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Philosophicum für Techies : Die Frage nach dem Sinn

Halb Mensch, halb Maschine: Ein Werk des Künstlers Muharrem Batman im Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn Bild: dpa

Ist es unethisch, eine Künstliche Intelligenz für Sexroboter zu programmieren? Welche Verantwortung tragen wir gegenüber zukünftigen Generationen? In München beschäftigen sich MINT-Studierende mit Philosophie.

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          „Es war einfach noch keine runde Sache!“ Alexander van Roessel ist 25 Jahre alt. Er hat schon BWL studiert und steht kurz vor seiner Masterarbeit in Physik. Trotzdem fehlte ihm etwas. Seine Bildung, so sagt er, sei nicht vollständig gewesen, zu sehr auf die Karriere gemünzt, zu rational. „Ich wollte mich in meinem Leben noch mit anderen Sachen beschäftigen, in manchen Situationen drängt sich das ja geradezu auf“, erzählt van Roessel. Deshalb ist er seit diesem Semester nicht nur in Physik an der Technischen Universität München (TUM), sondern auch an der Hochschule für Philosophie (HFPH) eingeschrieben. Dort möchte er das sogenannte „Philosophicum“ machen, einen Modulstudiengang, der weniger aufwendig ist als ein vollständiges Bachelorstudium, aber dennoch eine solide Grundausbildung in Philosophie bieten soll.

          Studierenden, die ebenso breit interessiert sind wie van Roessel, will die TUM nun den Zugang zum Philosophiestudium erleichtern: Seit dem Wintersemester 2019/20 kooperiert die Universität offiziell mit der HFPH. Die staatlich anerkannte Hochschule wurde im Jahre 1925 von Jesuiten gegründet, Träger ist bis heute der Orden.

          Frischer Wind für die Philosophen

          An der HFPH können Studierende alle Abschlüsse vom Bachelor bis zur Habilitation erlangen, Teilzeitstudiengänge wie das Philosophicum werden ebenfalls angeboten. Seit Herbst müssen sich Studierende der TUM nicht mehr extra an der HFPH einschreiben, um dort Kurse zu belegen, sondern können sich die erworbenen Studienleistungen an der TUM anrechnen lassen. Van Roessel war das nicht genug, er wollte das ganze Philosophicum absolvieren. Auch diese Möglichkeit gibt es im Rahmen der Kooperation.

          Für Amy Wuttke, eine 20 Jahre alte Ingenieursstudentin, waren ein paar ausgewählte Kurse die richtige Wahl: „Das Ingenieurstudium ist sehr formellastig, man rechnet viel. Mir fehlte der Ausgleich, ich wollte auch gerne mit Texten arbeiten und mich mit philosophischen Fragestellungen auseinandersetzen“, erzählt sie. Ein Kurs an der TUM, „Philosophie für Ingenieure“, brachte die Studentin auf den Geschmack. Als sie durch einen Newsletter von der neuen Kooperation erfuhr, beschloss sie mitzumachen.

          Es ist sechs Uhr abends, manch einer mag um diese Zeit genug von Uni und Lernen haben. Amy Wuttke hält noch ein Referat. „Anthropozentrismus“ ist das Thema des Seminars bei Pater Andreas Gösele – oder, genauer, die Frage: Was ist eine ausreichende Basis für eine anthropozentrische Umweltethik? Für Nichtphilosophen klingt das kompliziert, doch Wuttke ist gut vorbereitet. Anfangs sei sie überrascht gewesen, wie viel Zeit man mit Lesen und gründlicher Textarbeit verbringe, einige Stunden am Wochenende seien das schon. Doch das stört sie nicht, sie sitzt schließlich freiwillig hier.

          Die Studierenden der TUM, die es nicht erst seit der Kooperation an der HFPH gibt, seien eine Bereicherung, sagt Pater Gösele: „Studierende, die beispielsweise schon im Philosophie-Master sind, nutzen doch immer wieder ähnliche Argumente. Man ist etwas eingefahren, das ist ja auch normal.“ Naturwissenschaftler brächten dagegen oft einen frischen Wind, eine andere Sichtweise auf die Dinge. Und tatsächlich berührt Göseles Seminar Fragen, die besonders in diesen Tagen nicht nur die Philosophie beschäftigen: Was steht im Zentrum – Mensch oder Umwelt? Und welche Verantwortung tragen wir gegenüber zukünftigen Generationen? Das Thema passt gut zur Idee hinter der neuen Hochschulkooperation. Denn abgesehen von der individuellen Bereicherung für Studierende, die sich wie van Roessel erhoffen, über grundlegende Fragen des Lebens intensiver nachzudenken, soll die Zusammenarbeit auch gesellschaftlich relevant sein.

          Schon im Jahr 2012 hatte die TUM im Rahmen der Exzellenzinitiative das Munich Center for Technology and Society (MCTS) gegründet, um den Naturwissenschaften zu einem „stärkeren gesellschaftlichen Input“ zu verhelfen, sagt Thomas Hofmann, Präsident der TUM. 2014 hatte die TUM deshalb auch die Trägerschaft für die Hochschule für Politik übernommen. Politikwissenschaftler sollten auch bei digitalen Themen mitreden können, so Hofmann.

