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Digitalisierung, Klima und Co. : Wie sich die Zukunft studieren lässt

Ein IBM-Quantencomputer der Serie „Q System One“ Bild: dpa

Von Quantencomputern über Ernährung bis hin zum Leben auf anderen Planeten: Studiengänge für die Gestalter von morgen gibt es reichlich. Ein Überblick.

          6 Min.

          • Zukunftsforschung

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Wenn Gesellschaften in Krisen geraten, hilft oft nur die Flucht nach vorne. So zumindest erklärt sich Sascha Dannenberg vom Institut Futur der Freien Universität (FU) Berlin den aktuellen Hype um die Zukunftsforschung. Dannenberg koordiniert an der FU einen weiterbildenden Masterstudiengang mit ebendiesem Titel und berichtet über „extrem hohe“ Bewerberzahlen in diesem Jahr. „Situationen wie die Corona-Krise sorgen für viel Unsicherheit und das Bedürfnis nach Orientierung“, sagt Dannenberg.

          „Orientierungswissen“ ist es denn auch, das der Master vermitteln soll, darüber, welches Veränderungspotential in Politik, Wirtschaft, Technik und Gesellschaft steckt. „Mit dem Blick in die Glaskugel haben wir nichts zu tun“, sagt Dannenberg. Auf dem Studienplan finden sich vielmehr Stichwörter wie Wandel der Arbeitswelt, Technikfolgenabschätzung, politische Utopien, Automatisierung, Postwachstum – die ganz großen Brocken also.

          Der viersemestrige Masterstudiengang ist in Deutschland in dieser Form einmalig, kostet die Studierenden aber auch insgesamt 5200 Euro zuzüglich Semestergebühren. Er startet jeweils im Wintersemester. Die Berufschancen schätzt Dannenberg sehr gut ein: Viele Absolventen gingen in die Forschung, kämen in Innovationsabteilungen von Unternehmen unter oder betätigten sich als Berater für Organisationen.

          • Stadtentwicklung

          Ähnlich interdisziplinär wie der Master Zukunftsforschung, aber konkret auf das Thema Stadtentwicklung zugeschnitten ist der Master Urbane Zukunft an der Fachhochschule Potsdam. Auch hier kommen die Studierenden mit den unterschiedlichsten Vorkenntnissen in die Vorlesungen, haben im Bachelor Architektur, Geographie, Design, Sozial- oder Kulturwissenschaften studiert. Studiengangsleiter Michael Prytula, Forschungsprofessor für ressourcenoptimiertes und klimaangepasstes Bauen, erklärt, warum das für die Erforschung urbaner Transformationsprozesse wichtig ist:

          „Eine Stadt besteht nicht nur aus Gebäuden, sie besteht aus Menschen.“ Der Studiengang beschäftige sich deshalb mit der gebauten, der sozialen und der digitalisierten Umwelt in Städten, mit ökonomischen Fragestellungen ebenso wie mit gestalterischen und kulturellen. Vergangene Projekte untersuchten beispielsweise das Potential von autofreien Stadtquartieren, neue Wohnformen, die Akzeptanz von Flugtaxis oder die Konkurrenz von Wohn- und Grünraum in der Stadt.

          Je Jahrgang werden 24 Studierende zugelassen, die aktuelle Bewerbungsphase läuft. Ein ähnliches Studienangebot bieten unter anderem die Bauhaus-Universität Weimar mit ihrem Bachelor Urbanistik, die Technische Universität München (TUM) mit einem entsprechenden Master oder auch die Humboldt-Universität zu Berlin im Master Urbane Geographien.

          • Klima und Umwelt

          Kein Thema hat das Jahr 2019 stärker geprägt als der Klimawandel. Dann kam die Corona-Pandemie, und die Klimakrise verschwand aus der öffentlichen Wahrnehmung – nicht aber aus dem Blick der Forscher. Und die zeigen sich besorgt: „Wirtschaftliche oder gesellschaftliche Einbrüche haben dem Klima langfristig nie gutgetan“, sagt Andreas Behrendt, Dozent am Institut für Physik und Meteorologie an der Universität Hohenheim und Koordinator des Masterstudiengangs Earth and Climate System Science.

