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„Europäische Universitäten“ : Blockseminar in Paris

  • -Aktualisiert am

Frankreichs Präsident Macron während seiner Sorbonne-Rede im Jahr 2017 Bild: dpa

Macrons Idee der Europäischen Universitäten nimmt Gestalt an. Seit vergangener Woche gibt es mehr als vierzig Allianzen. Sie sollen Europa von unten aufbauen.

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          Nicht einmal der frühere Kommissionspräsident Jacques Delors wusste, welche konkrete Form die Europäische Union annehmen soll. Er hielt sie für ein „unidentifiziertes Objekt“. In der Politikwissenschaft gilt der Ausspruch von Gary Marks, wonach die EU-Mitgliedstaaten „schonend verschmolzen“ werden. Das sprachliche Rätselraten setzte sich 2017 fort, als Frankreichs Präsident Macron in seiner Sorbonne-Rede auch noch „Europäische Universitäten“ forderte. Zwanzig dieser Objekte sollten bis 2024 entstehen, ohne dass er sich mit den Details aufgehalten hätte. Die Gründung neuer Universitäten könne er wohl nicht gemeint haben, hieß es dazu von französischen Beamten. Netzwerke gab es aber längst.

          Die Wahl fiel wieder einmal auf die schonende Verschmelzung. Durchgesetzt hat sich seitdem der Begriff der „Allianzen“, im Schnitt bestehen sie aus sieben Universitäten, was eine moderate Anzahl ist. Am Donnerstag kürte die EU-Kommission zum zweiten Mal solche Allianzen. 24 weitere kamen zu den 17 existierenden hinzu. Damit hat die Kommission Macrons Pläne nicht bloß gedeutet, sondern sie bei weitem übertroffen: Schon bald kann man an 41 Europäischen Universitäten studieren oder das zumindest von sich behaupten.

          Vision vom europäischen Studentenleben

          Die vier Mitgliedstaaten, die in der ersten Runde leer ausgegangen waren – Bulgarien, Estland, Luxemburg und die Slowakei – durften nun nachziehen. Ein weiteres Novum in Runde zwei: Es gibt vier Allianzen, die ohne Deutschland oder Frankreich auskommen. Deutschland hat den Spitzenreiter Frankreich überholt, indem es sich 35 (vormals 15) Hochschulen fördern lässt, in Frankreich wurden aus 16 nur 32. Staaten wie die Niederlande und Rumänien schneiden im Verhältnis zu ihrer Größe jedoch noch besser ab.

          Erstmals sind mit Darmstadt und Mittweida auch deutsche Fachhochschulen (FHs) vertreten. Bernd Steffensen, Professor und zuständiger Koordinator in Darmstadt, ist darüber erleichtert: „Im Vorfeld hieß es, das gehe eh wieder an die Großen.“ 2019 war Darmstadt nur um einen Punkt an der Aufnahmehürde gescheitert. Weil die Bewerbung aber so vielversprechend war, griff der Deutsche Akademische Auslandsdienst der Hochschule mit 150.000 Euro unter die Arme und führte sie in diesem Jahr zum Erfolg.

          Die Partner-Universitäten aus Bulgarien, Frankreich, Irland, Lettland, Rumänien, Spanien und Zypern hätten sogar gezielt nach einer Fachhochschule als Kooperationspartner gesucht, weil sie die guten Kontakte in die Wirtschaft schätzten, sagt Steffensen. Geplant sei nun ein gemeinsames Studienprogramm mit „Mobilitätsfenster“. Die Studenten sollen sich bei einem Teil ihrer Module sagen können: „Das hol ich mir in Sofia oder Cluj-Napoca!“ Ein neuer Europäischer Studentenausweis könnte an allen acht Standorten Türen öffnen. Auch die Dozenten dürften mit den Studenten herumreisen, ihr Lehrdeputat ließe sich schließlich auch in Riga oder Dublin ableisten, so Steffensen. Als Vision nennt er eine neue Rechtsform, welche die Hochschule eines Tages der Hoheit hessischer Ministerien entzieht und mit den anderen Unis zusammenführt.

          Gemeinsame Studienprogramme entwickeln

          Stefanie Walter, die Beauftragte in Mittweida, Sachsen, hat ganz andere Vorstellungen. Quer durch Europa zu fahren wäre ihr nicht nachhaltig genug. Stattdessen soll aus ihrer Allianz nun ein virtueller Campus entstehen. Am Telefon wirkt es, als habe der positive Bescheid zuerst überrascht, doch Walter will das Licht der Hochschule auch nicht unter den Scheffel stellen: „Unsere Leuchttürme sind die Lasertechnik und die digitale Forensik.“ Darüber hinaus übernimmt Mittweida eine entscheidende Rolle bei der sogenannten „Dritten Mission“: Während sich die Partner auf Forschung und Lehre konzentrieren, ist man hier auf den Transfer nach außen spezialisiert. Damit Macrons Idee von einer akademisch getriebenen europäischen Erneuerung aufgeht, müssten sich Universitäten stärker in die Gesellschaft einbringen.

