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Soziologin unter Druck : Universität Darmstadt untersucht Koppetsch-Plagiate

  • -Aktualisiert am

Cornelia Koppetsch in ihrer Wohnung in Berlin Bild: Jens Gyarmaty

In den vergangenen Wochen wurden zwei Bücher der Soziologin Cornelia Koppetsch zurückgezogen. Nun gibt es auch eine Voruntersuchung an ihrer Uni.

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          Der Plagiatsverdacht gegen zwei Bücher der Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch beschäftigt nun auch ihren Dienstherrn, die Technische Universität (TU) Darmstadt. Die Hochschule hatte im Jahr 2012 ein eigenes Verfahren für den Umgang mit Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten festgelegt. Seitdem wird für jedes Verfahren eine Vertrauensperson bestellt. Mit der Voruntersuchung im Fall Koppetsch hat eine Professorin der TU inzwischen begonnen.

          Im Rahmen dieser Voruntersuchung wird entschieden, ob ein förmliches Verfahren eingeleitet wird. Dieses Verfahren würde sich an den Vorgaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) orientieren. Es beinhaltet die Einsetzung eines „Untersuchungsausschusses“, der nicht-öffentlich berät. Der Ausschuss besteht aus vier Personen, darunter dem betroffenen Dekan und dem Vorsitzenden der zentralen Ethikkommission. Mit beratener Stimme gehören die Vertrauensperson sowie ein Mitarbeiter „mit der Befähigung zum Richteramt“ dazu.

          Übernahme aus Buch eines Kabarettisten?

          Wird von dieser Gruppe ein wissenschaftliches Fehlverhalten festgestellt, können Geldmittel aberkannt werden. Auch eine „persönliche Ahndung“ ist möglich. Ebenfalls denkbar sind disziplinarrechtliche oder arbeitsrechtliche Sanktionen. Die Öffentlichkeit wird, so die Vereinbarung an der TU Darmstadt, „transparent informiert“.

          Es gibt aber auch einen Schutz vor Bloßstellungen und öffentlichen Vorverurteilungen. Hält der Untersuchungsausschuss ein Fehlverhalten für nicht erwiesen, wird das Verfahren durch einen schriftlich zu begründenden Beschluss eingestellt. Auf jeden Fall werden die Unterlagen der förmlichen Untersuchung 30 Jahre lang archiviert.

          In den vergangenen Wochen wurden zwei populärwissenschaftliche Bücher von Koppetsch von den betroffenen Verlagen transcript und Campus zurückgezogen. Es besteht in beiden Fällen der Verdacht, dass die Soziologin durch Verschleierungen und Bauernopfer sowohl Ideen als auch Textpassagen Dritter als eigene Leistung ausgegeben hat, oder es zumindest hinnahm, dass dieser Eindruck beim Leser suggeriert wird.

          Prominente Autoren

          Teilweise sind zwar Quellen angegeben, diese beziehen sich dann aber nur auf einzelne Sätze und nicht auf komplett übernommene Gedankengänge; in mindestens einem Fall hat Koppetsch einen anderen Wissenschaftler zitiert, obwohl die betroffene Aussage nur teilweise von diesem stammte, da die Autorin noch einen eigenen Einfall hinzugefügt hatte. Übernahmen erfolgten aus Büchern prominenter anderer Autoren wie Andreas Reckwitz oder Herfried Münkler.

          Eine erstaunliche Ähnlichkeit gibt es aber auch mit einer Passage im Buch des Kabarettisten Vince Ebert. Dieser hatte im Jahr 2011 in „Machen Sie sich frei!: Sonst tut es keiner für Sie“ geschrieben: „Ständig leben wir in dem Gefühl, wir stünden am Abgrund: Erst Waldsterben, dann Ozonloch, BSE und Vogelgrippe, später brachen Kinderlosigkeit und Vogelgrippe über uns herein. Eine Einstellung, die auf der ganzen Welt als „german angst“ bekannt ist.“

          Zwei Jahre später klang das bei Koppetsch, ohne Quellenangabe, so: „Ständig hätten sie den Eindruck, am Abgrund zu stehen: Erst Waldsterben, dann Ozonloch, BSE und Vogelgrippe – später bricht die Finanzkrise über sie herein. Ihre Einstellung wird auf der ganzen Welt als „German Angst“ belächelt.“ Neben solchen Übernahmen enthalten Koppetsch Bücher aber auch eigene Gedanken. Dies müsste ein Untersuchungsausschuss der TU Darmstadt ebenso zu berücksichtigen haben.

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