https://www.faz.net/-gyl-9yncz

Mein virtueller Semesterbeginn : Das professorale Bücherregal ist jetzt schon ikonisch

  • -Aktualisiert am

Und es hat Zoom gemacht: deutsche Hochschulen experimentieren zum Semesterbeginn mit Dgitalformaten Bild: Reuters

An diesem Montag hat an den meisten deutschen Hochschulen das Semester mit digitalen Veranstaltungen begonnen – und fast überall heißt es „Zoom“ oder „down“. Fünf Studenten schildern ihre ersten Eindrücke.

          7 Min.

          Universität Mannheim: Bitte ausreden lassen ...

          Ich studiere an der Uni Mannheim. Die hat internationale Semesterzeiten, das Semester beginnt im Februar. Für mein Seminar zur Filmgeschichte des europäischen Melodramas treffen wir uns also schon seit Wochen vor dem Computer - Einblick in die Wohnungen der Kommilitonen und Professoren inklusive. Da zwei Professoren das Seminar leiten, kann man deren Arbeitszimmer gut vergleichen. Im Bildhintergrund der Professorin (Romanistik) thront ein mächtiges Bücherregal und eine Topfpflanze, der Professor (Germanistik) inszeniert sich filmisch hingegen spartanisch. Außer einer weißen Wand, an der zwei gemalte Bilder seiner Kinder hängen, zeigt er uns 24 Studierenden nichts. Auch ich sitze mit meinem Laptop vor einer Wand, das Bücherregal müsste ich erst noch aufräumen.

          Abgesehen von den Fragen des Bildausschnittes hat sich am Seminar nicht viel geändert. Die Technik (Zoom) funktioniert zuverlässig, wir können die 90 Minuten vollständig nutzen. Es gibt Referate, die Diskussionen sind rege, die Professoren moderieren und man schreibt fleißig mit. Am Ende verlässt man den digitalen Seminarraum klüger, als man ihn betreten hat. Eines fällt aber auf: Die Schwachstellen der Seminare verschärfen sich. Es ist immer verlockend, aus dem Fenster zu schauen statt zuzuhören. Im Uni-Raum siegt der Anstand, im digitalen Raum merkt es niemand, wenn man an der Kamera vorbeischaut. Gleichzeitig ist es viel wichtiger als sonst, höflich zu sein und einander aussprechen zu lassen. Man kann niemandem elegant ins Wort grätschen und hitzige Wortgefechte bleiben aus. Vielleicht hatte man genau davor Angst, als man digitale Uni-Seminare noch für unmöglich hielt.

          Literaturwissenschaftler haben ein schwieriges Verhältnis zum Digitalen. Zwar weiß man um die Vorteile des digitalen Arbeitens, man betont aber stets dessen Nachteile. Die persönliche Diskussion im Seminarraum wird als Grundlage des Erkenntnisfortschritts gepriesen. Corona zeigt, dass der Digital-Pessimismus übertrieben ist.

          Leon Igel, 24 Jahre, Master Germanistik, 2. FS

          Ohne Internetverbindung keine Lehre

          ***

          Universität Leipzig: Will man sich daran gewöhnen?

          Die erste Änderung betrifft die Uhrzeit: Auf Punkt elf, statt wie üblich cum tempore, ist die digitale Vorlesung via Zoom veranschlagt. Der private Online-Dienst für Videokonferenzen scheint „Meetings“ nur zur vollen oder halben Stunde anzuberaumen. Nach kurzem Warten im virtuellen Vorraum darf man der Konferenz beitreten. Der Professor will, wie er später mitteilen wird, einen Überblick darüber behalten, wer an seiner Veranstaltung teilnimmt und hat daher die Funktion für den automatischen Beitritt deaktiviert. Der Hinzukommende blickt zunächst auf eine stumme Wand von Kacheln mit den Gesichtern derjenigen, die mit Videobild der Vorlesung beiwohnen, alle anderen sind durch Kacheln mit Namenskürzel vertreten. Einige sitzen vor ihren Schreibtischen, andere ziehen die Couch-Landschaft vor. Hinter dem Professor reckt sich das standesgemäße Bücherregal zur Decke.

