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Präsidentschaftskandidat Trabert : Das Paradies auf Rädern

Respekt für Sie: Gerhard Trabert versorgt einen Obdachlosen mit einem neuen Schlafsack. Bild: Frank Röth

Sein Dauereinsatz am Rand der Gesellschaft machte den Hochschullehrer Gerhard Trabert zum Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten. Mit seiner rollenden Praxis flickt er die Löcher des Sozialstaats. Eine Visite.

          5 Min.

          Herr K. hat noch einmal Glück gehabt. Erst hat er zu tief ins Glas geschaut und die Kontrolle verloren. Doch bevor er ins Unglück stolpern konnte, haben ihn zwei Freunde vom anonymen Alkoholikertreff aufgegabelt und den Notdienst gerufen. Er sitzt jetzt an einer Bushaltestelle, das Kinn auf die Brust ge­rutscht, im Mund ein Zigarillo. Äußerlich ist er regungslos, innerlich steht er unter Druck. Er hat seinen Schlafsack verloren. Gerhard Trabert beugt sich zu ihm vor: Er könne die Nacht im Krankenhaus verbringen. Er schreibt ihm ei­ne Einweisung, damit man ihn dort nicht zurückweisen kann. Eine Versicherungskarte hat K. nicht. Bevor die Sanitäter mit ihm abfahren, wendet sich Trabert noch einmal an ihn: Im Krankenwagen bitte nicht rauchen.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist nasskalt und zugig an diesem Januartag. Wie jeden Donnerstag kreist Gerhard Trabert mit seinem Arztmobil durch Mainz, um Menschen zu versorgen, die durch die Maschen des Gesundheitssystems fallen. Nach den Visiten in Wohnheimen kommt die Suche nach Ob­dachlosen. Er kennt ihre Stammplätze, doch heute muss er mehrmals durch die Innenstadt kreisen. Vor der Stadtbi­bliothek ist ein Schlaflager, vom Besitzer keine Spur. Er findet ihn über einem warmen Belüftungsschacht vor dem Gutenberg-Museum. Er reicht ihm einen neuen Schlafsack. „Wo waren Sie heute auf Platte?“ Trabert siezt seine Patienten. Er will sie mit Würde behandeln und ihnen das verlorene Selbstwertgefühl zurückgeben. Er gibt Herrn B. Me­dikamente und bittet ihn, weniger in Alkohol zu investieren. Zuletzt rät er ihm, im Obdachlosenheim zu übernachten, bei den Temperaturen werde dort niemand abgewiesen. Herr B. will es sich überlegen.

          Seit die Linkspartei Gerhard Trabert für das Bundespräsidentenamt vorgeschlagen hat, sind der Sozialmediziner und sein Arztmobil bundesweit bekannt. Er schiebt die Tür des Transporters zurück und sagt mit einem Hauch Ironie: „Das ist mein Behandlungsparadies.“ Im Innenraum befindet sich eine Liege. Medikamentenfächer. Eine kleine Arbeitsfläche. Dort erledigt er die Abrechnung. Patienten mit Chipkarte werden abgerechnet. Unversicherte behandelt er ehrenamtlich. Er will das Gesundheitssystem nicht aus der Verantwortung entlassen.

          Lücken im sozialen Netz

          Hauptberuflich ist Gerhard Trabert Professor für Sozialmedizin an der Rhein-Main-Hochschule in Wiesbaden, dazu hat er eine Zulassung als Notfallmediziner. Der Hochschulverband hat ihn vor zwei Jahren für seinen selbstlosen Einsatz zum Professor des Jahres gewählt. Trabert war der erste Besitzer einer mobilen Praxis. Seit 25 Jahren geht er auf Visite. Es gibt heute in rund zwanzig Städten fahrende Ambulanzen. Nicht viel, aber ein Anfang. Warum gibt es überhaupt Obdachlosigkeit in einem Sozialstaat, der Krankenversorgung und Wohnraum garantiert? Manche brächten nach einem schweren Schicksalsschlag nicht die Kraft auf, ihre Rechte einzufordern, sagt Trabert. Andere halte die Scham davon ab, besonders nach dem Verlust des Arbeitsplatzes. Und außerdem gibt es noch eine Bürokratie, die Entscheidungen verzögert. Haftentlassene hätten beispielsweise erst einmal keine Krankenversicherung, das ließe sich auf einfache Weise ändern, indem man den Antrag vorverlegt. Bekanntlich entscheidet sich in den ersten Monaten nach der Entlassung, ob Häftlinge zurück ins Leben finden.

          Außerdem gibt es Menschen ohne Versorgungsansprüche. Trabert erzählt von einem rumänischen Patienten, der ohne sein Wissen als Schwarzarbeiter benutzt wurde und deshalb in Deutschland keine Krankenversicherung hatte. Er bekam Lungenkrebs. Eine Therapie durch die Universitätsklinik konnte er ihm noch organisieren, doch sie kam zu spät. Die Beerdigung wurde vor der Kapelle abgehalten. Drinnen hätte extra gekostet. Trabert fährt mit dem Arm durch die Luft: „Das ist so ein skandalöses Thema!“

          Eigentlich will er sich und seine Ar­beit überflüssig machen. Die Armen und Obdachlosen sollen wieder ins Re­gelsystem zurückgeführt werden. Weil das so schnell nicht passieren wird, en­gagiert er sich politisch. Er ist davon überzeugt, dass ein reiches Land wie die Bundesrepublik die Versorgungslücken schließen könnte, auch wo es dazu nicht verpflichtet sein sollte. Über einen Notfallfonds für Schwererkrankte ohne Versicherung kam er in Kontakt zur Linkspartei-Vorsitzenden Janine Wissler, die seine politische Karriere ins Rollen brachte. Gerhard Trabert hat als Präsidentschaftskandidat keine Chance, doch es hat Charme, sich ihn als Bundespräsidenten vorzustellen. Wie er mit grauem Parka und offenem Hemd vor Bellevue steht und die Kranken behandelt, die er, wie er angekündigt hat, auch als Präsident weiter versorgen würde. Vielleicht würde sich Frank-Walter Steinmeier, der seine Doktorarbeit über Obdachlosigkeit geschrieben hat, ja zu ihm gesellen.

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