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Arbeit mit Texten : Die Hermeneutik bleibt unverzichtbar

  • -Aktualisiert am

Das analoge Lesen und Lernen bleibt wichtig – besonders das gemeinsame. Bild: ZB

Ihre Bedeutung auch im digitalen Zeitalter, in dem die Selbstverständlichkeit des Lesens verloren ist, untermauert der kleine Wortschatz der Studentenschaft. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Der Hörsaal ist zusammengeschrumpft, Diagonale 13 Zoll. So viel misst der Bildschirm, auf dem in Daumennagelgröße die Studenten zu sehen sind – oder auch nicht. Denn längst nicht alle haben videokonferenzfähige Endgeräte, einige wohnen so, dass sie die Kamera lieber ausgeschaltet lassen. Zoom & Co. sind zu unentbehrlichen Helfern im Corona-Zeitalter geworden, der virtuelle Raum zum einzigen Ort, an dem sich Dozenten und Studenten regelmäßig treffen können.

          Die digitale Lehre hat funktioniert, erstaunlich gut sogar. Als Notlösung wohlgemerkt, denn auf Dauer mag sich niemand in den Geisteswissenschaften ausmalen, was der Verzicht auf Präsenz bedeuten würde. Dennoch schmieden manche längst Pläne für eine große digitale Zukunft nach Corona. Hochschulleitungen wittern die Chance, mit einem Großaufgebot an Technik zur Weltspitze aufschließen zu können.

          Finanzpolitiker zücken bereits jetzt den Rotstift und loten Einsparpotentiale aus, die das Digitale zu erschließen scheint. Und so mancher Asta jubiliert, die Pandemie verheiße den Ausstieg aus der Präsenz- und den Einstieg in die von vielen Studenten erträumte asynchrone Lehre. Vollzeitjob und Studium – endlich wäre das dann kein Widerspruch mehr.

          Aura, Hierarchie, Charisma

          Doch Vorsicht ist angeraten. Denn womöglich würden die Studenten die ersten Opfer der neuen, digitalen Universität. Dass Naturwissenschaftler, Mediziner und Ingenieure nicht auf ihre Praxisanteile verzichten mögen, leuchtet ein. Doch auch in den historischen, philologischen und philosophischen Disziplinen steht die Substanz der Fächer auf dem Spiel.

          Was die Lage für die Geisteswissenschaften nicht einfacher macht, ist, dass sie sich seit Jahren in Grabenkämpfen um die Rolle der Interpretation in Fragen von Kultur und Gesellschaft aufreiben. Die Hermeneutik befindet sich auf dem Rückzug. Verschiedene Spielarten des Konstruktivismus und der Dekonstruktion haben längst auch in solchen Disziplinen Platz gegriffen, die vor allem auf die exakte Phänomenbeschreibung angewiesen sind. Die Hermeneutik aber war diejenige Wissenschaft, die nicht nur an ihren Gegenständen, den Texten, eine eigentümliche Präsenzerfahrung, nämlich der Schrift als Anwesenheit eines Abwesenden, vermittelte, sondern auch in der Lehre die physische Anwesenheit des anderen vorauszusetzen schien.

          Das Modell für die gelingende Kommunikation war der sokratisch-platonische Dialog, der als Einladung zur gemeinsamen Arbeit am Begriff gelesen wurde. Wer mit den gegenwärtigen Debatten vertraut ist, versteht, warum die Kerngedanken solchen Interpretierens Verdacht erregten. Schnell waren die Vokabeln zur Hand, die das altertümlich scheinende Modell diskreditieren sollten: Aura, Hierarchie, Charisma.

          „Homer“ betont sie so wie die Figur aus den Simpsons

          Vergessen scheint, dass die Hermeneutik einmal einen revolutionären Gestus pflegte, der die Interpretation aus dumpfer Gegenstandsgewissheit befreite und zum kritischen Urteil ermutigte. Der Akt der Befreiung aber sollte auch den Texten zugutekommen, indem diese nicht länger den überlieferten Regularien der im 18. Jahrhundert noch fast allein herrschenden Rhetorik unterworfen wurden.

