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Akademische Lehre : Die Vorlesung stirbt nie

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Nah am Gegenstand: Anatomie-Vorlesung an der Universität Halle Bild: dpa

Kein akademisches Format wurde so oft totgesagt wie die Vorlesung. Bislang hat sie all ihre Gegner überlebt – sogar das Internet. Kann es so weitergehen?

          5 Min.

          Rund 400.000 junge Menschen beginnen jedes Wintersemester ein Studium in Deutschland. So groß bei vielen die Euphorie über die höhere Bildungsanstalt sein mag, so schnell ist sie durch den Abgleich mit der Realität oft ernüchtert. Spätestens dann nämlich, wenn die Studienanfänger ihre erste Vorlesung besuchen. Jedes Jahr lässt sich das gleiche Schauspiel beobachten: Aufgeregt tuschelnd betreten die Erstsemester den Hörsaal, um ihn nach neunzig Minuten schweigend und sichtlich ermattet zu verlassen. Denn Vorlesungen sind meistens weder didaktisch noch inhaltlich wirklich ausgeklügelt, sondern vor allem ermüdend.

          Und so entscheiden sich immer mehr Studenten dazu, dem Hörsaal fernzubleiben. Das Phänomen ist der Wissenschaft hinlänglich bekannt, René Bochmann von der TU Chemnitz hat es mit Daten aus der Befragung von zweitausend Studenten umfassend beschrieben. Seine Ergebnisse sind so überraschend nicht: Für Studenten sind Vorlesungen, die entlang eines Se­mesters Grundlagen ihres Faches vermitteln, ein veraltetes, langweiliges und zu wenig interaktives Format. Doch die meisten Professoren kümmert das wenig, sie spulen das Programm ihrer Grundlagenvorlesungen einfach vor ausgedünnten Reihen ab. Sie wissen, was die Erstsemester nur ahnen: Der Besuch der Vorlesung ist für das Bestehen der Klausur am Ende des Semesters eigentlich irrelevant.

          Powerpoint sei Dank steht alles Prüfungsrelevante schon zusammengefasst auf Hunderten Folien bereit. Wer die auswendig lernt, schreibt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine gute Klausur. Eine solche Powerpoint-Vorlesung muss niemand besuchen, denn die meisten Professoren machen nicht mehr, als ihre Folien vorzulesen. Das Format der Vorlesung nehmen sie damit wörtlich und historisch genau. Die Vorlesung ist eine antiquierte Veranstaltung, die ihren Ursprung im Mittelalter hat. Jene Zeit, in der Bücher unerschwinglich waren und die wenigsten lesen und schreiben konnten. Indem ein Gelehrter seinen Studenten kanonische Texte vorlas, mitunter diktierte, trug das aus Mangel an medialen Alternativen maßgeblich dazu bei, Wissen zu vermehren. In den Köpfen der Menschen und rein dinglich auf dem Papier.

          Erstaunliche Widerstandsfähigkeit

          Heute tut das nicht mehr not, das ist klar. Warum die Vorlesung aber noch immer die zentrale akademische Lehrform ist, versteht man nicht. Denn Bücher sind seit Langem erschwinglich, und auch das Hadern mit der Vorlesung ist kein neues Phänomen der Gegenwart. Schon die preußischen Reformer kritisierten die Vorlesung, die in der einseitigen Konstellation aus Vorlesen und Zuhören eine Gefahr für das neue Ideal der Universität sahen. Die Universität sollte fortan kritische Denker herausbilden, die mittels ihres geschulten, selbständigen Geistes dem Staat dienen können. Doch wie man im bloßen Zuhören und schnellen Mitschreiben das Denken lernen soll, war den Reformern ein Rätsel. Sie forderten ein dialogisches Lehrgespräch.

          Gebracht hat ihr Bemühen bekanntlich wenig, die Professoren blieben ihren Vorlesungen treu. Deren Gegnern blieb nichts anderes übrig, als ihre gleichbleibenden Kritikpunkte immer wieder neu zu formulieren. Im großen Stil geschah das zuletzt in der Achtundsechziger-Bewegung, als man die autoritäre Lehr-Lern-Situation bemängelte, die einer demokratischen Gesellschaft nicht gerecht werden könne. Doch auch den Achtundsechzigern gelang es nicht, die Lehrpraxis grundlegend zu verändern.

          Die Widerstandsfähigkeit der Vorlesung ist erstaunlich. Ebenso unbeschadet überstand sie den Einzug des Internets. Wo alle Welt ins Netz wanderte, blieb die akademische Gemeinschaft im Hörsaal sitzen – aber immerhin mit Powerpoint. Es entbehrt nun einer so geringen Ironie nicht, dass es nach Jahrhunderten der medialen Fortentwicklung und der erfolglosen Kritik das Coronavirus brauchte, welches erst im Lahmlegen des öffentlichen Lebens die akademische Gemeinschaft von den Schwachstellen der Vorlesung überzeugte. Nun realisierten auch die letzten Universitätsangehörigen, dass die vielfach beschworene Stärke des Hörsaals nur Trug war. Als Konsequenz hat das aber nicht etwa dazu geführt, das Format neu zu entwickeln, sondern was auch sonst: Es blieb alles beim Alten.

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