          Der englischsprachige Studiengang beschäftigt sich mit der Interaktion der verschiedenen Komponenten des Erdsystems mit den menschlichen Aktivitäten. Untersucht werden beispielsweise die Auswirkungen des Bevölkerungswachstums, der Lebensmittelproduktion, der Land- und Flächennutzung sowie des Klimawandels auf das ökologische Gleichgewicht. Der Master richtet sich an Chemiker, Physiker, Meteorologen, Geo-, Natur- und Agrarwissenschaftler. Jeweils im Wintersemester werden zehn Studierende aufgenommen.

          Nicht nur in Hohenheim können Studierende eine nachhaltigere Lebensweise auf der Erde erforschen. An der Leuphana Universität in Lüneburg gibt es beispielsweise den Bachelor-Studiengang Global Environmental and Sustainability Studies, die Technische Hochschule Bingen bietet einen Bachelor in Klimaschutz und Klimaanpassung an, und an der Universität in Münster wird Landschaftsökologie gelehrt.

          • Alternative Ökonomie

          Ein Resultat der großen Klimaproteste des vergangenen Jahres ist auch ein breites öffentliches Interesse an alternativen Wirtschaftsformen. Während manche eine Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch fordern, gehen Anhänger der Degrowth-Bewegung noch weiter: Sie sehen die einzige Möglichkeit, die Klimakatastrophe noch abzuwenden, in einem Rückgang des Wachstums. Wer mehr über derartige wirtschaftliche Zukunftskonzepte abseits der Mainstream-Lehre erfahren möchte, ist an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Bernkastel-Kues an der Mosel richtig.

          Die Hochschule bietet sowohl einen Bachelor als auch einen Master in Ökonomie an mit einem Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit. Silja Graupe, Vizepräsidentin der Hochschule und Leiterin des Instituts für Ökonomie, hält es für „absolut zentral“, Studierende mit alternativen Wirtschaftswissenschaften in Kontakt zu bringen. „Veränderung geschieht nur, wenn Zukunftsbilder aktiv gestaltet werden“, sagt die Professorin für Ökonomie und Philosophie.

          Auf dem Lehrplan der Bachelor-Studenten stehen Themen wie Klimagerechtigkeit, Care-Ökonomie oder Sustainable Finance, im Master geht es unter anderem um Interdependenzen von Ökonomie, Gesellschaft und Natur und kooperative Wirtschaftsformen. Sowohl im Bachelor als auch im Master werden jeweils 25 Studierende angenommen, ein Einstieg ist wegen der Corona-Krise sogar noch ins laufende Sommersemester möglich. Vergleichbare Angebote gibt es zum Beispiel an der Universität in Siegen, wo Plurale Ökonomik gelehrt wird, oder in München und Hohenheim mit dem Studiengang Bioökonomik.

          • Ernährung

          Wird eine Zeit kommen, in der wir uns nicht mehr von Schnitzel und Pizza, sondern allein von optimal zusammengesetzten Pillen ernähren? „Wir wissen nicht, wie unsere Ernährungsweise in 100 Jahren aussehen wird, so weit reicht unsere Kristallkugel nicht“, sagt Stefan Töpfl, Professor für Lebensmittelverfahrenstechnik an der Hochschule (HS) Osnabrück. Die nächsten zehn Jahre haben die Wirtschaftsingenieure an der HS im Bereich Agar und Lebensmittel allerdings schon im Blick.

          Dort sollen Visionen im Ernährungswesen ein Stück weit real gemacht werden. In enger Zusammenarbeit mit der Lebensmittelindustrie wird hier an alternativen Proteinquellen geforscht, werden Lebensmittel aus dem 3D-Drucker erprobt, Indoor-Farming-Konzepte erarbeitet und Ideen für nachhaltige Lebensmittelverpackungen ersonnen. Viele der Absolventen machten sich selbständig, zum Beispiel mit Insektendrinks oder Produkten aus Algen, andere kämen bei großen Unternehmen in der Produktentwicklung unter.

          Ein Studium im Bereich der Lebensmitteltechnologie bieten auch die Hochschulen in Trier, Ostwestfalen-Lippe und die TU Berlin. An der Uni Hohenheim werden der Bachelor Lebensmittelwissenschaft und Biotechnologie und ein Master in Food Science and Engineering angeboten.