          Ein Kommilitone, der seine Anwesenheit mit einem „Guten Morgen“ kundtut, wird kommentarlos auf stumm geschaltet. Nur das Mikrofon des Dozenten soll aktiviert sein, während der schweigsamen ersten Minuten hört man ihn an seinem PC herumnästeln.

          Irgendwann scheint er den Eindruck gewonnen zu haben, es seien nun genügend viele Kacheln auf dem Bildschirm versammelt. Er habe bisher nur eine Basic-Version von „Zoom“ erwerben können, meint er einleitend, daher werde die heutige Veranstaltung nicht die volle Länge von neunzig Minuten haben können. In der kommenden Woche werde sich dies ändern, außerdem sei die verkürzte Zeitspanne für den einführenden Charakter der heutigen Sitzung ohnehin zweckmäßig. Aus welchen Mitteln die kostenpflichtige Version mit verlängerter „Meeting“-Dauer finanziert werden wird, und weshalb man nicht den kostenlosen, universitätseigenen Dienst verwendet, bleibt offen.

          Das hauseigene Videokonferenz-System wird in Leipzig etwas vernachlässigt

          Im Folgenden werden Gegenstand und Vorhaben der Veranstaltung skizziert, Literatur und Sitzungsplan besprochen. Insgesamt das übliche Programm einer ersten Vorlesung also. Die zu bearbeitenden Texte seien so weit wie möglich online zugänglich, man finde sie auf einer der universitären Lernplattformen. (Man darf schließen, dass dank des Digital-Laboratoriums „Semesterstart in Zeiten von Corona“ wissenschaftliche Verlage mit noch widrigeren Bedingungen rechnen müssen als ohnehin schon.) Er wolle es so halten, dass, wer eine Frage habe, sich per Handzeichen bemerkbar machen soll. (Spätestens jetzt erhöht sich die Zahl der Kacheln mit Video-Einblendung signifikant).

          Doch plötzlich friert das Gesicht des Dozenten ein, der Ton bricht ab. Der Mitbewohner bestätigt die Erfahrung der kurzzeitigen W-LAN-Unterbrechung. Die Verbindung ist schnell wieder aufgebaut, doch der Professor hält den, der wieder beitreten will, für einen zu spät kommenden Langschläfer und lässt ihn ein paar Minuten im Warteraum schmoren. Während dieser Wartezeit drängt sich die Frage auf, ob universitäre Lehre fraglos die nötige technische Infrastruktur inklusive High-Speed-Internet voraussetzen darf, die notwendig wäre, um auf Dauer bei solcherlei digitalen Zusammenkünften mitzumachen.

          Im restlichen Verlauf der Vorlesung bleibt die Fritz-Box gnädig, man kann den Ausführungen ohne Unterbrechung bis zum Ende folgen. Dieses ist heute bereits nach knapp vierzig Minuten erreicht. Auf die Aufforderung hin, Nachfragen zum technischen Format zu stellen, antwortet eisiges Schweigen. Zu ungewohnt ist es, aus dem Privatraum des eigenen Zimmers in die Öffentlichkeit der Video-Konferenz mit ein paar Dutzend Teilnehmern hinein zu fragen.

          Ob es lohnt, sich in das digitale Format der Vorlesung einzugewöhnen, bleibt offen. Nach derzeitigem Stand ist der Beginn der Präsenzveranstaltungen für den 4. Mai geplant. Am Dienstag eröffnet immerhin die Universitätsbibliothek, wenn auch nicht ihre Lesesäle, so doch immerhin die Ausleihe.

