https://www.faz.net/-gyl-9tlnc

Hilfe für Bewerber : Ein Platz an der Eliteuni für jeden

  • -Aktualisiert am

Die University of Oxford in England ist die älteste Universität der englischsprachigen Welt und Wunschuni vieler Absolventen. Bild: dpa

Oxford, Cambridge, Yale, Stanford: Die Studienplätze an den englischsprachigen Eliteuniversitäten sind sehr begehrt. Oft bewerben sich nur Absolventen aus der Oberschicht. Eine Initiative will das ändern.

          3 Min.

          Sie sieht aus wie die Zauberschule Hogwarts und ist die älteste Universität der englischsprachigen Welt: die University of Oxford in England. Die Aufzeichnungen über die Hochschule reichen zurück bis ins 12. Jahrhundert – seitdem hat die Universität unzählige berühmte Persönlichkeiten in ihren Hallen gelehrt: Der irische Schriftsteller Oscar Wilde besuchte dort Vorlesungen, der Astrophysiker Stephen Hawking machte in Oxford seinen Bachelor-Abschluss, und der einflussreiche Ökonom Adam Smith studierte an der Universität von 1740 bis 1746 Philosophie.

          Die Hochschule brachte auch einige spätere britische Premierminister hervor, darunter David Cameron, Tony Blair und die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher. Die Uni gilt als Kaderschmiede für Politiker, Manager und Wissenschaftler und bildet gemeinsam mit der University of Cambridge, dem Imperial College London, der London School of Economics and Political Science (LSE) und dem University College London (UCL) die Gruppe der sogenannten G-5-Universitäten in England, die als „Eliteuniversitäten“ bezeichnet werden.

          Entsprechend begehrt sind die Studienplätze – und umso aufwendiger noch das Aufnahmeverfahren. Schulabgänger aus der ganzen Welt träumen vom Studium an einer Eliteuni, nicht nur in England. Oft lautet das Wunschziel auch Harvard, Yale, Stanford und Co in Amerika. Doch trauen sich oft nur Absolventen aus der sozialen Oberschicht an die Bewerbung heran. Das komplexe Prozedere und der sich hartnäckig haltende Ruf, Eliteunis nähmen bevorzugt Menschen aus besseren Verhältnissen auf, wirken abschreckend auf Schüler aus weniger privilegierten Haushalten.

          140 Mentoren

          Um das zu ändern, haben Oxford-Studierende aus Skandinavien im Jahr 2013 „Project Access“ gegründet. Die spendenfinanzierte Organisation hilft jungen Menschen dabei, die schwierigen Aufnahmeverfahren an den besten Universitäten der Welt zu bewältigen. Mittlerweile gibt es neunzehn Ländergruppen und eine für Flüchtlinge, die interessierte Schülerinnen und Schüler ehrenamtlich und länderspezifisch beraten. „Mehr Schüler in Deutschland könnten die Chance nutzen, das hohe Maß an Betreuung der englischen Universitäten zu erfahren“, sagt Carl Gergs, der für die englische Zentrale der Organisation im Einsatz ist.

          Die im Jahr 2016 gegründete Ländergruppe besteht aus 140 Mentoren, die nicht nur auf ihre persönlichen Erfahrungen zurückgreifen, sondern auch Unterstützung von einer Datenbank erhalten, die „Project Access“ entwickelt hat. Dort hat das soziale Start-up sein Wissen um die verschiedenen Bewerbungsprozesse an den internationalen Eliteunis digital gebündelt. Ein Algorithmus bringt die Mentoren mit den sogenannten Mentees, also den Bewerbern, zusammen, stellt Informationen zur Verfügung und begleitet die Bewerber im Aufnahmeprozess, etwa mit Erinnerungsmails für Abgabetermine; zudem werden Webinare angeboten, um Vorstellungsgespräche zu üben.

          „Die Bewerbungsverfahren unterscheiden sich deutlich von dem für deutsche Universitäten“, sagt Lea Baltussen, die das deutsche Team von „Project Access“ maßgeblich mit aufgebaut hat und inzwischen als Mentorin für deutsche Studienanwärter tätig ist. Die Bewerbungen für englische Universitäten beispielsweise müssen ein Jahr vor Studienbeginn eingereicht werden. Zu dem Zeitpunkt haben die meisten deutschen Schüler noch nicht ihre Hochschulzugangsberechtigung erlangt. Daher benötigen sie von ihren Lehrern ein Referenzschreiben, das die bisherigen und zu erwartenden Noten dokumentiert sowie das besondere akademische Potential des Schülers oder der Schülerin beschreibt.

