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Transdizplinarität : Wissenschaft im Grenzverkehr

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An der TU Berlin wird aktuell diskutiert, ob Transdisziplinarität praxistauglich sein kann. Bild: Picture-Alliance

Eine Konferenz an der TU Berlin überprüft das Schlagwort „Transdisziplinarität“ auf seine Praxistauglichkeit. Doch dafür hätte es zunächst einer Einigkeit über dessen Bedeutung bedurft.

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          Disziplinär, multidisziplinär, interdisziplinär, transformativ, transdisziplinär: Drückt sich in diesem inflationären Wortfeld ein Steigerungsverhältnis aus, das eine bessere wissenschaftliche Praxis verspricht? Man muss nur auf den Klimawandel, die Migration, soziale Ungleichheit oder globale Pandemien blicken, um zu erkennen, dass Wissenschaft hier selbstverständlich in multidisziplinären Verbünden arbeitet, die in vielfältigen Beziehungen zu außerwissenschaftlichen Akteuren stehen. Was aber soll das neue Schlagwort Transdisziplinarität vermitteln? Die Einsicht, dass die disziplinäre Verfassung der Wissenschaft selbst das Problem ist? Fordert der Begriff dazu auf, über die Disziplinarität hinauszuwachsen in eine „gemeinsame Forschung mit der Gesellschaft“ statt über sie?

          Eine Tagung an der TU Berlin hat jetzt versucht, den in der Wissenschaftstheorie seit fünfzig Jahren diskutierten Begriff zu schärfen und seine Praxistauglichkeit in einem umfangreichen Handbuch „Transdisziplinäre Didaktik“ nachzuweisen. Auffallend war, dass man zwar wie TU-Vizepräsident Hans-Ulrich Heiß die Lehre transdisziplinär „ganz neu denken“ wolle, die Tagung selbst aber von unverhohlener Skepsis gegenüber der Transdisziplinarität als wissenschaftlicher Praxis geprägt war.

          Ambitionierte Selbstkritik?

          In der Theorie reagiert man mit dem Begriff auf die Befürchtung, als Wissenschaft immer noch nicht offen genug zu sein für die Zivilgesellschaft. Eine solche Selbstkritik gibt sich ambitioniert, wirkt aber eher eingeschüchtert. Von der „fiebrigen Unsicherheit“ einer „Wissenschaft im Krisenmodus“ schreiben Thorsten Philipp und Tobias Schmohl in dem von ihnen herausgegebenen Handbuch. Aber wie viel erhöhte Temperatur und Skrupel angesichts der eigenen Gestaltungsmacht verträgt die Wissenschaft denn noch, ohne sich zu lähmen?

          Gerade die Corona-Krise hat doch vorgeführt, wie kurz die gesellschaftliche Geduld mit den methodischen Skrupeln wissenschaftlicher Praxis ist, wenn es ganz schnell gehen soll mit der Entwicklung von Impfstoffen. Andererseits ist der Ausweis innovativer Lehrformate zunächst auch nur ein Zugeständnis an die Erwartungen neuer Generationen von Studenten, aber noch kein Nachweis struktureller Umbrüche. Oder werden an der TU Berlin neuerdings Lehrstühle ohne disziplinäre Zuordnung ausgeschrieben?

          Umstrittene Debatte

          Rudolf Stichweh machte keinen Hehl daraus, dass er eher in der Multidisziplinarität den „Innovationsmotor“ der heutigen Wissenschaft auf der operativen Ebene sieht. Es sei ja auch nicht auszuschließen, meinte in ähnlicher Richtung Ines Langemeyer, dass die aktuellen Herausforderungen durch die genannten „gesellschaftlichen Großprobleme“ (Stichweh) nur Übergänge markierten, die durch die Entstehung neuer Disziplinen Lösungen finden könnten und nicht durch die Einbindung von immer mehr externen Akteuren aus der Gesellschaft.

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