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Studieren in der Pandemie : Eine Fachschaft ohne Funktion

Die Fachschaft der Kunstgeschichte an der Uni Freiburg, als die wöchentlichen Treffen und Partyvorbereitungen noch möglich waren Bild: Fachschaft Kunstgeschichte Uni Freiburg

Was bleibt von einer Studierendenvertretung, wenn Partys, Ausflüge und Vorlesungen nicht mehr stattfinden können? Ein virtueller Besuch bei der Kunstgeschichte in Freiburg.

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          Partys können noch so legendär gewesen sein – eine Pandemie reißt trotzdem Lücken in die Erinnerung. Inspiriert vom Banksy-Gemälde mit dem Mädchen und dem Herzluftballon war der Flyer gewesen. Daran erinnert sich Laura ten Brink noch. Jenes Gemälde, das im Herbst davor unter den Augen der Bietenden geschreddert worden war. Es war ein gutes Kunstwerk gewesen für einen Party-Flyer: auf dem Weg, in den offiziellen Kunstgeschichts-Kanon aufgenommen zu werden, gleichzeitig so bekannt, dass auch die Mediziner, VWLer und Juristen sich angesprochen fühlten.

          Sarah Obertreis
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Laura steht auf, verschwindet vom Zoom-Bildschirm, um nach den Resten der Party-Vorbereitung zu suchen, vielleicht liegt noch irgendwo in ihrem Zimmer ein Sticker, der ihr helfen könnte: Wie war das Motto noch mal?

          Paula Schulze, 26 Jahre alt
          Paula Schulze, 26 Jahre alt : Bild: privat

          Banksy und das geschredderte Bild – das war im Sommer 2019: die letzte Party, die die Fachschaft Kunstgeschichte der Uni Freiburg veranstaltet hat. Dabei war das immer ihr Markenzeichen gewesen: Flyer mit Wortwitzen, Plakate, so schön, dass sie sich manche später einrahmten. Party-Mottos, versichert Laura, hätten sie noch ganz viele. Nur liegen die jetzt in der Schublade, und Laura ten Brink, Amadeus Tkocz und Paula Schulze sitzen vor ihren Bildschirmen, bis zu acht Stunden am Tag, zu Hause bei ihren Eltern in den alten Kinderzimmern.

          Sie wirken selbst verwundert, dass sie noch da sind

          Die drei sind der harte Kern. Das, was von der Fachschaft übrig geblieben ist, seit wegen Corona fast alle Uni-Gebäude geschlossen wurden, auch das, in dem der Fachschaftsraum liegt. „Über Zoom fühlt sich alles so weit weg an, was Uni ist“, sagt Amadeus. Laura, Paula und er wirken selbst verwundert darüber, dass sie noch da sind. Damals, als sie die letzte Party organisierten, waren sie 12, manchmal auch 14 Leute gewesen. Für jede Aufgabe hatte es eine Kleingruppe gegeben.

          Aber wenn nichts stattfinden kann – keine Museumsbesuche, kein Fachschaftsfrühstück, keine Vorträge, keine Partys – dann gibt es auch nichts zu planen. Nur die Angelegenheiten aus dem Studierendenrat müssen noch besprochen werden – das Langweiligste von allem. Die drei können keinem und keiner verübeln, dass er oder sie nicht in ihre Fachschaft eingetreten ist.

          Amadeus Tkocz, 23 Jahre alt
          Amadeus Tkocz, 23 Jahre alt : Bild: privat

          Dabei hatten sie versucht, Werbung zu machen für das, was den Studierenden ihr Mitbestimmungsrecht sichert: mit einer kleinen, richtigen Präsenz-Info-Veranstaltung in der Ersti-Woche im Herbst, einer coronakonformen Stadtrallye ohne viel Alkohol und mit großen Gruppen und einem Online-Quiz. Ein paar Wochen lang kamen tatsächlich ein paar Erstsemester zur wöchentlichen Sitzung. Dann verlief es sich und Laura, Amadeus und Paula waren wieder alleine.

          Laura ten Brink, 23 Jahre alt
          Laura ten Brink, 23 Jahre alt : Bild: privat

          „Neue Leute bei Zoom kennenzulernen – das funktioniert sowieso nicht so richtig“, sagt Amadeus. Er hat Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern, wie es sich angefühlt hat, fast jeden Tag im kunstgeschichtlichen Institut abzuhängen. Soll er für den Master in Freiburg bleiben? Schwer zu beantworten, wenn er gar nicht mehr genau weiß, wie er seinen Bachelor in der Stadt eigentlich findet. Seit einem Jahr wohnt Amadeus wieder bei seiner Mutter im Schwarzwald. Paula sagt, hinter ihr das bunte, gemütliche Kinderzimmer: „Ich bin gerne zu Hause bei meinen Eltern, wirklich, aber ich wünsche mir so sehr, auch mal wieder etwas anderes zu machen.“

          Am meisten stört es Laura, Amadeus und Paula, dass sie ihre Funktion kaum noch wahrnehmen können: Weil eine Fachschaft eigentlich die Studierenden vertritt, fragen die Professoren und Professorinnen die drei regelmäßig, wie es ihren Kommilitonen und Kommilitoninnen geht. „Wir wissen es aber nicht“, sagt Laura. Zu einer offenen Sprechstunde der Fachschaft ist niemand gekommen. Erstis melden sich, wenn überhaupt, nur noch in anonymen Umfragen über Instagram. „An die neuen Studierenden kommen wir gerade einfach nicht ran“, seufzt Paula. Nur der Austausch mit den Dozenten und Dozentinnen hat sich verbessert: Sie antworten nun meistens, wenn sie eine Mail bekommen.

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