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Im dritten digitalen Semester : Der Kampf um die Präsenzlehre

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Ein Dozent an der Universität Mannheim, demonstriert in einem Hörsaal der Universität die Aufzeichnung einer digitalen Wirtschaftsvorlesung. Bild: dpa

Seit einem Jahr nehmen Hochschullehrer und Studenten vor Webcam und Computer Platz. Wie sind die Hochschulen in der Pandemie vorangekommen – und wie weit ist es noch zu gutem digitalem Unterricht?

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          Der Professor hat etwas erhöht hinter seinem Pult Platz genommen und liest aus dem Notizbuch vor. Um Aristoteles geht es in dieser Philosophie-Vorlesung mal wieder, die Studenten lauschen. Sie sitzen auf drei Bänken an den Seiten des Raumes vor ihm, die Mitte ist offen, damit sich bei Fragen alle sehen.

          So muss man sich die ersten Vorlesungen vorstellen, die Marsilius von Inghen und seine Kollegen an der Universität Heidelberg, die als die älteste auf deutschem Boden gilt, im Jahr 1386 hielten. Damals glaubte man noch, dass die Sonne um die Erde kreist. 635 Jahre ist das her. Und während sich die Erkenntnisse in den Jahrhunderten danach um Lichtjahre weiterentwickelt haben, ist die Art der Wissensvermittlung meist überraschend gleich geblieben: Einer redet hinterm Pult, viele andere hören zu.

          Weiterbildung über Zoom

          Dann kam die Corona-Pandemie, und der Lehrbetrieb wurde völlig durcheinandergeworfen. Seit einem Jahr nehmen Hochschullehrer und Studenten nicht mehr im Hörsaal Platz, sondern am heimischen Schreibtisch vor Webcam und Computer. Während in den ersten Monaten der Pandemie noch viel improvisiert werden musste und es vor allem darum ging, nichts ausfallen zu lassen, sind die Hochschulen und ihre Lehrenden zwölf Monate später schon deutlich weiter.

          Wie gute digitale Lehre in der Pandemie und auch danach aussehen kann, erfährt, wer die Hochschuldidaktik-Konferenz der Uni Bern besucht – rein virtuell natürlich. Sabrina Schell begrüßt die mehreren hundert Hochschullehrer, die sich an diesem Vormittag Mitte Februar weiterbilden wollen über ihre Webcam. Die Konferenz findet über das Videotelefonie-Programm Zoom statt.

          Vorlesung als Podcast

          Schell berichtet von ihren Erfahrungen aus dem ersten Corona-Semester im vergangenen Sommer an der Uni in Bern. Als eine der Ersten durfte sie ihre BWL-Vorlesung mit circa 150 Bachelor-Studenten nicht mehr im Vorlesungssaal halten. Schell überlegte und entschied sich dann dafür, ihre Vorlesung als Podcast aufzunehmen. Das hatte zwar den Vorteil, dass sich die Studenten die Audiodatei jederzeit anhören konnten, sei aber viel Arbeit gewesen und habe den Austausch unmöglich gemacht, sagt sie.

          Deshalb gab Schell schon kurze Zeit später die Idee mit dem Podcast wieder auf und stieg auf Videokonferenzen um. Universitäten investierten im Frühling eilig in entsprechende Software. „Zoom kam dem realen Hörsaal näher und war deshalb für mich und die Studierenden einfacher“, erzählt Schell. Durch die Videotelefonie war der Dialog mit den Studenten wieder möglich, und Schell konnte ihre Powerpoint-Folien zeigen. Im integrierten Chat tauschen sich ihre Zuhörer aus oder stellen Fragen. Die große Videokonferenz kann bei Bedarf in Kleingruppen aufgebrochen werden. Hier können, wie im Seminar, Übungsaufgaben besprochen und deren Lösungen danach in der großen Konferenz vorgestellt werden. Nach dem Kurs haben die Studenten die Möglichkeit, in den virtuellen Räumen zu bleiben und gemeinsam weiterzuarbeiten.

          Angst vor dem heimlichen Mitschneiden

          Die Videokonferenzen haben sogar Vorteile, die die Präsenzveranstaltungen nicht bieten: Die Studenten können sich die Vorlesungen jederzeit noch mal anschauen – zumindest, wenn es der Dozent so einstellt. Und die Lehrenden haben die Möglichkeit, Gäste einzuladen. Während ein Experte für einen Vortrag früher oft stundenlang anreisen musste, kann er nun mit ein paar Klicks dazugeschaltet werden. „Fast jede Woche lade ich jetzt einen anderen Gastreferenten ein“, sagt Schell.

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