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Meeting der Zukunft : Konferenzteilnehmer zweiter Klasse

Google geht noch einen Schritt weiter

Cisco hat deshalb seine verbreitete Videokonferenzsoftware Webex weiterentwickelt und arbeitet unter anderem an einer Technologie, die örtlich abwesende Teilnehmer auf eine Glasscheibe projiziert, damit sie mit am Konferenztisch sitzen können. Das Projekt nennt sich „Hologram“ und erinnert auch optisch reichlich an Star Wars. Ein Vorführvideo zeigt einen geneigten, breiten Metallrahmen, der fast so hoch ist wie ein Mensch und in dem ein ebensolcher in Lebensgröße erscheint – und zwar farbig, nicht nur flimmernd in Hellblau, wie es in der Science-Fiction der 70er- und 80er-Jahre Standard war. Erst bei genauerem Hinschauen erkennt man, dass es sich um ein Videobild handelt, das ganz leicht verschwommen ist. Ein entfernter Besprechungsteilnehmer erhält so erstmals eine physische Präsenz im Raum.

Für die Übertragung reicht eine normale HD-Webcam, wie sie in vielen handelsüblichen Laptops verbaut ist. Auch wenn die Technologie noch in der Entwicklung ist, gibt es schon einige Anwendungsfälle: Kürzlich hat zum Beispiel ein Fernsehsender „Hologram“ in seine Studiotechnik eingebaut, berichtet Vogt. Nachteile sind im Moment noch, dass ein zugeschalteter Sprecher vor einem Greenscreen – einer aus Fernsehstudios bekannten grünen Wand – sitzen muss, damit er frei stehend im Raum projiziert werden kann. Zudem dient als Rückkanal für ihn selbst in der Regel ein normaler Videobildschirm. Damit ist seine Präsenz im Meeting zwar holografisch erhöht, die anderen Besprechungsteilnehmer be­trachtet er aber so wie in einer normalen Videokonferenz.

Der Tech-Konzern Google geht an dieser Stelle noch einen Schritt weiter. „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen statt vor einem Bildschirm vor einer magische Glasscheibe“, sagt der Technische Direktor des Projekts „Starline“, Steve Seitz. „Und durch dieses Glas sehen Sie eine andere Person auf der anderen Seite.“ Wie durch ein Fenster könne man dann mit dem anderen anfangen zu sprechen, ohne sich um Technik kümmern zu müssen – auch wenn die Person einen ganzen Kontinent entfernt sitze.

Über Kosten spricht noch keiner

Google hat „Starline“ im Zuge der Corona-Pandemie entwickelt, um „persönliche“ Treffen zu ermöglichen, wenn sie faktisch eben nicht möglich sind. Gesprächsteilnehmer setzen sich in spezielle Kabinen, die mit 3D-Kameras und einem 3D-Bildschirm – der „magischen Glasscheibe“ – ausgestattet sind. Ein technologischer Durchbruch ist dabei, dass es Google gelang, die riesigen Datenmengen der 3D-Kameras so zu komprimieren, dass sie durch eine normale Internetleitung geschickt werden können. Das Ergebnis fasziniert –„überwältigend“ sagt eine Test-Teilnehmerin in einem Video, das Google kürzlich auf seiner Entwicklerkonferenz I/O vorstellte. „Ich habe mich gefühlt, als wäre ich dagewesen“, eine andere. Der Haken ist, dass die Kabinen speziell angefertigt werden müssen und so teuer sind, dass selbst Google nur einige wenige besitzt; einen Preis nennt der Internetkonzern bislang nicht. Noch in diesem Jahr sollen allerdings Tests bei Unternehmen beginnen, wie es heißt. Nach einer Einzelkabine in Zukunft auch einen ganzen Konferenzraum zu bauen liegt dann nahe. Vorteil von Googles Lösung ist, dass die Technik komplett im Hintergrund verschwindet und man intuitiv beginnt, eine normale Unterhaltung zu führen – für Arbeitnehmer, die das technische Wirrwarr im Kopf haben, das bei Videokonferenzen entstehen kann, klingt das vielversprechend.

Ciscos „Hologram“-Lösung hingegen hat den Vorteil, dass sie ohne spezielle Kameras auskommt. „Wenn Sie beim zugeschalteten Teilnehmer aufwendige Studiotechnik brauchen, ist der Business-Case eigentlich kaputt“, sagt Vogt. Ziel müsse es sein, Einstiegshürden zu senken. Wie teuer die Cisco-Lösung für Unternehmen werden wird – dazu hält sich das Unternehmen ähnlich strikt bedeckt wie Google.

Hinzu kommt, dass sämtliche Lösungen noch im experimentellen Stadium sind. Personalmanager richten sich daher zunächst darauf ein, mit mehr Technik als früher, aber mit weniger als dem Maximum zu operieren. „Die klassische Konferenzspinne in den Besprechungsräumen wird verschwinden und durch digitale Whiteboards und Videokonferenzsysteme ersetzt“, sagt Inga Dransfeld-Haase vom BPM voraus.Neben dem technischen betont sie den zwischenmenschlichen Aspekt hybrider Meetings, sie nennt es „Netiquette“. Nur mit klaren Kommunikationsregeln gelinge es, die physischen und die virtuellen Teilnehmer gleichermaßen einzubinden – „und das Entstehen eines Zweiklassenteams zu verhindern“.

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