          Hürden deutscher Bewerber

          Allein dieses zentrale Bewerbungsdokument, das im deutschen Schulalltag unbekannt ist, stellt für viele Bewerber eine Hürde dar: Welche Form muss es haben, was muss genau drinstehen, was sollte erwähnt werden, und wer muss es bis wann unterschreiben? „Wir haben detaillierte Richtlinien für Lehrer entwickelt, die Beispieltexte für Referenzen beinhalten“, berichtet Baltussen. „Jedes Schulsystem hat seine eigenen Besonderheiten.“ Die vielen Fragen zum Bewerbungsverfahren wurden meist von Beratungsunternehmen beantwortet, die sich ihre Dienste vergüten lassen. „Wir möchten auch denen eine Chance geben, die sich solche Agenturen nicht leisten können“, sagt Baltussen, die selbst in Oxford studiert hat.

          Vor dem Hintergrund, dass mitunter halbe Schulklassen von englischen Privateinrichtungen an die dortigen Eliteunis wechseln, hat sich „Project Access“ strikte Aufnahmebedingungen gegeben: So werden etwa nur solche Bewerber in England beraten, die seit dem zwölften Lebensjahr ausschließlich staatliche Schulen besuchen, deren Familien ein jährliches Haushaltseinkommen unter 50.000 Euro haben oder die als erstes Mitglied ihrer Familien einen Universitätsabschluss anstreben. Auch in Deutschland richtet sich das Angebot vornehmlich an Schülerinnen und Schüler von staatlichen Schulen. „Wir beraten aber auch Interessierte von nicht-staatlichen Schulen, die sich etwa in kirchlicher Trägerschaft befinden“, erklärt Baltussen, „aber keine, deren Schulen Beratungspersonal für solche Bewerbungsverfahren abstellen oder denen schon von Beratungsfirmen geholfen wird.“

          Im Jahr 2018 hat „Project Access“ in Deutschland 85 Bewerber unterstützt, von denen fast 90 Prozent in England und die übrigen in den Vereinigten Staaten studieren wollten. Ihre Erfolgsquote ist allerdings unbekannt. Seit dem Jahr 2019 gibt es eine verpflichtende Rückmeldung für die Mentees. Die Zeit für die individuellen Beratungen beschränke sich auf ein paar Stunden pro Woche, sagt Baltussen. Die Bewerber seien hervorragend vorbereitet: „Die wollen wirklich.“ Es mache Spaß, Bewerbern zu helfen, sagt auch Gergs. Diese unterstützt „Project Access“ zu Beginn des Studiums auch dabei, sich am Studienort einzuleben und neue Netzwerke aufzubauen. Gerade der Anfang sei überwältigend und emotional fordernd, sagt Gergs. Viele glaubten, sie seien fehl am Platz, und haderten mit dem großen Druck an der akademischen Weltspitze.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimagipfel : Mit Verzichtspanik wird nichts erreicht

          Als müsste in einer klimafreundlicheren Welt jemand aufs Auto, aufs Heizen, Fliegen oder auf Kinder verzichten! Das Vertrauen in die Technik ist bei denen, die den Innovationsgeist am lautesten für sich reklamieren, am geringsten.
          Warnt die SPD: der CSU-Vorsitzende Markus Söder

          Zukunft der Groko : „Stabilität ja, Siechtum nein“

          Einen grundlegend neuen Kurs der Koalition werde es nicht geben, warnt die Union die SPD. Beim Klimapaket, das am Abend im Vermittlungsausschuss beraten wird, erwartet der Unionsfraktionschef aber eine schnelle Einigung.

          Johnson gegen Corbyn : Eine radikale Wahl

          Die Labour-Partei unter Corbyn ist keine sozialdemokratische Partei mehr. Mit sozialistischen Forderungen und geplanten Verstaatlichungen macht er auf sich aufmerksam. Die Tories dagegen sind weiter nach rechts gerückt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.