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Uni Bonn : Mehr als eine Exzellenzeinrichtung

Das Hauptgebäude der Lehr- und Forschungsstation Gut Frankenforst der Universität Bonn Bild: dpa

Die Universität Bonn ist eine von elf Exzellenzuniversitäten Deutschlands und gleichzeitig ein bedeutender Arbeitgeber in der Region. Eine geplante Standortverlagerung könnte nun vieles durcheinanderwirbeln.

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          Universitäten lassen sich gerne an ihren wissenschaftlichen Leistungen messen. Wenig beleuchtet ist hingegen ihre wirtschaftliche Bedeutung für die jeweiligen Standorte. Eine Analyse zu den vierzehn öffentlich rechtlichen Universitäten in Nordrhein-Westfalen zeigt das in aggregierter Form. Im Detail hat das deutsch-österreichische Economica Institut für die Universität Bonn in deren Auftrag diesen ökonomischen Fußabdruck erhoben. Bonn ist eine von elf Exzellenzuniversitäten Deutschlands und hat in den zurückliegenden Jahrzehnten mehr Nobelpreisträger und Fields-Medaillisten hervorgebracht als jede andere deutsche Hochschule.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Demnach steht die traditionsreiche Bildungseinrichtung für eine direkte Bruttowertschöpfung (BWS) in Höhe von 435 Millionen Euro und eine totale BWS in Höhe von 700 Millionen Euro. Damit trägt sie jeden vierzigsten Euro an Bruttowertschöpfung in Bonn. Fast siebeneinhalbtausend Lehrende, Verwaltungsangestellte und technisches Personal arbeiten an der Universität Bonn. Indirekt sichert sie insgesamt rund 10.700 Arbeitsplätze in ihrem gesamten Liefer- und Leistungsnetzwerk. Die Anzahl der Beschäftigten der Universität Bonn übersteigt die gesamte Einwohnerzahl beispielsweise von Bonn-Poppelsdorf. Insgesamt ist jede 25. Stelle in Bonn mit der Universität verbunden.

          Drittgrößter Arbeitgeber in Bonn

          Damit ist die Hochschule abseits der öffentlichen Verwaltung der drittgrößte Arbeitgeber in Bonn selbst. Christian Helmenstein, Leiter des Economica Instituts, weist im Gespräch mit der F.A.Z. darauf hin, dass Bonn eine starke Stellung in den Geisteswissenschaften hat und dadurch im Vergleich zu technisch ausgerichteten Konkurrenten wie Karlsruhe, Aachen und München deutlich weniger an universitären Ausgründungen ausweist. Dennoch befindet sie sich auf Augenhöhe mit den im Dax gelisteten globalen Leitunternehmen Deutsche Telekom und Deutsche Post.

          Aufgrund des hohen Anteils von Akademikern erreichen die Beschäftigten überdurchschnittliche Einkommen, von denen ein erheblicher Kaufkraftimpuls ausgeht. Das Netzwerk der Universität Bonn steht für jeden 25. Euro, der in Bonn erwirtschaftet wird. Entsprechend gibt es ein Steuer- und Abgabenaufkommen nahe dem gesamten Aufkommen an Lotteriesteuer in Nordrhein-Westfalen, wie Economica schreibt. In Bezug auf Wertschöpfung und Beschäftigung weist die Hochschule auch für die benachbarten Kreise eine entscheidende Bedeutung auf. Die nationale wie auch die regionale Bedeutung der Investitionsleistung der Exzellenzeinrichtung wird auch dadurch dokumentiert, dass die in Deutschland verbleibende Wertschöpfung vier Prozentpunkte höher liegt als im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt.

          „Europa vermag den Klimawandel allein nicht aufzuhalten“

          Unter der Annahme einer geplanten umstrittenen Verlegung des Lehrbetriebs der Katholisch-Theologischen, der Evangelisch-Theologischen und der Philosophischen Fakultät an die Bonner Peripherie erwachsen weitreichende ökonomische und soziodemographische Konsequenzen. Die Universität im Kurfürstlichen Schloss ist nicht nur für die Stadt Bonn insgesamt, sondern vor allem auch für ihr Stadtzentrum wirtschaftlich wichtig: Die Verlegung des Lehrbetriebs für 10.158 Studierende an die Peripherie gefährdet zumindest gut 170 Arbeitsplätze und fast 15 Millionen Euro Bruttowertschöpfung im Jahr in der Bonner Innenstadt.

          Vor allem betroffen wären Kunst und Kultur, Unterhaltung und Erholung, der Einzelhandel sowie die Gastronomie. Außerdem würde der Altersdurchschnitt der innerstädtischen Wohnbevölkerung deutlich steigen. „Eine vollkompensatorische Dynamik des peripheren Standortes im Vergleich zur aktuellen Dynamik der Innenstadt ist nicht zu erwarten“, weist Ökonom Helmenstein auf problematische Folgen hin. Während in der Innenstadt gewachsene Strukturen erheblich beeinträchtigt würden, ist aufgrund des temporären Charakters der universitären Aktivitäten sowie der eingeschränkten raumplanerischen Entwicklungspotenziale beispielsweise im Bonner Norden nicht mit einem vergleichbaren Aufbau von Dienstleistungsangeboten dortselbst zu rechnen“. Einer voraussehbaren Rückentwicklung der Innenstadt steht somit ein wahrscheinlich rudimentäres Entwicklungspotenzial am peripheren Standort gegenüber.

          Auch sind Sicherheitsaspekte zu beachten. Schließlich würde ein Zentrum mit einer großen Baustelle von einem Jahrzehnt ohne Publikumsverkehr Kriminalität möglicherweise anziehen. Helmenstein wundert sich, warum die Nutzung der an die Universität angrenzenden Hofgartenwiese von der Stadtregierung nicht produktiv genutzt wird.

          „Man könnte es als Chance sehen. Denn man könnte daraus ein erfolgreich skalierbares Modellprojekt gestalten“. Schließlich gehe es dabei um die klimapolitisch zentrale Frage der Überlegenheit einer Anpassungsstrategie gegenüber einer Vermeidungsstrategie, argumentiert der Ökonom: „Europa vermag den Klimawandel allein nicht aufzuhalten. Aber der Kontinent kann Adaptionsstrategien entwickeln und exportieren“. Eine Lösung am bisherigen Standort würde aus Sicht von Econmica auch ein weiteres Risiko minimieren - die tatsächliche Dauer der Baumaßnahme, die die Planer selbst auf zehn Jahre beziffern: „In Zeiten hoher Inflation könnten damit beträchtliche Baukostensteigerungen folgen. Bauvorschriften könnten sich ändern. Am Ende könnte ein Teufelskreis im Fall einer Bauzeitüberschreitung stehen – wie Deutschland mit dem Flughafen in Berlin, Stuttgart 21 und der Elbphilharmonie in Hamburg schon genug abschreckende Beispiele hatte“.

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