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Mein virtueller Semesterbeginn : Das professorale Bücherregal ist jetzt schon ikonisch

  • -Aktualisiert am

Ein Kommilitone, der seine Anwesenheit mit einem „Guten Morgen“ kundtut, wird kommentarlos auf stumm geschaltet. Nur das Mikrofon des Dozenten soll aktiviert sein, während der schweigsamen ersten Minuten hört man ihn an seinem PC herumnästeln.

Irgendwann scheint er den Eindruck gewonnen zu haben, es seien nun genügend viele Kacheln auf dem Bildschirm versammelt. Er habe bisher nur eine Basic-Version von „Zoom“ erwerben können, meint er einleitend, daher werde die heutige Veranstaltung nicht die volle Länge von neunzig Minuten haben können. In der kommenden Woche werde sich dies ändern, außerdem sei die verkürzte Zeitspanne für den einführenden Charakter der heutigen Sitzung ohnehin zweckmäßig. Aus welchen Mitteln die kostenpflichtige Version mit verlängerter „Meeting“-Dauer finanziert werden wird, und weshalb man nicht den kostenlosen, universitätseigenen Dienst verwendet, bleibt offen.

Das hauseigene Videokonferenz-System wird in Leipzig etwas vernachlässigt
Das hauseigene Videokonferenz-System wird in Leipzig etwas vernachlässigt : Bild: Archiv

Im Folgenden werden Gegenstand und Vorhaben der Veranstaltung skizziert, Literatur und Sitzungsplan besprochen. Insgesamt das übliche Programm einer ersten Vorlesung also. Die zu bearbeitenden Texte seien so weit wie möglich online zugänglich, man finde sie auf einer der universitären Lernplattformen. (Man darf schließen, dass dank des Digital-Laboratoriums „Semesterstart in Zeiten von Corona“ wissenschaftliche Verlage mit noch widrigeren Bedingungen rechnen müssen als ohnehin schon.) Er wolle es so halten, dass, wer eine Frage habe, sich per Handzeichen bemerkbar machen soll. (Spätestens jetzt erhöht sich die Zahl der Kacheln mit Video-Einblendung signifikant).

Doch plötzlich friert das Gesicht des Dozenten ein, der Ton bricht ab. Der Mitbewohner bestätigt die Erfahrung der kurzzeitigen W-LAN-Unterbrechung. Die Verbindung ist schnell wieder aufgebaut, doch der Professor hält den, der wieder beitreten will, für einen zu spät kommenden Langschläfer und lässt ihn ein paar Minuten im Warteraum schmoren. Während dieser Wartezeit drängt sich die Frage auf, ob universitäre Lehre fraglos die nötige technische Infrastruktur inklusive High-Speed-Internet voraussetzen darf, die notwendig wäre, um auf Dauer bei solcherlei digitalen Zusammenkünften mitzumachen.

Im restlichen Verlauf der Vorlesung bleibt die Fritz-Box gnädig, man kann den Ausführungen ohne Unterbrechung bis zum Ende folgen. Dieses ist heute bereits nach knapp vierzig Minuten erreicht. Auf die Aufforderung hin, Nachfragen zum technischen Format zu stellen, antwortet eisiges Schweigen. Zu ungewohnt ist es, aus dem Privatraum des eigenen Zimmers in die Öffentlichkeit der Video-Konferenz mit ein paar Dutzend Teilnehmern hinein zu fragen.

Ob es lohnt, sich in das digitale Format der Vorlesung einzugewöhnen, bleibt offen. Nach derzeitigem Stand ist der Beginn der Präsenzveranstaltungen für den 4. Mai geplant. Am Dienstag eröffnet immerhin die Universitätsbibliothek, wenn auch nicht ihre Lesesäle, so doch immerhin die Ausleihe.

Joachim Rautenberg, geboren 1994, studiert Philosophie an der Universität Leipzig

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