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Corona und Wirtschafts-Studium : Lehre in der Krise

Aufnahme einer Online-Vorlesung: „Du drückst Pause und hörst es dir, wenn es sein muss, zehnmal an.“ Bild: dpa

In der Corona-Krise stehen wieder einmal die Wirtschafts-Studiengänge in der Kritik. Manches, das lange gelehrt wurde, steht in Frage. Aber es ist auch etwas in Bewegung geraten, was die Lehre nachhaltig verändern könnte.

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          Wollen Studenten frei denken? Nicolas Breuer ist sich da eigentlich sicher: „Oft wollen wir das nicht.“ In den vergangenen Wochen ist er aber optimistischer geworden. Breuer ist in der Fachschaft für den Studiengang Economics an der Universität Heidelberg. Er blickt kritisch auf die Wirtschaftsstudiengänge – und ist damit nicht allein. Anfang Mai hat der Unternehmensberater und Dozent Burkhard Schwenker die Betriebswirtschaftslehre (BWL) aufgefordert, den Studierenden das Denken beizubringen. Auch die Volkswirtschaftslehre (VWL) nimmt er davon nicht aus. Breuer, der im sechsten Bachelor-Semester studiert, kann das nachvollziehen. Er findet: Freies Denken wird nicht gefördert, zumindest längst nicht genug. Aber er sagt auch: „Viele Studenten denken zu sehr, dass die Uni eine Bringschuld hat.“ In der Corona-Krise hat sich das Lernen jedoch verändert. Etwas ist in Bewegung geraten, und es hat das Potential, die Wirtschaftsstudiengänge nachhaltig zu verändern.

          Wie schon zu anderen Krisenzeiten steht derzeit manches, das lange gelehrt wurde, wegen der Corona-Pandemie in Frage. Nach der Finanzkrise vor über einem Jahrzehnt war es vor allem die VWL, der wirklichkeitsferne Theorie vorgeworfen wurde, die nur ihre starren mathematischen Modelle kenne. Dieses Mal hat es auch die BWL getroffen. Die Pandemie hat gezeigt, dass sich Unternehmen mit wichtigen Risiken zu wenig beschäftigt haben. Welchen Anteil die Wirtschaftsstudiengänge daran haben, ist schwer zu bemessen. Aber zumindest darin dürften sich alle einig sein: Die Corona-Krise kann nicht spurlos an VWL und BWL vorbeigehen. In Burkhard Schwenkers Worten klingt das so: „Die Bedeutung von Effizienz gegenüber Resilienz muss neu bewertet werden.“ Das heißt: Die Wirtschaft darf nicht mehr auf engste Lieferketten getrimmt werden, muss darauf vorbereitet sein, dass Unvorhergesehenes wie die Corona-Pandemie passiert.

          Ulrich Hemel sieht das ähnlich. Er ist Direktor des Weltethos-Instituts und Vorsitzender des Bunds Katholischer Unternehmer. „Die BWL denkt Disruption nur im Digitalen“, sagt er. „Aber Corona hat gezeigt, dass die Risiken auch in den Lieferketten liegen.“ Der Verzicht auf klassische Nutzenmaximierung koste die Unternehmen Geld. Der Vorteil von größeren Lagerkapazitäten und einer zweiten Einkaufsquelle habe sich aber in der Krise gezeigt. „Es muss auch im Controlling umgedacht werden, Absicherung muss hier zu einer eigenen Kostenstelle, ,Absicherungskosten für Unternehmen‘, werden“, sagt Hemel.

          Corona schon auf dem Lehrplan

          Das heißt im Umkehrschluss jedoch nicht, dass tatsächlich die komplette Theorie angepasst werden muss – zumindest glaubt das Konrad Horber, Sprecher der Fachschaft BWL an der Universität Mannheim. Er erwartet, dass die Lerninhalte „im Großen und Ganzen“ dieselben bleiben werden, und findet das gar nicht schlecht. Zwar glaubt er, dass sich Veranstaltungen wie „Operations Management“ bald deutlich verändern. Aber eher in der konkreten Anwendung: „Die theoretischen Konstrukte beziehen all die Fragen ein, die die Corona-Krise aufgeworfen hat“, sagt er. „Was sich ändern muss, sind die Praxisbeispiele.“

          Worin sich Hemel, Schwenker und Horber einig sind: Die Theorie muss im BWL-Studium viel mehr sein als das, was man für Klausuren auswendig lernt und dann wieder vergisst. „Studenten müssen reflektieren können, welche Probleme relevant sind und welche Modelle sich überhaupt eignen, um sie zu lösen“, sagt Schwenker. Theorie als verinnerlichte Kompetenz also – statt als abstrakter Lernstoff. „Die Krise sollte uns zum Nachdenken bringen“, sagt Schwenker, „und ich vermute stark, dass ein Umdenken in der Lehre einsetzt.“ Für eine übergreifende Wirkung sei es aber noch zu früh.

          Ist das in der VWL genauso? Ganz im Gegenteil, findet Rüdiger Bachmann, Ökonomie-Professor an der University of Notre Dame im amerikanischen Bundesstaat Indiana. Schon nach der Finanzkrise nahm er die VWL gegen alle Kritiker in Schutz, die ihr vorwarfen, neoliberal verblendet die Wirklichkeit zu ignorieren. Auch dieses Mal ist er der Meinung: Der sogenannte Mainstream-Ansatz beweist, dass er offen ist und auf Herausforderungen reagiert.

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