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Heimatbegriff : Horst Seehofer kriegt die Kurve

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Der Beitrag Seehofers greift – im Übrigen mit einem Absatz über die Ausführungen von Andreas Reckwitz zur „Gesellschaft der Singularitäten“ – eine Spannung auf, welche die Forschung zu Räumen und Zeiten über die letzten Jahrzehnte geprägt hat: Wie können Räume einerseits über Relationen bestimmt werden und andererseits als je spezifische erkennbar bleiben? Können wir von der Auflösung von Entitäten durch Beziehungen ausgehen und zugleich an einer Konstruktion von Entitäten durch Beziehungen festhalten? Diese doppelte Bewegung zeichnet auch den Aufsatz von Seehofer aus. Die von der Globalisierung hervorgerufenen Ängste werden nämlich mit einer Auflösung der Heimat durch Entgrenzung begründet. Heimat soll, in einer paradoxen Bewegung, dieser Entwicklung entgegenwirken: „Es geht um Grenzziehungen und um Orientierungen, es geht darum, den Raum der Zusammengehörigkeit gemeinsam zu definieren.“

Die Definition einer Heimat-Grenze bleibt Seehofer uns schuldig

Ganz ähnlich wie diejenigen Historiker und Historikerinnen, die nur den ersten Schritt des spatial turn gehen, bleibt auch Seehofer am entscheidenden Punkt stehen: Zwar betont er die Bedeutung von Interaktionen für die Hervorbringung des Heimat-Raumes (es geht um gemeinsames Definieren), aber dessen Einheit setzt er einfach voraus. Wer Heimat als Raum der Zusammengehörigkeit bestimmt, muss die Grenzen der Zusammengehörigkeit ebenfalls definieren. Wenn der Raum als über Interaktionen hervorgebracht verstanden wird, heißt dies, es muss verdeutlicht werden, wer mitsprechen darf und wer nicht, wer dazugehört und wer nicht. Und genau hier findet sich eine aussagekräftige Leerstelle.

Seehofer lässt offen, wie eine solche Grenze hergestellt werden soll. Erst im Vergleich mit einem anderen Raum, der nicht Heimat wäre, gewönne der Begriff der Heimat seine Kontur. Gleichzeitig enthüllte er so freilich auch seine politische Brisanz. Bratwürste und Brahms oder Streitkultur und religiöse Vielfalt – es böten sich viele Möglichkeiten, „Heimat“ durch ein Mehr oder Weniger von dieser oder jener Zutat inhaltlich zu charakterisieren. Mit guten Gründen verzichtet Seehofer auf derartige inhaltliche Bestimmungen. (In Parenthese sei hinzugefügt, dass er in einem der letzten Absätze doch hinter den spatial turn in ein essentialistisches Bestimmungsangebot von Heimat zurückfällt, dem aufgeklärten christlichen Abendland fällt dabei eine entscheidende Rolle zu.)

spacial turn ist mehr nur Beziehungen zwischen Etnitäten

An der Oberfläche des Textes hält er am relationalen Charakter des Heimatbegriffs in Folge des spatial turn fest. Dies lässt eine gefährliche Lücke, die auch vom Autor selbst vor einem anderen Auditorium als der F.A.Z.-Leserschaft beliebig mit Bedeutungen aufgeladen werden kann. Der Schritt zu der Annahme, Heimat höre dort auf, wo sich Andersdenkende, Andersgläubige, Zugezogene zu Wort meldeten, ist klein. Wer die Bedeutung von Beziehungen und Interaktionen für die Konstruktion von Räumen betont, sollte sich – vor allem als Politiker – auch der Diskussion darüber stellen, wie die Einheit (nicht die Einheitlichkeit!) von Räumen inhaltlich bestimmt wird.

Auf einer analytischen Ebene ist auch die Geschichtswissenschaft vom Spannungsverhältnis zwischen Relationen und Entitäten gezeichnet. Die Verflechtungsgeschichte hat zuletzt zu häufig einseitig die Beziehungen betrachtet. Dann standen „Flows“, „Zirkulationen“ oder „Mobilität“ im Vordergrund, ohne dass Modi der Verflechtung hätten ausdifferenziert werden können. Es ist an der Zeit, einen Schritt weiter zu gehen und die Hervorbringung von Entitäten genauer zu bestimmen, ohne hinter den spatial turn zurückzufallen. Der spatial turn bedeutet, wenn er wirklich überzeugen will, mehr als die Beziehungen zwischen Entitäten.

Er bedeutet die Hervorbringung der Entitäten durch Beziehungen. Menschen, die in einen Raum einwandern, Wissen, das sich von einem Raum in einen anderen ausbreitet und dort adaptiert wird, neue Verhaltens- und Handlungsweisen, die in einem neuen Raum transformiert werden, all diese Beziehungen verändern diesen Raum und bringen ihn hervor. Sie ‚relationieren‘ ihn. Er wird dann ein anderer. Er ist in Bewegung. Für die Geschichtswissenschaft heißt dies: Es geht nicht um eine Geschichte der Relationen, sondern um eine relationale Geschichtsschreibung.

Auszug aus dem Vortrag, den Angelika Epple auf dem Historikertag in Münster in der von ihr, Sebastian Dorsch und Achim van Oppen geleiteten Sektion „Geschichte translokal: Spaltungen in der Raumzeit überdenken“ gehalten hat.

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