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Homosexualität und Karriere : Ich bin schwul - sag’ ich’s den Kollegen?

„Und was macht Ihre Ehefrau so beruflich?“ Nicht jeder traut sich, am Arbeitsplatz offen zu seiner sexuellen Orientierung zu stehen. Bild: Matthias Lüdecke / F.A.Z.

Homosexuelle Mitarbeiter gehören in vielen Branchen noch zu den Exoten. Oft fällt es schwer, mit dieser Sonderrolle zurechtzukommen. Und wer sich nicht rechtzeitig outet, hat den angemessenen Zeitpunkt dafür irgendwann verpasst.

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          Irgendwann wird selbst eine kleine, harmlose Legende zum Selbstläufer. In seiner ersten Zeit als Anwalt in der internationalen Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer hat Peter Haberrecker seinen Partner einfach verschwiegen. Während die Kollegen in der Mittagspause über Familie und Kinder erzählten, überging er die Details seines Privatlebens. Statt sich wie früher als schwuler Mann zu outen, hielt er sich lieber zurück und erweckte den Eindruck eines lebenslustigen Singles. Schwierig wurde es meist, wenn er nach einigen Wochen Urlaub wieder ins Büro kam. Dann wollten die Kollegen wissen, wie es war. Mit Freunden sei er an die Nordsee gefahren, erzählte er dann, oder auch mal ganz alleine in die Vereinigten Staaten. Alles, nur um seinen Freund nicht erwähnen zu müssen. „Ich hatte mich in dieser Welt eingerichtet“, erzählt der 34 Jahre alte Jurist. Zwei Jahre lang ging das so. Dann wechselte er vom Frankfurter Büro nach München. Dort waren die Teams kleiner, die Atmosphäre zwischen den Kollegen intimer. Das war die Zeit, als er begann auszupacken. Erst bei dem einen, dann bei dem anderen Kollegen. Er hat die Stimmungen getestet und die Heftigkeit der Reaktionen. Am Ende war es ganz leicht. „Ich bin überrascht, wie angenehm das Leben seitdem ist“, sagt er und lacht.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Dabei ist Haberrecker eigentlich kein Typ, der sich zeit seines Lebens seine Homosexualität nicht eingestehen wollte. Im Gegenteil. Eine Alibi-Freundin gab es nie. Schon in der Schule hat er sich geoutet, obwohl ein Hort voller Teenager mitten in ihrer sexuellen Findungsphase wohl eher als Herausforderung gelten darf. Auch während seines Studiums hatte er neuen Bekanntschaften gegenüber keine Probleme mit seiner sexuellen Orientierung. Doch der Einstieg in das Berufsleben änderte alles. Mit dem neuen Umfeld kam die Unsicherheit über die Einstellung der Kollegen. Was als kleine Legende begann, wurde irgendwann zur belastenden Lebenslüge. „Sich immer wieder neue Details zum Privatleben auszudenken raubt viel Zeit und Energie.“

          Haberrecker ist bei weitem nicht der einzige Schwule, dem es so ergangen ist. Es mag das Jahr 2014 angebrochen sein, aber noch immer gibt es in deutschen Büros viele Menschen, die ihre sexuelle Ausrichtung aus den unterschiedlichsten Gründen lieber für sich behalten. Bei vielen vergehen Wochen, Monate oder gar Jahre, bis sie ebenso selbstverständlich über ihre familiäre Situation reden wie ihre heterosexuellen Kollegen in der Kantine. Andere outen sich nie. Dann wird der entspannte Einkaufsbummel mit dem Partner zum peinlichen Spießrutenlauf, nur weil plötzlich ein Kollege in der Umkleidekabine nebenan auftaucht. Andere drapieren Fotos von ihren Schwestern oder Cousinen auf dem Schreibtisch und hängen das neuste Gekritzel des Neffen an die Wand, weil sie die bohrenden Blicke ihres Vorgesetzten leid sind.

          Vielfalt ist schick - jedenfalls in Großkonzernen

          Dabei dürfte niemand bestreiten, dass sich die Zeiten gehörig gewandelt haben seit dem inzwischen legendären Aufstand der Homosexuellen gegen Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street im Sommer 1969. Im Zentrum der tagelangen Straßenschlachten lag damals die Bar Stonewall Inn, die als beliebter Schwulentreff immer wieder von Polizeirazzien heimgesucht wurde. Doch das ist lange her, offene Diskriminierungen, gar wüste Beschimpfungen, sind selten. Inzwischen sind am Arbeitsplatz Diskriminierungen wegen der sexuellen Orientierung durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verboten, und in internationalen Konzernen gilt es als schick, die Vielfalt unter den Mitarbeitern zu pflegen. Ob Deutsche Bank, Commerzbank oder SAP, ein „LGBT-Netzwerk“ - die Kurzform der englischen Übersetzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle - gehört bei ihnen zum festen Bestandteil der Firmenkultur.

          Objektiv betrachtet, mag es deshalb keinen Grund für so viel Heimlichtuerei geben. Subjektiv ganz offensichtlich schon. Noch immer gibt es zwischen den Branchen gewaltige Unterschiede. Während in der Werbebranche wohl eher heterosexuelle Mitarbeiter mit Kindern Exotenstatus genießen, geht es bei Anwälten, Wirtschaftsprüfern, auf dem Bau oder im Profi-Fußball noch traditioneller zu. Mittelständische Familienunternehmer, die im Auswahlverfahren wie selbstverständlich nach Frau und Kindern fragen, gehören keinesfalls zu einer aussterbenden Rasse. Und ein kleiner Witz auf Kosten Schwuler, wird doch, bitte schön, noch möglich sein, heißt es mitunter in geselliger Runde. Es ist ja nicht persönlich gemeint.