          • Weltraum

          Nicht nur Tesla-Visionär Elon Musk träumt ihn: den Traum vom Leben auf dem Mars. Und wer weiß – vielleicht werden die Menschen tatsächlich einmal die Erde verlassen, um sich auf einem anderen Planeten im Weltall niederzulassen. Welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit ein Planet bewohnbar ist, lernen Studierende zum Beispiel an der TU Berlin. Am Zentrum für Astronomie und Astrophysik wird Astrobiologie gelehrt, die sich unter anderem mit Instrumenten zur Entdeckung von Leben, der Habitabilität von Planeten und Monden in unserem Sonnensystem und Weltraummissionen beschäftigt.

          Das Modul ist Teil des Bachelors Physik, der an der TU sowohl im Sommer- als auch im Wintersemester zulassungsfrei begonnen werden kann. Nicht weniger zukunftsgewandt ist ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik. Der erfolgreiche Start einer Raumkapsel des Privatunternehmens Space X ins Weltall legte Ende Mai den Grundstein für den Weltraumtourismus, und auch militärisch könnte dem Weltraum zukünftig eine große Bedeutung zukommen. Wer in der Raumfahrt seine berufliche Zukunft sieht, kann diese zum Beispiel an der Uni Stuttgart und der RWTH Aachen studieren. Möglich ist es auch, an der erst 2018 gegründeten Fakultät für Luftfahrt, Raumfahrt und Geodäsie an der TU München an dem Bayerischen Raumfahrtprogramm „Bavaria One“ mitzuwirken.

          • Digitalisierung

          Längst ist die Digitalisierung in der Gegenwart angekommen, sind selbstfahrende Autos und intelligente Übersetzungsprogramme keine Utopien mehr. Doch die Durchdringung der Gesellschaft mit digitalen Technologien ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. Überall auf der Welt werden händeringend Ingenieure und Informatiker gesucht, wer programmieren kann, ist klar im Vorteil. Eine erfolgversprechende Studiumswahl ist deshalb weiterhin die gute alte Informatik.

          Für diese Disziplin renommiert sind etwa die RWTH Aachen, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und die Uni des Saarlandes in Saarbrücken. Wer ein Herz für Roboter hat, wird an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin im Bachelorstudiengang Humanoide Robotik fündig, an der Technischen Hochschule in Ingolstadt gibt es seit dem vergangenen Wintersemester den Bachelor Künstliche Intelligenz. Enormes Zukunftspotential wird zudem der Quantentechnologie zugesprochen. In diesem Bereich studieren kann man beispielsweise an der RWTH Aachen in der neuen Vertiefungsrichtung zur Quantentechnologie im Masterstudiengang Physik.

          • Mobilität

          „Mobilität ist ein Faszinosum“: Das findet Gerhard Müller, Vizepräsident für Studium und Lehre an der TU München. Auch wenn die Corona-Pandemie in Frage stelle, wie viel Bewegung von A nach B wirklich notwendig ist, so sei dies doch ein archaisches und völlig zeitloses Grundbedürfnis der Menschen. Deshalb und weil unsere Mobilitätskonzepte im Zuge der Digitalisierung gerade einem starken Wandel unterliegen würden, sieht Müller in einem Studium im Bereich der Mobilität eine große Zukunft. Welche Antriebe werden sich durchsetzen? Spielt das Alter des Fahrers bald keine Rolle mehr, weil sowieso alles automatisiert sein wird?

          Die Wege zu einem Studium auf diesem Gebiet sind vielfältig: Während klassische Disziplinen wie Elektrotechnik, Informatik und Maschinenbau auf der Hand liegen, sind inzwischen auch Politikwissenschaftler, Soziologien und Wirtschaftswissenschaftler willkommen. Müller erklärt das so:

          „Mobilität wurde in den vergangenen zwei Jahrhunderten in einer starken Separierung der Einzeldisziplinen behandelt. Inzwischen werden gesellschaftliche und technische Prozesse miteinander verknüpft.“ An der TU gibt es, aufbauend auf verschiedenste Bachelorprogramme, für Technik-Fans beispielsweise den Master Automotive Engineering, wer sich mehr für die gesellschaftlichen Implikationen interessiert, dürfte Freude an dem Master Responsibility in Science, Engineering and Technology haben. An der TU in Kaiserslautern bietet der Studiengang Bauingenieurwesen eine Spezialisierung im Bereich Mobilität und Verkehr, an der Technischen Hochschule in Nürnberg wird der Master Urbane Mobilität/Verkehrsingenieurwesen angeboten.

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