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Vielfalt im Beruf : „Es gibt keine Orte ohne Rassismus“

  • -Aktualisiert am

Ausgegrenzt? Das passiert auch in der heutigen Arbeitswelt noch immer. Bild: Picture Alliance

Karim Fereidooni ist Rassismusexperte und spricht im Interview darüber, wie sehr das Thema heutzutage noch im Berufsleben und Alltag relevant ist.

          3 Min.

          Herr Prof. Fereidooni, sind Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit in der Arbeitswelt tatsächlich verschwunden?
          Ich denke nicht, dass „Fremdenfeindlichkeit“ der richtige Ausdruck ist, weil die meisten Menschen, die Rassismus in Deutschland erleben, keine Fremden sind, sondern durch Rassismus zu Fremden gemacht werden. Zudem erlebt der weiße Niederländer keinen Rassismus, weil weiß sein überall auf der Welt ein Schönheitsideal ist; vielmehr erleben Deutsche of Colour und Schwarze Deutsche Rassismus. Wir sollten das Kind beim Namen nennen: Alltagsrassismus.  Rassismus ist ein Strukturierungsmerkmal unserer Gesellschaft. Überall dort, wo Menschen zusammenkommen, spielt Rassismus eine Rolle. Es gibt keine Orte ohne Rassismus.

          Uwe Marx
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sie haben zu  Rassismuserfahrungen von Lehrkräften mit Migrationshintergrund promoviert.

          Ja, ich habe 159 Personen mithilfe eines Fragebogens befragt und anschließend zehn Interviews geführt; und zwar mit fünf Lehrern und Lehrerinnen, die im Fragebogen angegeben haben, häufig Rassismus im Berufskontext erlebt zu haben und mit fünf Lehrern, die angegeben haben, bislang gar keine Rassismuserfahrungen im Berufskontext gemacht zu haben. Das Ergebnis: Auch diejenigen Lehrer, die im Fragebogen angegeben haben, keine Rassismuserfahrungen im Berufskontext gemacht zu haben, berichteten mir von rassismusrelevanten Erlebnissen. Mein Fazit: Selbst diejenigen, die Rassismus erleben, können diesen nicht als solchen benennen, weil das Sprechen über Rassismus in unserer Gesellschaft tabuisiert ist. Weil uns allen suggeriert wird, dass Rassismus der Vergangenheit angehört oder nur bei der extremen Rechten vorkommt, haben wir es nicht gelernt, über Rassismus zu sprechen. Wir müssen eine Sprache lernen, um über Rassismus und Rassismuserfahrungen zu sprechen.

          Karim Fereidooni ist Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr Universität Bochum und berät die Bundesregierung im Kabinettsausschuss der Bundesregierung zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus.
          Karim Fereidooni ist Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr Universität Bochum und berät die Bundesregierung im Kabinettsausschuss der Bundesregierung zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus. : Bild: Privat

          Können „aufgeklärte“ Menschen rassistisch sein? Hat Rassismus mit fehlendem Wissen zu tun?

          Rassismusrelevante Denk-, Sprech- und Handlungsweisen haben nichts mit fehlendem Wissen zu tun. Wenn dem so wäre, würde es genügen, drei Bücher zu lesen, um rassismusfrei zu werden. Aber so einfach ist es leider nicht. Wir kommen nicht rassistisch auf die Welt, sondern wir erlernen es, rassistisch zu sein und zwar nicht, weil unsere Eltern ganz besonders bösartige Wesen wären, oder unser Lehrer uns rassistische Dinge beibringen möchten, sondern vielmehr, weil das scheinbar normale Wissen nicht rassismuskritisch problematisiert wird. In allem was wir wissen, steckt ein wenig Rassismus. Rassismus bringt uns allen etwas bei. Die einen lernen: „Ich bin mehr wert als andere Personen“; die anderen lernen: „Ich bin weniger wert als andere Personen“. Die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“, was auch immer das sein mag, ist nicht frei von Rassismus. Nur weil man die Grünen wählt oder sich für Geflüchtete engagiert, heißt das nicht, man habe nichts mit Rassismus zu tun. Der Kampf gegen Rassismus fängt im eigenen Kopf an.

