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Flucht ins Home Office : Wie das Coronavirus Japans Arbeitswelt aufbricht

Ein Mann mit einer Schutzmaske geht in Tokio auf eine Fußgängerbrücke. Bild: dpa

In Japan schicken immer mehr Unternehmen ihre Angestellten ins Home Office, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Die Angst vor dem Virus bringt einen radikalen Bruch der bisherigen Arbeitsgewohnheiten in dem Land mit sich. Auch auf Dauer?

          3 Min.

          Der Ausbruch des neuen Coronavirus mag der japanischen Wirtschaft großen Schaden zufügen. Doch in einem kann Japan der Epidemie eine positive Seite abgewinnen. Die Angst vor Infektionen bringt einen radikalen Bruch der Arbeitsgewohnheiten, weil zahlreiche Unternehmen die Mitarbeiter zur Arbeit von zu Hause auffordern. Zumindest zeitweise schafft das Virus eine Reform der Arbeitsweisen, an der die Regierung sich im verknöcherten japanischen Arbeitsleben auch mit vielen schönen Initiativen lange die Zähne ausgebissen hätte.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          „Es ist recht leer hier,“ sagt eine Angestellte von Sony im Hauptquartier in Tokio. Die Liste der Unternehmen, die in diesen Viruswochen mit der Telearbeit von zu Hause experimentieren, umfasst bekannte Namen der japanischen Wirtschaft: Toyota Motor, Softbank Group, Mitsubishi, NEC oder Sony. Oft sind es die Abteilungen, die intern über die Arbeit von zuhause entscheiden, manchmal ist es fast obligatorisch. Der Kosmetikhersteller Shiseido schickte 8000 Büroarbeiter oder rund 30 Prozent der Belegschaft zur Arbeit nach Hause, einschließlich der Spitzenmanager.

          Manchmal bewirken Infektionsfälle das Umdenken. Die größte japanische Werbeagentur Dentsu ordnete für die rund 5000 Mitarbeiter in der Zentrale in Tokio auf unbestimmte Zeit Home Office an, nachdem ein Angestellter auf das Virus positiv getestet wurde.

          Leere Züge

          Die Regierung ermuntert die Unternehmen zum Bruch mit der Tradition und zum Home Office, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Empfohlen werden ferner flexiblere Arbeitszeiten, damit die Mitarbeiter außerhalb der Stoßzeiten anreisen können. Der Entschluss von Ministerpräsident Shinzo Abe, auch die Schulen zu schließen, beschleunigt das Umdenken in den Chefetagen. Weil arbeitende Eltern sich nun um den Nachwuchs kümmern müssen, fehlt es vielfach an Personal. Kaufhäuser, Supermärkte oder Schnellrestaurants verkürzen ihre Öffnungszeiten oder schließen manche Verkaufsstellen zeitweise, um den Arbeitsausfall aufzufangen. Andere Unternehmen setzen auf Home Office.

          Wie sehr das Leben in Tokio sich in der neuen Arbeitswelt ändert, zeigt eine U-Bahn-Fahrten in der Stoßzeit, wenn die Angestellten nach Hause fahren. Sonst überfüllte Züge sind ungewohnt leer und es gibt sogar freie Sitzplätze. An Stationen wie Otemachi, wo Japans Finanzwelt arbeitet, oder im Regierungsviertel Kasumigaseki steigen weit weniger Fahrgäste zu als üblich. Die Zahl der Fahrgäste an großen Bahnhöfen in Tokio sei binnen einer Woche um rund 20 Prozent gesunken, teilte das Verkehrsministerium am Freitag mit. Auch die Einkaufszentren und Vergnügungsviertel im Stadtzentrum sind weniger bevölkert als sonst.

          Eine leere U-Bahn-Station in Tokio.

          In der Virenabwehr der Unternehmen gibt es geographische Unterschiede. Bei Toyota in Tokio arbeiten viele Mitarbeiter von zu Hause. Doch in der Zentrale in Toyota-City und in Nagoya arbeiteten die Angestellten regulär in ihren Büros, heißt es. Der Unterschied erklärt sich durch den Verkehr. In der Metropole Tokio reisen die Angestellten zur Arbeit mit dem Zug an. Im ländlicheren Japan aber kommen viele mit dem Auto. Das Risiko der Ansteckung ist so erheblich geringer als in den überfüllten Vorortzügen in Tokios Hauptstadt.

          Festgefahrene Strukturen

          Für manche Unternehmen ist der Schwenk zur Arbeit von zu Hause, die in Japan „Telework“ genannt wird, nichts Neues. Das Elektronikunternehmen Sony etwa hat schon seit dem Jahr 2008 eine zunehmend ausgebaute Politik des flexiblen Arbeitens, wonach die Mitarbeiter üblicherweise bis zu zehn Tagen im Monat außerhalb des Büros arbeiten dürfen. Die Zeitvorgabe umfasst neben der Arbeit von zu Hause auch Dienstreisen. Auch Panasonic ermuntert seine Angestellten schon seit längerem zur Arbeit von Zuhause, so dass die technischen Voraussetzungen mit tragbaren Computern und Internetverbindungen für Videokonferenzen schon gegeben sind. Die Heimarbeiter müssen ihren Vorgesetzten Bericht erstatten, wann, wie lange und woran sie zu Hause arbeiten.

          Eine Angestellte vom Panasonic freut sich über die Möglichkeit zum Home Office, weil sie so ihren Sohn nebenbei beaufsichtigen kann. „Für zwei oder drei Tage in der Woche kann ich mir das gut vorstellen“, sagt dagegen eine alleinlebende Mitarbeiterin von Toyota. „Nur noch Heimarbeit aber wäre mir zu einsam.“

          Bislang ist die Arbeit von zu Hause in Japan kaum verbreitet. Eine Umfrage des Ministeriums für Telekommunikation vor zwei Jahren zeigte, dass weniger als 20 Prozent der japanischen Unternehmen ihren Mitarbeitern die Möglichkeit zur Tele-Arbeit von zu Hause einräumte. Damals beschloss die Regierung mit großem Tamtam eine „Workstyle-Reform“ für weniger regelmäßige Überstunden und mehr Flexibilität.

          Tokios Gouverneurin Yuriko Koike hat die Unternehmen dazu aufgerufen, im Sommer während der Olympischen Spiele ihre Mitarbeiter zu Hause arbeiten zu lassen, um das Verkehrsnetz zu entlasten. Im vergangenen Sommer nahmen Unternehmen mit geschätzt mehr als 600.000 Angestellte im Großraum Tokio an einem entsprechenden Vor-Versuch teil. Doch die Zahl der Passagiere im öffentlichen Verkehrswesen sank damals nur um 4,3 Prozent. Auch der Versuch der Regierung und Unternehmensverbänden, als „Premium Friday“ einen arbeitsfreien Freitagnachmittag im Monat zu etablieren, schlug nicht richtig ein.

          Die festgefahrenen Strukturen in Japans Arbeitswelt wandeln sich eben nur gemächlich. So bleibt unklar, ob die zeitweise Nutzung neuer Arbeitsformen während der Viruskrise ein dauerhaftes Umdenken auslöst. „Eines ist sicher“, sagt ein Angestellter von Sony: „Der Wechsel hin zu mehr Arbeit von zu Hause wird in Japan nicht über Nacht geschehen.“

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