          Ist es nicht? Schon die Frage, ob die sexuelle Orientierung überhaupt ein Thema sein darf, ist eine Gratwanderung. Das überraschende Outing des Profi-Fußballers Thomas Hitzelsperger war auch deshalb ein Politikum. Warum sich überhaupt gegenüber Kollegen, Geschäftspartnern oder gar Kunden outen? Was privat ist, muss auch privat bleiben - das finden nicht wenige. Für den Anwalt Haberrecker und seine Freshfields-Kollegin Jessica Scholz ist das eine Scheindebatte. „Natürlich kommt im Büro das Privatleben auf“, sagt Haberrecker. „Das lässt sich überhaupt nicht ausblenden. Und so tun als wäre da nichts, geht nicht auf Dauer.“

          Schon der Smalltalk in der Kaffeeküche ist ohne einen privaten Schlenker undenkbar. Jeder noch so unverfänglich gemeinte Halbsatz über Familie und Nachwuchs, selbst über Weihnachtstraditionen oder Urlaubspläne gibt intimste Details preis. Frauen sind da naturgemäß im Nachteil; ein Babybauch sagt schon gezwungenermaßen mehr als 1000 Worte.

          Was macht eigentlich Ihr Mann beruflich?

          „Über das Privatleben schweigen kann man eigentlich nur als Single“, ergänzt Jessica Scholz. „Doch sobald jemand an Ihrer Seite ist, können Sie es eigentlich nicht verschweigen.“ Für sie kommt es immer spätestens dann zum Schwur bei der höflich gemeinten Frage, was denn eigentlich ihr Mann so beruflich mache. „Dann ist es so weit, dann habe ich keine andere Wahl, wenn ich nicht lügen will“, sagt Scholz, die schon seit langer Zeit mit einer Frau verheiratet ist. Lügen wollte sie nie, deshalb ging sie stets in die Offensive. Das kann allerdings nicht jeder Kollege vertragen. „Einige Heteros fühlen sich durch die Offenbarung der sexuellen Orientierung schlicht belästigt.“

          In ihrer Kanzlei versucht man potentiellen Ressentiments mit Offenheit zu begegnen. Seit rund drei Jahren gibt es dort das LGBT-Netzwerk mit dem Namen „Halo“ - Heiligenschein. Die bunte Truppe mit rund 100 Mitgliedern weltweit ist nicht beschränkt auf Homosexuelle. Heterosexuelle sind dort genauso willkommen wie Mitarbeiter, die ihre sexuelle Orientierung selbst in diesem offenen Rahmen lieber nicht preisgeben. „Die Offenheit ist uns wichtig“, sagt Scholz. „Wir wollen die Ausgrenzung ja beenden und nicht für Heterosexuelle wieder einführen. Wir wollen keinen Schulen- oder Lesbennachweis.“

          Dass sich diese Offenheit auch auf Bewerber auswirkt, versteht sich von selbst - und ist ein gerngesehener Nebeneffekt. „Auch bei der Rekrutierung junger Anwälte ist das ein wichtiger Aspekt“, sagt Scholz. „Damit können wir zeigen, dass wir nicht spießig oder konservativ sind.“ Und das zeigt die Kanzlei gerne klar und unmissverständlich - durchaus auch mit Hilfe von Pressemitteilungen. Erst am vergangenen Mittwoch ging die Meldung raus, Freshfields habe erstmals eine Plazierung auf dem „Stonewall Top 100-Index“ der besten Arbeitgeber für ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld erreicht. Damit bewertet die britische Organisation Stonewall Firmen, die sich um die Gleichstellung von homosexuellen Mitarbeitern bemühen. Besonders bei amerikanischen Konzernen kommt das gut an. Sie fordern inzwischen bei Ausschreibungen sogar einen Nachweis für ein Engagement in diesem Bereich. „Dafür ist ein solches Netzwerk inzwischen sogar ein ,must have‘“, sagt Scholz.

          Für manche allerdings kommt selbst so ein offenes Netzwerk zu spät. Auch bei Freshfields ergibt sich bei 100 Mitgliedern von insgesamt 4800 Mitarbeitern eine gewisse statistische Diskrepanz. „Irgendwann hat man den Zeitpunkt verpasst, an dem man es den Kollegen noch sagen kann“, befürchtet Scholz. Und für den Juristen Haberrecker war das Outing auch deshalb so schwer, weil er seinen Kollegen über Jahre hinweg etwas vorgespielt hat. „Viele Kollegen waren wirklich schockiert, dass sie es so spät erfahren haben.“ Hinzu kam der Aspekt, dass sich darin seine Angst vor ihrer Reaktion und damit Zweifel an ihrer Toleranz offenbarte. „Das hat viele gekränkt“, bekennt er. Über eine vertrauensvolle Zusammenarbeit hat sich das mit der Zeit wieder eingerenkt. Mit der Liebe zu seinem Freund geht er nun ganz locker um. „Inzwischen erwähne ich es einfach en passant.“

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