          Spielt die Intention eine Rolle bei Rassismus?

          Nicht rassistisch sein zu wollen, ist ein wichtiger Anfang, denn genauso wie wir Rassismus erlenen, können wir Rassismus verlernen. Der zweite Prozess ist aber deutlich aufwendiger als der Erste. In der Rassismusforschung geht es uns aber nicht vornehmlich darum, welche Intention Menschen besitzen, sondern welche Wirkung ihr Denken-, Sprechen- und Handeln für Betroffene hat. Nicht rassistisch sein zu wollen, heißt somit nicht, dass man tatsächlich rassismuskritisch ist. Wer nicht rassistisch sein will, muss sich mit seinem eigenen Rassismus auseinandersetzen.

          Offene Formen von Rassismus sind bekannt beziehungsweise gut vorstellbar, welche sind die verdeckten?

          Rassismus ist ein Phänomen mit sehr vielen Gesichtern. Rassismus tötet, aber nur in den seltensten Fällen mit der Waffe, mit dem Messer oder mithilfe von Molotow-Cocktails. Viel häufiger tötet Rassismus den Glauben von Menschen of Color und Schwarzen Menschen, selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft zu sein und zwar mithilfe abwertender Blicke, in Form von Witzen oder knappen Anspielungen von Kollegen, Vorgesetzten oder Partnern. Rassismus tötet das Vertrauen in unsere Polizei, wenn Menschen of Color und Schwarze Menschen immer wieder grundlos kontrolliert und als gefährlich imaginiert werden. Rassismus tötet den Ehrgeiz von rassismuserfahrenen Menschen, wenn der Berufswunsch von Ayşe Äztin ist, die Berufsberaterin ihr aber den Ratschlag gibt, Krankenpflegerin zu werden. Rassismus tötet das Leistungsprinzip unserer Gesellschaft, wenn Lehrer schwarzen Schülern trotz gleicher Leistungen, schlechtere Noten geben als weißen Schülern.

          Wie sehr waren sie persönlich in ihrer Laufbahn mit diesem Thema konfrontiert?

          Rassismus ist keine Schreibtischwissenschaft für mich, sondern Lebenspraxis. Ich habe nicht den Luxus, mir den Zeitpunkt und den Ort aussuchen zu können, wann Rassismus eine Rolle für mich spielt. Auch wenn ich im Supermarkt unterwegs bin, kann es sein, dass Rassismus eine Rolle spielt, wenn mich jemand verächtlich anschaut oder meine zugeschriebene oder faktische Herkunft abgewertet wird. Menschen, die in Bezug auf Rassismus privilegiert sind und diesen nicht erfahren, können leichtfertig behaupten, dass es diesen nicht gäbe. Menschen, die so aussehen wie ich, spüren jeden Tag, dass Rassismus existiert. Auch die Wissenschaft ist kein rassismusfreier Ort.

          Ist die Situation über die Jahre besser oder schlechter geworden?

          Sowohl als auch. Wir müssen in Gleichzeitigkeiten denken. Die BRD ist im Jahre 2021 so rassismuskritisch wie noch nie in ihrer Geschichte, weil sich sehr viele Menschen gegen Rassismus engagieren. Gleichzeitig sind viele rassismusrelevante Dinge, die vor zehn oder zwanzig  Jahren undenkbar waren, heute salonfähig. Die Sensibilität gegenüber Rassismus hat merklich zugenommen, aber eine kleine laute Minderheit arbeitet kontinuierlich daran, Rassismus salonfähig zu machen. Der Kampf gegen Rassismus ist eine lebenslange Aufgabe und es ist erfüllend, sich gegen Rassismus und für Gerechtigkeit zu engagieren

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