          Vorausschauend denken

          Genauso wie Naturwissenschaftler sich über den gesellschaftlichen Nutzen ihrer Entwicklungen Gedanken machen müssten. Die Kooperation mit der HFPH war nur der nächste konsequente Schritt in diese Richtung: „Entwicklungen sind häufig produktzentriert. Wir glauben aber, dass sie menschenzentriert sein sollten“, so Hofmann. „Technik und Naturwissenschaften sind niemals wertfrei“, sagt auch Johannes Wallacher, Wirtschaftsethiker und Präsident der HFPH. In der heutigen Zeit reiche es nicht mehr, dass Ingenieure exakt, kreativ und innovativ seien. Sie müssten auch Verantwortung für ihr Handeln und ihre Entwicklungen übernehmen. Die Kooperation orientiere sich am College-Modell der Eliteuniversitäten in Amerika, wo Studierende ebenfalls mit einer breiteren Bildung beginnen, um sich später zu spezialisieren. Für deutsche Universitäten sei das ein einigermaßen neuer Gedanke, sagt Wallacher: „Lange Zeit war Interdisziplinarität verpönt, weil es immer hieß, das gehe auf Kosten der Exzellenz.“ Die TUM wolle mit ihren Kooperationen, die sie neben der HFPH auch mit der Hochschule für Politik geschlossen hat, nun das Gegenteil beweisen.

          Ähnlich sieht es auch Björn Niehaves. Der promovierte Politikwissenschaftler und Informatiker ist Direktor des Forschungskollegs Siegen (Fokos), an dem schon seit zehn Jahren die unterschiedlichsten Disziplinen zusammenarbeiten. Wenn es nach Niehaves ginge, wären in Zukunft 50 Prozent der Forschung interdisziplinär. Das vorangestellt, fügt er sofort hinzu: „Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich plädiere nicht für die Auflösung der einzelnen Disziplinen! Die muss man hervorragend beherrschen, um interdisziplinär zu arbeiten.“ Das Fokos ist mit „den wesentlichen gesellschaftlichen Zukunftsfragen“ beschäftigt, wie Niehaves es ausdrückt. Das ist bewusst offen formuliert: „Wir sind eine eher kleine Uni, wir haben nicht dieselben Möglichkeiten wie die TUM, deshalb richten wir uns auch danach, was für Kompetenzen wir hier an der Hochschule haben.“

          Begonnen habe das Zentrum mit einem Schwerpunkt für Mobilität und Globalisierung, inzwischen beschäftige man sich vor allem mit der Digitalisierung und ihren Auswirkungen auf Stadtplanung, Gesundheit und Bildung.

          Wie soll ein Pflegeroboter aussehen?

          Niehaves stört, dass man hierzulande auf digitale Entwicklungen oftmals nur reagiere, aber nicht vorausschauend sei: „Da wird etwas im Silicon Valley erfunden, und plötzlich kommt Panik auf. Dann beklagen sich alle bei der Politik, und so kommen digitale Themen erst in den Fokus.“ Stattdessen sei es doch besser, jetzt schon darüber nachzudenken, welche Entwicklungen bevorstehen. Und wie man darauf am besten reagiert. Die Digitalisierung bringe „fundamentale Veränderungen“ mit sich: „Die KI greift zum Beispiel tief in unser Selbstverständnis als Menschen ein.“ Deshalb sei es wichtig, über diese Entwicklungen nicht erst dann nachzudenken, wenn sie schon eingetreten seien.

          Wer an Philosophie und Technik denkt, dem kommt vielleicht zuerst die Ethik in den Sinn: Was ist moralisch vertretbar? Wie weit dürfen wir gehen? Doch diese Fragen könne man ohne philosophische Grundlagen gar nicht diskutieren, sagt Wallacher: „Die Ethik ist kein Reparaturbetrieb. Es gibt viele Fragen, die bei technischen Entwicklungen schon von Anfang an eine Rolle spielen: Was macht den Menschen aus? Was ist das gute Leben?“

          Solche Überlegungen spielen in der Kooperation der TUM mit der HFPH eine Rolle. Denn die Zusammenarbeit der beiden Hochschulen beschränkt sich nicht darauf, Philosophiekurse für Naturwissenschaftler zu öffnen. Es sollen gemeinsame Forschungsprojekte fortgeführt werden, neu entstehen und Dozenten der HFPH an Lehrveranstaltungen an der TUM beteiligt werden. An der Munich School of Robotics and Machine Intelligence, einem von der TUM gegründeten Forschungszentrum, machen sich auch Philosophen der HFPH Gedanken darüber, wie ein Pflegeroboter aussehen soll, welche Fähigkeiten er haben muss, um das Leben der Menschen zu verbessern. Genauso, sagt Wallacher, überlege man aber auch gemeinsam, in welche Forschung man nicht einsteigen wolle: Künstliche Intelligenz in der Waffenherstellung oder Sexroboter zum Beispiel.

          Zwei auf den ersten Blick verschiedene Dinge – das private Interesse Studierender wie Alexander van Roessel und Amy Wuttke einerseits, große interdisziplinäre Forschungsprojekte andererseits – hängen tatsächlich eng miteinander zusammen. Van Roessel sagt, er habe gemerkt, dass Fragen, die er sich häufig stelle, von seinem Studium nicht beantwortet würden. Fragen nach dem Sinn hinter allem, danach, wie wir unser Leben führen möchten. Zwar kann sich jeder allein damit beschäftigen, doch sind diese Themen auch für uns als Gesellschaft relevant. Interdisziplinäre Zusammenarbeit kann hier eine Debatten anregen und im Bereich der Forschung im besten Falle dafür sorgen, dass sich die Entwicklung nicht nur daran orientiert, was theoretisch möglich, sondern auch gewollt ist.

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