https://www.faz.net/-gyl-9thht

Wissenschaftskommunikation : Wir müssen reden!

Anja Karliczek Bild: dpa

Anja Karliczek hat die Wissenschaft zum Dialog mit der Gesellschaft aufgerufen. Um diesen zu ermöglichen, ist sie aber auch an anderer Stelle gefordert.

          2 Min.

          Es ist weithin geteilter Konsens, dass sich eine Wissenschaft, der aus der Bevölkerung Skepsis entgegenschlägt, erklären muss. Wie Bundesministerin Anja Karliczek sich das vorstellt, hat sie vergangene Woche in einem Papier dargetan, das als versteckte Drohung zu lesen war: Science Slams, Citizen Science und andere Formen des Wissenschaftspop werden darin aufgezählt, und wer sich daran nicht beteiligt, dem droht die Ministerin implizit mit Fördergeldentzug.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          So wünschenswert es ist, wenn Wissenschaftler das Labor oder den Elfenbeinturm verlassen, um sich der Gesellschaft zu erklären; wenn Fachsprache abgebaut wird, die nicht der Sache, sondern der Absicherung dient; wenn nicht immer dieselben Experten in den Talkshows auftauchten; wenn weniger Aufsätze geschrieben werden, die nur die Publikationsliste verlängern sollen. Ja, wenn überhaupt mehr Wert auf Qualität als auf Quantität gelegt würde beim Schritt an die fachliche oder darüber hinausgehende Öffentlichkeit, so muss man doch sagen: Hier ist die Ministerin zunächst selbst gefordert.

          Denn die Berge an ungelesenem Papier sind ja gerade das Produkt jener überhitzten Wettbewerbsformen, die das Bundesministerium selbst mit hervorgebracht hat. Dass mit administrativen Pflichten überlastete Wissenschaftler sich jetzt zusätzlich um die populäre Aufbereitung ihrer Forschung bemühen sollen, ist eine fragwürdige Form der Arbeitsteilung. Die Universitäten haben in den letzten Jahren gigantische Pressestellen aufgebaut, die ihren eigentlichen Zweck nur teilweise erfüllen können, weil sie von den Präsidien übermäßig für die Markenpflege in Anspruch genommen werden, auch das eine Folge der Exzellenzstrategie. Gerade sie wären gefordert, im Zusammenspiel mit den Forschern aus den mehr als 70 000 wissenschaftlichen Publikationen, die allein in Deutschland pro Jahr erscheinen, die geeigneten auszuwählen, denn eine thematisch zu breitflächige Kommunikation von Wissenschaft würde nur den Schein von Verständnis vermitteln.

          Nicht Aufgabe der Politik

          Zu einer guten Kommunikation gehört auch die Vermittlung der Einsicht, dass weite Bereiche der Wissenschaften dem Laien unzugänglich bleiben müssen, so oft man sie ihm auch erklärt. Das heißt nicht, dass jede wissenschaftliche Erkenntnis als Ultimatum hinzunehmen ist, das verstieße schon gegen das Selbstverständnis der Wissenschaft als unendlichem Progress, aber es immunisiert gegen eine Form des Faktenzweifels, die auf Selbstüberschätzung beruht. Für die Wissenschaft ergibt sich daraus vielmehr die Forderung nach Reflexion auf ihre Erkenntnisgrenzen, besonders was den Bereich der Normen betrifft.

          Eine konsequente Bindung der Förderung an die öffentliche Kommunikation birgt die Gefahr, dass eine Form der Wissenschaft bevorzugt wird, die mit dem Versprechen auftritt, aktuelle politische Probleme kurzfristig zu lösen, auf Kosten einer Grundlagenforschung, die langfristig wirkungsvoller sein kann. Schon heute sind Förderanträge mit wissenschaftsfremden Kriterien überfrachtet, auch für die versuchte parteipolitische Instrumentalisierung von Wissenschaft gibt es Beispiele, wie das schon in seinem Entstehen zerstrittene Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt, ein Wunschprodukt der SPD. Gehaltvolle Formen der Popularisierung erreicht man auch nicht, wenn man einen wichtigen Mittler zur Öffentlichkeit, den Kleinverleger, aus dem Markt drängt und das Geschäft in die Hand globaler Konzerne legt, die an der Wissenschaft rein kommerzielles Interesse haben. Es ist auch nicht Aufgabe der Politik, der Wissenschaft die Formen des Dialogs mit der Öffentlichkeit vorzugeben, sondern ihr bessere Voraussetzungen dafür zu schaffen. Und das heißt in erster Linie: weniger administrative Aufgaben und mehr Zeit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          IBMs Quantencomputer „System Q“ ist auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas zu sehen.

          Quantencomputer : Die nächste Revolution

          Quantencomputer können Verschlüsselungen knacken, neue Batterien entdecken und an Finanzmärkten Geld verdienen. Und das sind nur die Möglichkeiten, die bisher bekannt sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.