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Trigger-Warnungen : Wissenschaft braucht kein betreutes Lesen

  • -Aktualisiert am

Mephisto als Studienberater: Gustaf Gründgens (links) in Goethes „Faust“ Bild: dpa

Warnhinweise in Seminaren vor verstörenden Inhalten sind kein Türöffner, sondern ein Fallgatter. Literatur ist per se verstörend. Das ist kein Fehler, sondern ihre Stärke. Ein Gastbeitrag.

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          Brudermord, Blutrache, Selbstmord, Schmähungen gegen Frauen, Alkoholkonsum, Hinweise auf Kannibalismus – die Liste möglicher Trigger-Warnungen zu Shakespeares Hamlet ist lang. Eva von Contzen weist mit Recht auf eine Debatte zu Content und Trigger Warnings in der universitären Lehre hin, die Deutschland mit einiger Verzögerung erreicht hat. Sollen, ja müssen Studenten vor möglicherweise traumatisierenden Inhalten in Vorlesungen und Seminaren geschützt werden?

          Von Contzens Plädoyer für einen kreativen Umgang mit solchen Warnungen wirkt jedoch halbherzig: Dozenten sollten Warnhinweise als „Türöffner zur kritischen Debatte“ nutzen. In der Praxis dürften solche Hinweise eher dazu führen, Diskussionen im Keim zu ersticken, da Studenten zumindest indirekt aufgefordert werden, dem Seminar fernzubleiben oder die mit einem Warnhinweis versehenen Texte gar nicht erst zu lesen. Studenten, die doch mündige Bürger sein oder zumindest werden sollten, werden dadurch im Namen einer wohlmeinenden „Fürsorge“ bevormundet, die den Idealen der universitären Lehre widerspricht.

          Wo wollte man denn mit der Warnerei aufhören?

          In einem literatur- und kulturwissenschaftlichen Seminar sollte die all­seitige „Wertschätzung“, von der von Contzen spricht, sich auch auf den Text erstrecken, dessen Fremdheit erkannt und erschlossen sein will – und dessen Offenheit gerade nicht von vornherein mit Warnhinweisen zugedeckt werden dürfte, wollte man eine wirklich er­gebnisoffene Diskussion erreichen. Eine solche Diskussion aber schließt immer das Moment des Unerwarteten, der Überraschung und der Irritation ein. Trigger Warnings sind keine „Türöffner“, sondern Fallgatter, die solche Momente gar nicht erst aufkommen lassen.

          Als praktische Lösung genügte ein einziger Hinweis vor Beginn des Studiums: Vor Literatur wird gewarnt! Sie enthält potentiell verstörende Themen, Gegenstände und Werte, die heutigen Vorstellungen und Empfindlichkeiten widersprechen können. Ihre Fremdheit ist kein Fehler, sie ist Programm. Literatur ist ein einziger großer Trigger. Jedoch: Was früher moralisch anstößig war, ist es heute oft nicht mehr und andersherum. Madame Bovary, Lady Chatterley’s Lover? Kein Problem. Aber Lolita? Könnte gefährlich werden. Dabei sei nicht verschwiegen, dass auch Dozenten von den selbst ausgewählten Texten mitunter erschüttert werden können. Der Geschwistermord in Thomas Hardys Roman „Jude the Obscure“, in Studententagen ohne Blessuren überstanden, wirkte bei wiederholter Lektüre im Seminar ein Vierteljahrhundert später ungleich verstörender. Literatur ist eine nicht enden wollende Erziehung des Herzens. Die gemeinsame emotionale Erfahrung, die man im Seminar durchleben kann, vergisst niemand so bald.

          Die Literatur macht es uns nicht immer leicht, und das ist auch gut so. Literatur greift gestaltend auf das Imaginäre, auf menschliche Träume und Albträume zu; dem gilt es, sich zu stellen, ohne Scheu und ohne Bevormundung. Es kann nicht Sinn und Zweck des Literaturstudiums sein, die Herausforderung durch die Fremdheit der Fiktion zu unterbinden. Studenten und Dozenten sollten diese Herausforderung annehmen, an der sie gemeinsam in einer Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung wachsen können. Als Leser sind wir gehalten, unsere eigenen Maßstäbe ständig zu überprüfen. Man muss eine Figur wie Hamlet nicht mögen, man muss ihr nicht ähnlich sein, um etwas von ihr zu lernen. Man muss aber auch nicht vor ihr warnen.

          Wo wollte man denn mit der Warnerei aufhören, wenn man einmal damit anfinge? Soll man finanziell klamme Studenten etwa davor warnen, dass in Dickens’ Roman „Große Erwartungen“ Geldscheine verbrannt werden? Die Trigger-Warnung funktioniert nach einem kruden Reiz-Reaktions-Schema, das dem sorgsamen Umgang mit Texten unmöglich gerecht werden kann. Wenn die Maßstäbe vorher schon festgelegt, die Trigger sorgsam markiert sind, können die Hinweise auf die Fremdheit des Textes nur noch Lippenbekenntnisse sein, hinter denen das Risiko und das wilde Denken der Literatur verkümmern müssten. Wo aber, wenn nicht an der Universität, wäre noch der Ort für solche Gespräche, solche Erfahrungen?

          Der Autor ist Professor für Anglistik an der Universität München.

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