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Gastbeitrag zu Rassismus : Gleichbehandlung braucht ein Kriterium

  • -Aktualisiert am

Eine Demonstrantin bei einer Kundgebung gegen Rassismus in Hannover im Sommer 2020 Bild: dpa

Warum eine nichtrassistische Gesellschaft die intensive Erforschung ihrer eigenen Rassismen benötigt. Ein Plädoyer von DFG-Präsidentin Katja Becker.

          5 Min.

          Seit einigen Monaten werden in den Vereinigten Staaten, aber auch hierzulande, Fragen nach strukturell bedingtem, gesellschaftlichem Rassismus diskutiert. Die Debatte berührt Themen postkolonialer Verantwortung und erinnerungspolitischer Repräsentation, aber auch offenen und verdeckten Rassismus in öffentlichen Institutionen, bis hin zu der Frage nach der Funktion des Rasse-Begriffs im Grundgesetz. Zu all diesen Aspekten kann die Wissenschaft wertvolle Beiträge leisten.

          So ist in diesem Zusammenhang zunächst auf die im Herbst vergangenen Jahres verabschiedete Jenaer Erklärung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft hinzuweisen, die dem Rassismus in erfrischender Klarheit jegliche wissenschaftliche Grundlage entzieht. Der Ausgangspunkt der Erklärung ist ein menschheitsgeschichtlicher: „Der anatomisch moderne Mensch entstand vor über 250.000 Jahren in Afrika, von dort verbreitete er sich in kleinen Gruppen von Menschen über die restliche Welt. Die Nicht-Afrikaner zweigten sich vor circa 60.000 Jahren von den Menschen aus dem östlichen Afrika ab und besiedelten einen Großteil der Welt.“

          Eine kalte, menschenferne Wissenschaft in der NS-Zeit

          Dementsprechend ist auch das menschliche Erbgut über den gesamten Globus verteilt: „Es gibt im menschlichen Genom unter den 3,2 Milliarden Basenpaaren keinen einzigen fixierten Unterschied, der zum Beispiel Afrikaner von Nicht-Afrikanern trennt.“ Vor diesem Hintergrund unterstreicht die Erklärung: „Die Einteilung der Menschen in Rassen war und ist zuerst eine gesellschaftliche und politische Typenbildung, gefolgt und unterstützt durch eine anthropologische Konstruktion auf der Grundlage willkürlich gewählter Eigenschaften wie Haar- und Hautfarbe.“ Der Rasse-Begriff ist demnach selbst das Ergebnis von Rassismus, der seinerseits pseudowissenschaftliche Rasse-Begriffe erst hervorbringt.

          Effektiv bekräftigt die Erklärung die Aufgabe, für die (genetischen) Unterschiede zwischen Menschen nichtrassistische Kategorien zu finden. Doch mindestens genauso wichtig ist zu erkennen, welche Chancen, welchen Mehrwert für alle Beteiligten die Unterschiede zwischen uns Menschen schaffen, also die genetische und soziokulturelle Differenz von Menschen als Diversität wertzuschätzen. In Forschungsprozessen bedeutet das häufig den Unterschied zwischen guter und sehr guter Forschung. Letztere Forschung wird wahrscheinlicher, wenn diese aus dem Interagieren möglichst vieler unterschiedlicher Perspektiven hervorgeht.

          Zu gerne würde man daher heute sagen, in der Wissenschaft gebe es keinen Rassismus. Tatsächlich orientiert sich eine wissenschaftsgeleitete Forschungsförderung an der intrinsischen Neugierde und an wissenschaftlicher Qualität statt an politischen Prioritäten. Sie ist Garant der Wissenschaftsfreiheit, doch garantiert sie leider nicht, dass die Wissenschaften dem Humanismus und ethischen Grundwerten verpflichtet bleiben. Wie leicht sogenannte „wissenschaftsgeleitete Verfahren“ missbraucht werden können, zeigt ein Blick in die deutsche Geschichte.

          Niemals dürfen wir vergessen, dass in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu der sogenannten wissenschaftsgeleiteten Forschungsförderung auch national-völkisches Denken, unumwundener Rassismus und ein Pathos radikaler Sachlichkeit gehörten. Daraus erwuchs eine kalte, menschenferne Wissenschaft, die verbrecherische Experimente im Dienste einer faschistischen Politik durchführte, aber auch aus eigenem Antrieb. Deswegen darf „wissenschaftsgeleitet“ auch nicht zur leeren Formel verkommen. Als Wissenschaftler müssen wir auch ständig an unserer Integrität arbeiten.

          Die soziale Konstruktion von Andersartigkeit

          Eine menschendienliche Forschungsförderung ist ihrerseits auf immer neue Forschungserkenntnisse angewiesen. Auch den Rassismus in all seinen Formen werden wir nicht verstehen können, ohne ihn in der gebotenen thematischen Breite und inhaltlichen Tiefe zu erforschen und solche Forschung bewusst zu fördern.

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