der Wende vom dreizehnten zum vierzehnten Jahrhundert, die mit ihren Übersetzungen eine Auflage von fast einer Million Exemplaren erreichte. Das Buch traf den Nerv der Zeit, weil seine Leser eine in der modernen Industriegesellschaft längst verschwundene ländliche Welt wiederzufinden glaubten. Unter Historikern machte „Montaillou“ Furore, weil das Buch Antworten auf die Frage versprach, wie man die Geschichte der Gesellschaft ohne den in die Krise geratenen Marxismus oder soziologische Modernisierungstheorien erklären konnte. Le Roy Ladurie avancierte zum Haupt der „nouvelle histoire“, die mittels anthropologischer Theorien das Subjekt und dessen Erfahrungen in den Mittelpunkt historiographischer Betrachtung rückte.

          Allerdings lehnt er selbst den Begriff der „nouvelle historie“ ab und zieht es vor, einfach nur von der Geschichtsschreibung der Annales zu sprechen. Damit betont er die Kontinuitäten sowohl in seinem Werk als auch in der französischen Historiographie, wie eine jüngst publizierte Biographie von Le Roy Ladurie zeigt, die in enger Zusammenarbeit des Protagonisten mit seinem Biographen entstanden ist (Ştefan Lemny: „Emmanuel Le Roy Ladurie“. Une vie face à l’histoire. Éditions Hermann, Paris 2018. 570 S., 22 Abb., br., 28,– ).

          Le Roy Ladurie, der am 19. Juli seinen neunzigsten Geburtstag feiern konnte, ist ein Vertreter der dritten Generation der „Annales“. Er trat das Erbe von Ernest Labrousse und Fernand Braudel an, die bis in die sechziger Jahre die Fäden in der französischen Historikerzunft zogen. Da Braudel die Karriere von Le Roy Ladurie systematisch förderte, galt der junge Historiker schon früh als Kronprinz des Meisters. Als Braudel sich 1967 aus der Redaktion zurückzog, übernahm Le Roy Ladurie die Leitung.

          Das Neueste aus Alteuropa in Radio und Fernsehen

          1973 folgte er seinem Mentor auf dem Lehrstuhl am Collège de France, schließlich suchte und fand er sogar die Nähe zur Staatsmacht, als er während der Präsidentschaft von François Mitterrand von 1987 bis 1994 die Nationalbibliothek leitete. Diese herausragende Position verdankte sich freilich nicht nur klassischer Patronage und wissenschaftlichem Verdienst, sondern auch dem offenen Umgang mit den Medien. Le Roy Ladurie wurde in den siebziger Jahren eine Art Star in Radio und Fernsehen, wo er seine Ideen von einer Sozialgeschichte ländlicher Gesellschaften verbreitete.

          Bei genauer Betrachtung lassen seine Schriften der siebziger Jahre allerdings einen Bruch mit den Vorstellungen von Braudel und Labrousse erkennen. Die zweite Generation der „Annales“ verfolgte einen szientistischen Ansatz. Man wollte das „Soziale“ durch die Erhebung umfangreicher Datenreihen vermessen. Am Ende der sechziger Jahre galt Le Roy Ladurie zunächst selbst (ähnlich wie sein Freund François Furet) sogar als jüngerer Hauptvertreter der quantifizierenden Geschichtsschreibung, die er als die einzig wissenschaftliche Form der Historie feierte.

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