          Das kritische Lesen und Deuten wurde zu einer Übung, die bald alle Wissenschaften vom Geiste erfasste und für mehr als eineinhalb Jahrhunderte den, wie man dachte, herrschaftsfreien Raum bildete, in dem Freiheit (von überlieferten Rücksichten) und Bindung (an die Normen einer neuen Textwissenschaft) zu gleicher Zeit möglich waren. Es lag und liegt in der Natur eines solchen Denkens, dass es seine ausgeprägteste Form im gemeinsamen Lesen, im lebendigen Austausch der Ideen, fand und findet.

          Doch dass das ohne weiteres funktioniert, ist längst nicht mehr selbstverständlich. Irgendwo in Deutschland, in einem geisteswissenschaftlichen Seminar. Eine Studentin liest den Text vor. Bei dem Wort „Ilias“ gerät sie ins Stocken, „Homer“ betont sie so wie die Figur aus den Simpsons. Szenenwechsel. In der Übersetzung eines antiken Texts taucht das Wort „allenthalben“ auf. Nicht einer von 30 Studenten weiß, als nachgefragt wird, was gemeint ist. Solche Stichproben illustrieren, welche Hürden zwischen den Studenten und Texten stehen, die nicht schrecklich alt, arkan und kompliziert sind. Wer je Thomas Mann oder auch nur Wilhelm Busch gelesen hat, kennt selbstverständlich die Bedeutung von „allenthalben“.

          Müssen wir also in leichter Sprache lehren?

          Das Problem ist, dass man in einem geisteswissenschaftlichen Seminar sitzen kann, ohne je mit Thomas Mann in Berührung gekommen zu sein. Verloren ist die Selbstverständlichkeit des Lesens, verlorengegangen ist damit auch die Voraussetzung für ein hermeneutisches Lesen, denn mit dem Lesen ist es wie mit allem anderen: Nur was wir regelmäßig üben, gelingt auch ohne Probleme. Auf das Wagnis, sich von einfachen zu immer schwierigeren Texten vorzutasten, mag sich heute nur noch eine Minderheit einlassen. Mit dem Verlust des Lesens entkoppeln wir uns rasant von unserer Vergangenheit, werden buchstäblich entwurzelt. Zugleich büßen wir die Fähigkeit ein, uns Neues durch Texte zu erschließen und kritisch Distanz zu ihnen aufzubauen. Man mache die Probe aufs Exempel: In einer beliebigen Proseminargruppe sind nur wenige Studenten in der Lage, selbst einen mittelschweren Text nach erfolgter Lektüre wiederzugeben.

          Müssen wir also in leichter Sprache lehren? Wenn ein solches Szenario nicht von vornherein ins Reich des Absurden verbannt werden kann, dann ist schuld daran wesentlich die schöne neue Welt des Digitalen, die jetzt als Universalheilmittel in der Malaise der Universitäten angepriesen wird. Die freilich ist längst nicht nur coronabedingt. Selbstverständlich besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der permanenten Verfügbarkeit digitaler Angebote in den unterschiedlichsten Formaten und der grassierenden Lesefaulheit im Alltag. Zu retten sind die hermeneutischen Wissenschaften deshalb nur, wenn es gelingt, Schutzräume des Analogen zu schaffen.

          Analog aber heißt „verhältnismäßig“. Analoge Wissenschaften und Techniken halten die Gegenstände ihrer Behandlung in Sichtweite. Der Hermeneutik kann es nicht gleichgültig sein, ob sie ihr Geschäft, das kritische Lesen, nach Lehr- und Mustersätzen betreibt (wie ihre Vorgängerin, die Rhetorik, das tat) oder ob dies alles im lebendigen Austausch mit anderen geschieht. Es kann ihr nicht gleichgültig sein, ob sie das Gespräch, um das es ihr geht, nur simuliert oder ob sie es wirklich führt.

