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Hochschulwettbewerb : Geisttötende Konkurrenz?

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Ein Plädoyer für weniger Wettbewerb?

Auch das Hochschulpersonal befindet sich nicht als Ganzes in einer Wettbewerbssituation. Gilt es einerseits als Dogma, dass vor allem der Nachwuchs nur im extremen Wettbewerb um befristete Stellen zu wissenschaftlichen Höchstleistungen motivierbar sei, lässt die Konkurrenz untereinander mit der Berufung dann schlagartig nach. Der Druck, ständig erfolgreiche Anträge auf wettbewerblich verteilte Forschungsmittel stellen zu müssen, wird zwar allseits beklagt. Sicher kann die Ablehnung eines Antrages Abstriche bei Reputation und Doktorandenstellen verursachen, als verbeamteter Hochschullehrer muss man deshalb aber noch keine Kürzung der Bezüge fürchten. Auch Universitäten, die es nicht bis zur Exzellenz geschafft haben, verschwinden deshalb nicht gleich vom Markt. Eher müsste man also sagen, dass die Vielzahl wettbewerblicher Elemente innerhalb dieses Systems vor dem Hintergrund einer ebenso großen Vielzahl von ganz anderen Steuerungselementen zu einer Gleichzeitigkeit völlig verschiedener Systeme führt. Es ist also eher der Wettbewerb zwischen diesen verschiedenen Prinzipien, die das Gesamtsystem so undurchschaubar machen.

Alexander von Humboldt mit Leuchtkette nach einem Erfolg der HU Berlin in der Exzellenzinitiative
Alexander von Humboldt mit Leuchtkette nach einem Erfolg der HU Berlin in der Exzellenzinitiative : Bild: picture alliance / dpa

Die neue DFG-Forschungsgruppe „Multipler Wettbewerb im Hochschul­system“ verspricht hier Abhilfe. Aufgeteilt auf acht Universitäten, hat das von der DFG mit 3,9 Millionen Euro finanzierte Projekt das Ziel, mittels soziologischer und wirtschaftswissenschaftlicher Zugänge endlich zu einem „umfassenden Verständnis des multiplen Wettbewerbs“ im Hochschulsystem beizutragen. Multipel, weil hier individuelle und kollektive Akteure gleichzeitig in mehrere „ineinander geschachtelte“ Wettbewerbe eingebunden seien, denen sie sich „ausgesetzt“ sähen, so die Projektskizze. Ihre „nicht aufeinander abgestimmten Wettbewerbsstrategien“ prägten zunehmend die Hochschulentwicklung mit „vielfach nicht intendierten“ Folgen. Verschachtelt, unabgestimmt, ungewollte Folgen – das klingt eher wie ein Plädoyer für weniger Wettbewerb. Jedenfalls in manchen Fächern. Natürlich unterschieden sich diese hinsichtlich ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Frank Meier und Uwe Schimank mutmaßen in ihrem Teilprojekt darum auch, dass die „Passung von individuellem und organisatorischem Wettbewerb fächerspezifisch variiert“. Der Wettbewerb der Hochschulen könnte tatsächlich zu einer inneruniversitären Schlechterstellung von Fächern führen, deren Fachkulturen dazu nicht passten.

Folgen für Kreativität, Kooperation und Innovation

Es ist also nicht auszuschließen, dass die Idee des Wettbewerbs nicht nur nicht zu jedem Fach passt, sondern in ihren schädlichen Folgen sogar überwiegt. Anna Kosmützky und Georg Krücken zählen in ihrem Teilprojekt zu den unbeabsichtigten Folgen des multiplen Wettbewerbs nicht nur die Steigerung von Risiko, Unsicherheit und Stress. Sie vermuten auch, dass der Wettbewerb zunehmend zum Statuswettbewerb wird, der Stromlinienförmigkeit belohnt.

Aber hatte der Wissenschaftsrat 1985 nicht genau vor dieser Entwicklung gewarnt? Auch Meier räumt ein, dass die Kooperation von Wissenschaftlern untereinander „durch eine Konkurrenzlage beeinträchtigt“ werden könnte. Die Beziehung zwischen „Kooperation und Wettbewerb“ sei sicherlich eine der grundlegenden Spannungen, die man heute im Hochschulsystem finde, so Meier. Kurios ist, dass der Wettbewerb laut der Ausgangsthese des Projekts zunehmend die Wissenschaftsentwicklung präge, dass aber gleichzeitig in diesem Projekt die „grundlegende Frage“ gestellt wird, welche Folgen für „Kreativität und Innovation in der Wissenschaft“ das eigentlich hat. Es wird Zeit, dass diese Frage nach dreißig Jahren Wettbewerbssteigerung im deutschen Hochschulsystem jetzt endlich mal grundlegend beantwortet wird.

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