          Das sieht Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, ähnlich. Er erkennt im studentischen Alltag sogar eine Blaupause für die EU. Hier wie dort gehe es darum, Gegensätze möglichst produktiv zu machen. Die Gegensätze, in deren Spannungsfeld sich Europäische Universitäten behaupten müssen, sind jedenfalls zahlreich. Einerseits sollen die Netzwerke „bottom-up“ gewachsen sein, andererseits haben solche, die sich von selbst fanden, dann oft zu viel gemeinsam: Sie teilen sich eine kleine Ecke Europas (wie die Oberrheinischen Universitäten) oder einen engen Themenschwerpunkt (was sie streng genommen nur zu Europäischen Fakultäten macht).

          Als Nächstes müssen sie gemeinsame Studienprogramme entwickeln. Diese sollen ihren Absolventen möglichst viele Fremdsprachen, einen Kanon großer Texte, die Kanon-Kritik oder das Einmaleins der EU-Institutionen beibringen. Ursprünglich waren die Europäischen Universitäten als nächster Schritt des Bologna-Prozesses gedacht. Allerdings könnte es ebenso passieren, dass die Allianzen Abschlüsse ihrer Partner bevorzugen und den Bologna-Raum damit zerkleinern.

          Der Titel „Europäische Universitäten“ heißt nicht, dass seine Träger nicht auch weiter zu globalen Kooperationen aufgerufen wären oder von nationalen Programmen flankiert würden. Delors’ Echo schallt bei alldem nach, weil ein akademisches Europa in den meisten Köpfen offenbar noch immer eine Leerstelle ist.

          Der EU-Kommission zuvorgekommen

          Zumindest die Namensfindung führt zu flammenden Bekenntnissen. Europa-Wortspiele (EUTOPIA, SEA-EU) sind seit letztem Jahr aus der Mode gekommen. Aber erinnerungsschwere Akronyme (Epicur, Enlight) bleiben beliebt. Die Universität Heidelberg kann davon ein Lied singen: Der Name ihrer mit Paris, Prag und Warschau geteilten Allianz „4EU+“ ist nicht mehr ganz so clever, seit sie mit den Unis Kopenhagen und Mailand eine Nummer fünf und sechs dazugeholt haben. Dafür legen sie nun eine perfekte Kompassumrundung hin. „Uns fehlte der kulturelle Mehrwert im Norden und Süden“, sagt Projektleiter Joost Punstein. Aus der Formel „Zwei plus vier“ spricht sowieso fließendes Europäisch.

          Heidelberg und seine Partner feiern ihren ersten Geburtstag als Europäische Universität, sie konnten sich schon in der ersten Runde durchsetzen. Eigentlich waren sie der EU-Kommission zuvorgekommen: Nach Macrons Rede, aber schon sieben Monate vor der Ausschreibung, fühlten sich die vier Partner im März 2018 zu einem Zusammenschluss inspiriert. Inklusive Sorbonne-Universität, wo Macron gesprochen hatte. Dass ihre Allianz „4EU+“ deshalb Modellcharakter haben könnte, findet Punstein vermessen. Paris sei ein ganz natürlicher Partner für sie gewesen, die Heidelberger seien schneller dort als in manch deutscher Stadt. Umso besser, wenn Studenten bald zu einwöchigen Blockseminaren nach Paris kommen.

          Für die neuen und teils ambitionierten Allianzen hat Punstein auch eine schlechte Nachricht: „Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind noch nicht ganz so kreativ wie unsere Forscherinnen und Forscher.“ Ein Problem sei das nicht. Die Universität Heidelberg bestehe selbst aus vier Campussen. Ähnlich dürfe sich auch eine Europäische Universität verstreuen. Es gehe eher um die Schaffung einer gemeinsamen Atmosphäre, schonend, so dass die Marken der einzelnen Universitäten gewahrt werden. Je mehr Geld aus Brüssel und Bonn kommt – das Pilotphasen-Budget für drei Jahre sah fünf Millionen Euro pro Allianz vor, nun sind es sieben –, desto besser lasse sich aus den gemeinsamen Projekten eine Struktur bilden.

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