          Hermeneutik nimmt die Umwegigkeit des ständigen Abgleichs ihrer Einsichten mit anwesenden anderen in Kauf, um sich ein Mehr an Verständnis zu sichern. Tiefes Lesen muss kein einsames Lesen sein. Im Gespräch mit anderen gelingt es oft besser. Präsenz ist sperrig, gewiss. Aber nur wer die Sperrigkeit aushält, kann sicher sein, auch dem Widerstand seiner Gegenstände gewachsen zu sein.

          Wo es um bloße Informationsvermittlung geht, ist die digitale Lehre eine probate Form des Unterrichts. Hermeneutik aber vermittelt nicht nur das, was in den Texten drin-, sondern auch das, was ihrem Verständnis entgegensteht. In der vielstimmigen Auseinandersetzung, wie sie für gute Präsenzlehre charakteristisch ist, eröffnet sie Denkwege, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind. Sie zeigt uns, dass alles auch ganz anders sein könnte.

          Vor dem Gerichtshof einer analog operierenden Vernünftigkeit

          In der digitalen Lehre scheitert das gemeinsame hermeneutische Lesen oft schon daran, dass sie asynchron verläuft. Als gewaltiges Informationsbearbeitungssystem ist sie zwar weniger fehleranfällig. Aber ist es nicht eine Stärke des analogen Unterrichts, dass er nicht nur die vermeintlich gelingende Verständigung, sondern auch die Störanfälligkeit jedes menschlichen Austauschs über die Dinge des Geistes vor Augen führt, die Schlacken der Kommunikation und die Endlichkeit jeder Bemühung um die vollkommene Aufklärung?

          Vor allem in der Präsenzlehre erwartet uns die schönste Erfahrung, die wir im Unterricht machen können: dass wir selbst belehrt werden. So wacht die Hermeneutik über dem Unverstandenen dieser Welt und hält zugleich den Ergebnisoptimismus der positiven Wissenschaften in Schach.

          Was in der gegenwärtigen Debatte vielleicht am meisten erstaunt, ist nicht die Chuzpe, mit der manche Technokraten in Politik und Wissenschaft die Ansprüche der Hermeneutik zurechtzustutzen versuchen, sondern der Kleinmut, mit dem die Vertreter der interpretierenden Wissenschaften ihre Fächer verteidigen. Dabei steht viel auf dem Spiel.

          Die Hermeneutik ist gründlich

          Auf dem Spiel steht nicht nur das Selbstverständnis der traditionellen Geisteswissenschaften, sondern gerade auch die Debattentauglichkeit der digital sciences selbst. Auch sie sind angewiesen auf ein breites hermeneutisches Fundament, das auch Zugriffe erlaubt, die vielleicht weder ökonomisch noch überhaupt besonders zielführend sind.

          Es ist der Hermeneutik nicht gut bekommen, dass sie in ihren verwegenen Anfängen so etwas wie einen Alleinvertretungsanspruch entwickelt hat. Aber er lag in der Natur der Sache. Die Hermeneutik ist gründlich. Als Gründliche mag sie sich auch darum kümmern, dass die digitale Revolution in Bahnen verläuft, die nicht jeder Kontrolle entzogen sind.

          Indem sie die Philologie der Algorithmen und Prozessoren immer wieder vor den Gerichtshof einer analog operierenden Vernünftigkeit zieht, behauptet sie ihre vielleicht vornehmste Aufgabe: der Stachel im Fleisch derjenigen zu sein, die die Angelegenheiten des Geistes allzu forsch vom Zentrum der Wissenschaften zu entfernen drohen, dem Menschen.

          Jürgen Paul Schwindt ist Klassischer Philologe und leitet die „Internationale Koordinationsstelle: Theorie der Philologie“ an der Universität Heidelberg.

          Michael Sommer lehrt Alte Geschichte an der Universität Oldenburg und ist Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentags.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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