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Promovieren in Indologie : „Yoga hat mein Hirn für die Uni konditioniert“

Nils Jacob Liersch Bild: privat

Der Doktorand Nils Jakob Liersch erzählt, warum Yoga eigentlich schon seit dem 15. Jahrhundert Mainstream ist und was ihn an dem aktuellen Hype stört.

          3 Min.

          Herr Liersch, Sie promovieren seit einem Jahr zu dem Thema „Das Tattvabinduyoga von Rāmacandra“ an der Uni Marburg. Wenn man danach bei Google sucht, taucht nur ein Ergebnis auf.

          Sarah Obertreis
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das Tattvabinduyoga ist ein südindischer Yogatext, der vermutlich im 17. Jahrhundert verfasst wurde, aber kaum erforscht ist. Er ist besonders interessant, weil er auf einmal 15 verschiedene Yoga-Arten aufzählt. In früheren Schriften sind es meistens vier Yogas. Es geht aber nicht nur um die einzelnen Yogas, sondern auch um die yogische Physiologie. Die Gelehrten damals haben sich vorgestellt, dass die Elemente des externen Universums – Sonne, Mond und Erde – auch im eigenen Körper existieren. Aus diesem Gedanken sind viele interessante Yoga-Praktiken entstanden.

          Und Sie sorgen mit Ihrer Doktorarbeit nun dafür, dass interessierte Yoga-Fans in Zukunft auch bei Google etwas dazu finden?

          Meine Aufgabe ist es erst mal, alle Handschriften von dem Text zu sammeln und miteinander zu vergleichen, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe. So versuchen wir herauszufinden, welcher Text der ursprüngliche von Rāmacandra gewesen ist. Das ist ziemlich schwierig: Wenn die Leute stundenlang eine Schrift abschrieben, haben sich jedes Mal zahlreiche Fehler eingeschlichen. Vom Tattvabinduyoga gibt es noch zwanzig Handschriften, die in den verschiedensten Ecken von Indien lagern. In drei Jahren soll eine kritische Edition mit annotierter Übersetzung veröffentlicht werden, auch digital.

          Sie arbeiten gleichzeitig noch in einem Projekt mit, das sich der Hathapradīpikā widmet. Hier sieht es ganz anders aus: Die Hathapradīpikā hat sogar einen Wikipedia-Eintrag.

          Die Hathapradīpikā ist ein Konglomerat aus allem, was vorher an Yoga-Texten da war. Auch deswegen sollten Yoga-Übende sie kennen. Zumindest wenn man sich für die Philosophie und die Hintergründe interessiert. Als sie Mitte des 15. Jahrhunderts veröffentlicht wurde, wurde Yoga in Indien Mainstream: Nicht mehr nur Wanderasketen praktizierten Yoga, sondern Angehörige aller gesellschaftlichen Schichten und Religionen – Haushälter, Hindus, Buddhisten, sogar Muslime.

          Gibt es große Unterschiede zwischen der Art, wie die Yogis vor 600 Jahren praktiziert haben und wie wir Yoga machen?

          Ja, Yoga war damals ganz anders, als wir es heute aus den Studios und von Youtube kennen. Die Gleichsetzung von Yoga mit der Praxis von Yogahaltungen ist eine moderne Sichtweise, die sich erst in den letzten hundert Jahren entwickelt hat. In den ältesten Yoga-Texten werden vor allem Sitzhaltungen für die Meditation gelehrt.

          So wie der Lotussitz, bei dem man die Füße kreuzt und auf den Oberschenkeln ablegt?

          Genau. In einem Lotus ist die Wirbelsäule automatisch gerade. Das heißt: Egal in welchen Zustand man gerät, man kann nicht umfallen. So kann man sich der primären Aufgabe der Yoga-Praxis widmen: den Atem zu beherrschen und sich zu konzentrieren, um immer tiefere meditative Zustände zu erreichen, die in einer mystischen Erfahrung münden sollen. Im Mittelalter glaubten die Yogis sogar daran, durch eine bestimmte Art des Atmens und des Muskeln-Anspannens die Unsterblichkeit erreichen zu können.

          Die deutsche Indologie hat eigentlich einen sehr guten Ruf. Nur ist sie in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr in Vergessenheit geraten.

          Ich glaube, dass der Yoga-Boom eine große Hilfe für die Indologie ist. Die Studierendenzahlen sind in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen, und einige indologische Institute haben geschlossen. Inzwischen entsteht aber sogar ein neuer akademischer Zweig, es werden überall auf der Welt Studiengänge gegründet: in London, Kalifornien, Italien, Japan. Die Hamburger Uni baut gerade ein Zentrum für Yoga-Studien auf.

          Gibt es Dinge, über die Sie als Wissenschaftler stolpern, wenn Sie sich den Erfolg von Yoga anschauen?

          Manchmal stört sich mein indologisches Feingefühl an kleinen Sachen. Generell macht der Yoga aber gerade genau das, was er schon immer getan hat: sich weiterentwickeln. Viele Schätze aus der Vergangenheit werden ausgegraben, zum Beispiel bei unserem Projekt. Gleichzeitig entstehen Dinge, die es so nie gegeben hat: Zehntausende Leute vor dem Times Square im herabschauenden Hund – eine Haltung, die wahrscheinlich keine 150 Jahre alt ist. Dass man Yoga in großen Gruppen praktiziert, ist eigentlich entgegengesetzt zu dem, was in den alten Schriften gelehrt wurde: Man lebt mit einem Guru und zieht sich dann zurück, entsagt der Welt, um die wahre Natur des Seins zu erfahren.

          Können Sie diese Lehren über mystische Erfahrungen nachfühlen?

          Ja, das finde ich besonders faszinierend. Ich habe das Gefühl, dass ich auch in meiner akademischen Arbeit etwas Neues für mich persönlich entdecken könnte.

          Auch wenn man sehr motiviert ist, kann eine Doktorarbeit anstrengend sein. Was haben Sie vom Yoga für den Unialltag gelernt?

          Dass man nur durch regelmäßige und beharrliche Praxis die gewünschten Ziele erreichen wird. Diese Disziplin, die ich beim Yoga seit Jahren aufbringe, hat mein Hirn konditioniert: Ich kann mich kontinuierlich mit einer Sache auseinandersetzen, und das ist genau das, was ich für die Doktorarbeit brauche.

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