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Wie entsteht Musikgenuss? : Die Wissenschaft der Superhits

Vincent Cheung in einem Untersuchungsraum im Leipziger Max-Planck-Institut Bild: Matthias Lüdecke

Popmusik begeistert Millionen Menschen. Ein Grund ist die Akkordfolge. Forscher sind diesem Geheimnis auf der Spur.

          5 Min.

          Musik begleitet Vincent Cheung schon lange. Der 28 Jahre alte Doktorand aus Hongkong spielt liebend gerne Geige, und wenn es die Zeit zulässt, übt er auch mal an seinem Arbeitsplatz, dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Eine Karriere als professioneller Musiker, womöglich gar im berühmten Gewandhausorchester, strebt er allerdings nicht an: „Vielleicht in einem anderen Leben“, sagt Cheung lachend. Dafür spielt Musik eine tragende Rolle in seiner Forschung – zumindest heute: Zunächst hat Cheung nämlich Mathematik an der Universität Warwick studiert. Auf die neurowissenschaftliche Betrachtung der Wirkung von Musik stieß er mehr oder weniger durch Zufall während seines Masterstudiums in Berlin. Dort kam er auch in Kontakt mit den Arbeiten von Stefan Kölsch, der aktuell als Professor für Bio- und Musikpsychologie im norwegischen Bergen lehrt und vergangenes Jahr ein Buch über „die heilende Kraft von Musik“ veröffentlicht hat. Mittlerweile arbeiten die beiden zusammen.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einer Studie, die im November 2019 im Fachmagazin „Current Biology“ erschienen ist, haben sich die beiden Wissenschaftler mit vier anderen Forschern der Frage gewidmet, warum und wie eigentlich Musikgenuss entsteht. Kernergebnis: Es kommt auf die Kombination aus Überraschung und Unsicherheit innerhalb eines Stückes an. „Das Spiel mit Erwartungen ist ein zentraler Aspekt von Musik in unserer Kultur“, sagt Kölsch. Doch was ist daran für den Hörer so besonders angenehm?

          Um das herauszufinden, fütterten sie ein maschinelles Lernmodell mit 745 erfolgreichen Popsongs, die es zwischen 1958 und 1991 in die amerikanischen Billboard-Charts geschafft hatten. Darunter waren etwa Superhits wie „Invisible Touch“ von Genesis, Abbas „Knowing Me, Knowing You“ oder der Beatles-Ohrwurm „Ob-La-Di, Ob-La-Da“. Keine Lieder, die Vincent Cheung privat rauf und runter hört. Die Auswahl hatte ganz praktische Beweggründe.

          Topwert für Beatles-Song

          „Es existieren einfach nur sehr wenige Korpora, die so umfangreich und detailliert sind“, erklärt Kölsch. Mit Korpora meint der Forscher Datensätze. Da die Grundregeln und Kombinationen von Dur/Moll-tonaler Musik relativ elementar seien, hätte der Ansatz wohl auch mit Bach-Chorälen funktioniert. So jedoch stand dem Forscher-Team ein viel größerer Fundus an Untersuchungsmaterial zur Verfügung, gut 80 000 Akkorde.

          „Zunächst hat das Modell eine Wahrscheinlichkeitstabelle für sämtliche Akkordfolgen der Song-Sammlung erstellt“, erklärt Kölsch. Es gibt einige Grundmuster, die von Musikern schon seit Jahrhunderten inflationär genutzt werden, beispielsweise 1 – 4 – 5. Nimmt man die C-Dur-Tonleiter, wären dies C-Dur-, F-Dur- und G-Dur-Akkord, wobei ein Akkord immer das gleichzeitige Erklingen von mindestens zwei Tönen bezeichnet. Aus der ebenfalls gern genutzten Folge 1 – 5 – 6 – 4, also C-Dur, G-Dur, a-Moll und F-Dur auf der C-Dur-Tonleiter, hat die australische Comedy-Band The Axis of Awesome sogar einen Youtube-Hit gemacht.

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