          Joachim Rautenberg, geboren 1994, studiert Philosophie an der Universität Leipzig

          ***

          Universität Regensburg: Das akademische Viertel ist verschwunden

          Die erste digitale Lehrveranstaltung während meines Studiums beginnt um 10 Uhr morgens. „Cum tempore“ heißt es im Vorlesungsverzeichnis – aber auch das Akademische Viertel verliert ohne die Pflicht, von einem Seminarraum in den nächsten zu huschen, seinen Sinn. Was dazu führt, dass die ersten seit kurz vor 10 Uhr miteinander reden, während sich der Rest erst später einloggt. Dass das politikwissenschaftliche Seminar, das ich besuche, überhaupt stattfinden kann, verdanken wir, die acht Teilnehmer und der Professor, dem schnellen Erwerben einer Zoom-Lizenz vonseiten der Universität sowie der digitalen Kompetenz und Endgeräte der Studenten. Man fragt sich, was eigentlich mit jenen ist, die sich kein Notebook mit Kamera und Mikrofon leisten können. Erst in den letzten Tagen kam die Universitätsleitung auf die Idee, dass man auf dem Campus auch jenen eine Möglichkeit bereitstellen müsste.

          Studio-Aufzeichnung einer universitären Veranstaltung

          Zuvor gab es so gut wie keine Lehre per Videochat. Angesichts dieses digitalen Rückstands ist es schon erstaunlich, dass das Meiste glatt läuft. Es gibt kaum technische Probleme. Die Verbindung hält, jeder kann jeden einigermaßen verstehen, die Themenvergabe für Referate und das inhaltliche Einführen klappt fast genauso gut wie bei physischer Anwesenheit. Ob Referate auch gut digital gehalten werden können und ob Diskussionen entstehen werden, wenn das gleichzeitige Sprechen für alle im Stimmenwirrwar endet, wird sich erst im Laufe des Semesters zeigen. Ungewohnt ist es jedenfalls, keine privaten Gespräche mit den Kommilitonen führen zu können. Das Socializing geht verloren. Wir treffen uns nur zum Zwecke des Seminars und gehen danach wieder – kein Gespräch beim Rausgehen oder auf dem Weg zum nächsten Seminar, kein Austausch über die Seminarinhalte. Ob sich auch dieser Verlust digital kompensieren lässt, wird sich zeigen müssen.

          Oliver Weber, 1997 geboren, hat von 2016 bis 2019 einen Bachelor in Politikwissenschaft an der Universität Mannheim erworben und studiert seither im Master Demokratiewissenschaft an der Universität Regensburg.

          ***

          Hochschule Darmstadt: Service Unavailable

          Der erste Tag des neuen Semesters bedeutet immer Chaos. Alle halben Jahre kommen wieder dieselben Fragen auf: Wann fährt der Bus? In welchem Raum findet die Veranstaltung statt und haben wir noch Zeit, um einen Kaffee zu holen? In diesem Semester bleiben diese Fragen aus, das Chaos deshalb noch lange nicht.

          Die diesjährige Einführungsveranstaltung soll über Adobe Connect stattfinden. Sprechberechtigt sind bei dem heutigen Zusammenkommen nur die Dozenten, wer eine Frage hat, kann sie im Chat stellen und bekommt via Video eine Antwort. Soweit so gut, es wird immerhin vermieden, dass alle Studenten ihre Fragen panisch durcheinanderrufen.

          Was vielversprechend klingt, ist es am Ende aber nicht. Die Veranstaltung läuft gerade mal zwei Minuten, da stockt das Bild und der Ton fällt aus. Nach und nach werden Studierende aus dem Call geworfen und kommen anschließend nicht wieder rein. Auch beim zweiten Anlauf können nur ein Teil der Studenten teilnehmen und so findet die diesjährige Einführungsveranstaltung auch ohne mich statt. Dank hilfsbereiter Kommilitonen bin ich kurze Zeit später trotzdem auf dem neusten Stand. Der Inhalt der Veranstaltung lässt sich knapp zusammenfassen: Dieses Semester wird nicht sein wie alle anderen zuvor. Wie genau es ablaufen wird, das kann derzeit noch keiner sagen. Gebeten wird um gegenseitiges Verständnis.

          Aber selbst, wenn die Technik mitgespielt hätte, wäre in einem Video-Call mit fast achtzig Leuten kein Platz für Detail- und Rückfragen. Was fehlt, ist auch der Austausch mit den Kommilitonen. Nach einer Veranstaltung, in der Fragen beantwortet werden sollten, fühlen sich viele ratloser als zuvor: Werden die kommenden Seminare genauso ablaufen?

          Nele Höfler, geboren 1997, studiert Onlinejournalismus in Darmstadt.

          ***

          Goethe-Universität Frankfurt: Der Server geht in die Knie

          Das Semester sollte eigentlich mit einer Vorlesung zu Philosophie und Literatur beginnen. Nicht im Hörsaal, sondern auf den Rechnern der Studierenden finden die Vorträge in diesem digitalen Studienhalbjahr statt. Über eine Online-Plattform werden die Folien und ein Audio-Kommentar zum Anhören bereitgestellt. Fragen und Einwände zum Thema können vorab per E-Mail gestellt werden und sollen in den Vortrag miteinfließen.

          Doch ganz so einfach wie der Klick auf ein YouTube-Video erweist sich das Abspielen der Vorlesung dann doch nicht. Auch nach einigen Versuchen und einem Neustart will der Inhalt bei mir nicht laden. Über ihren Twitter-Account informiert die Abteilung Medientechnik der Uni: „Pünktlich zum elektronischen Vorlesungsbeginn gehen die Streaming-Server in die Knie. Wir wissen noch nicht, weshalb.“

          Also bleibt noch etwas Zeit für den Text zur Sitzung. Da die Bibliotheken weiterhin geschlossen bleiben, werden Scans der Lektüren ebenfalls über die Online-Plattform oder als Reader über einen Copy-Shop bereitgestellt. Dieses Konzept funktioniert bereits seit einigen Jahren sehr gut. Zwar wird auch eine Auswahl weiterführender Literatur angeboten, doch spätestens zur Recherche für die Hausarbeit sollten die Bibliotheken wieder geöffnet sein.

          Gegen Nachmittag gibt die Uni bekannt, das Serverproblem gelöst zu haben. Mein Video funktioniert allerdings immer noch nicht. Ich beschließe es morgen noch einmal zu probieren. Einen großen Vorteil hat die Aufzeichnung jedenfalls, wenn sie dann funktioniert: Wer die Sitzung verpasst hat, krank war oder sich schlecht konzentrieren konnte, kann sie jederzeit ein weiteres Mal abrufen.

          Der monologische Ersatz funktioniert aber nicht für alle Veranstaltungsarten. Am Abend steht noch eine Ringvorlesung auf meinem Stundenplan. Sie soll in Echtzeit als Videokonferenz stattfinden, damit Fragen gleich im Anschluss und mündlich gestellt werden können.

          Jonathan Kreß, 25 Jahre alt, studiert im Master Comparative Literature an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

          Weitere Themen

          Das nächste große Ding

          Bioökonomie : Das nächste große Ding

          Die Welt steuert unweigerlich auf ein Ende des fossilen Zeitalters zu. Was danach kommt, lernen Studierende im Studiengang Bioökonomie: Wie man Wirtschaft nachhaltig gestaltet und auf nachwachsende Rohstoffe umstellt.

          Topmeldungen

          Szene aus Detroit vom 30. Mai

          Polizeigewalt in Amerika : Weil sie es können

          Nach dem Tod von George Floyd fragen sich viele abermals, warum amerikanische Polizisten oft so brutal vorgehen. Vorschläge zur Reform gibt es genug. Noch zahlreicher sind nur die Anreize zu Gewalt und Schikane im Justizsystem.
          Leere Strände wie hier im italienischen Lignano könnten schon bald der Vergangenheit angehören: Ab dem 3. Juni will Italien wieder Urlauber einreisen lassen.

          Branche mit Gewicht : Welche Länder am Tourismus hängen

          Die Corona-Krise hat die diesjährigen Urlaubspläne zerstört. Nicht nur Spanien und Frankreich leiden darunter extrem. Auch in anderen europäischen Ländern drohen Einkommensverluste.
          Flugzeuge am Frankfurter Flughafen

          Luftverkehr : Drehkreuze im Wettbewerb

          Das Rettungspaket für die Lufthansa sorgt bei Aktionären für Erleichterung. In Italien schaut man besonders auf die deutsche Fluggesellschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.