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TU-Darmstadt-Präsident Prömel : „Das Uni-Studium ist zu sehr zum Statussymbol geworden“

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Hans Jürgen Prömel beklagt eine „Verwässerung“ des universitären Profils in den vergangenen Jahren Bild: Frank Röth

Nach zwölf Jahren geht der Darmstädter TU-Präsident Prömel in den Ruhestand. Für die Lage der Universitäten, die in den vergangenen Jahren von Studenten überrannt wurden, findet er zum Abschied deutliche Worte.

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          Als Hans Jürgen Prömel 1974 sein Studium begann, besuchten ungefähr 15 Prozent der Schulabgänger seines Jahrgangs eine Universität. Heute liegt die Studierquote in Deutschland deutlich über 50 Prozent, doch klüger sind die Abiturienten nach Prömels Ansicht nicht geworden. Das Leistungsniveau in den Fächern, die er als Mathematiker beurteilen könne, sei sogar gesunken.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Universitäten hätten in den vergangenen Jahren zu viele Studenten aufnehmen müssen. Die Folge sei eine „Verwässerung“ des universitären Profils. Besser wäre es, wenn mehr junge Leute an die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften gingen oder sich für einen Ausbildungsberuf entschieden, meint der Präsident der Technischen Universität Darmstadt. „Es ist zu sehr zu einem Statussymbol geworden, an einer Universität zu studieren.“

          Sätze wie diese sind auch schon von anderen Uni-Präsidenten zu hören gewesen. Aber Prömel gehen sie in diesen Tagen leichter über die Lippen als manchem Amtskollegen. Vom 1. Oktober an kann der 66 Jahre alte Professor ebenso kritisch-distanziert wie entspannt auf die Hochschullandschaft schauen. Denn von diesem Tag an führt im TU-Hochhaus am Karolinenplatz seine Nachfolgerin Tanja Brühl die Geschäfte.

          Den Blick auf die Entwicklung statt auf Ausreißer

          Mit schneidigen Ansagen oder lautstarken Klagen ist Prömel in den zwölf Jahren seiner Präsidentschaft nicht aufgefallen. Der schlanke Mann mit dem Schnurrbart und der Denkerstirn entspricht in vieler Hinsicht der Vorstellung, die man sich von einem Vertreter seiner Fachrichtung macht: sachlich, nüchtern bis zur Trockenheit, kein Volksredner, aber im persönlichen Gespräch durchaus zugewandt. Eine Mehrheit in der Universitätsversammlung wusste diese Eigenschaften zu schätzen. 2013 wurde Prömel wiedergewählt – wenn auch erst im dritten Wahlgang und nicht mit überwältigender Mehrheit.

          Wenn Prömel auf die Frage nach den Höhen und Tiefen seiner Amtszeit antwortet, er wolle „lieber Entwicklungslinien nachzeichnen als einzelne Ereignisse hervorheben“, so wird das der Realität ziemlich gerecht: Dramatische Veränderungen und spektakuläre Konflikte hat es unter seiner Ägide nicht gegeben.

          Der größte Umbruch in der jüngeren Geschichte der Hochschule wurde noch von seinem Amtsvorgänger Johann-Dietrich Wörner eingeleitet: Seit 2005 ist die TU „Modelluniversität“ mit besonderem Autonomiestatus; sie kann unter anderem ihre Bauprojekte selbständig planen und ist Dienstherrin ihrer beamteten und angestellten Mitarbeiter.

          Den „sehr schönen Rahmen“ der Selbständigkeit, von dem Prömel spricht, hatte die Hochschule mit Leben zu füllen, und er ist überzeugt, dass dies gut gelungen sei. Die Bau-Autonomie habe geholfen, den starken Anstieg der Studentenzahlen auch räumlich zu bewältigen, und das Dienstherren-Privileg erleichtere die Berufung erstklassiger Professoren, weil es mehr Verhandlungsspielraum schaffe. Wobei dieser auch Grenzen hat: Will die TU eine bestimmte Gehaltshöhe überschreiten, um eine Spitzenkraft an sich zu binden, braucht sie dafür die Genehmigung des Wissenschaftsministeriums. Das allerdings, sagt der Präsident, sei während seiner Amtszeit nur sehr wenige Male vorgekommen.

          Eine niveaulose Attacke

          Mit den Wiesbadener Ressortchefs, gleich welcher politischen Couleur, verband den zur eher konservativen Fraktion der hessischen Hochschulleiter zählenden Prömel nach eigenem Bekunden stets ein „professionelles Arbeitsverhältnis“ – auch wenn er sich von manchem Minister ein „etwas höheres Engagement“ für die Wissenschaft gewünscht hätte. Hessen habe in den vergangenen Jahren viel Wert darauf gelegt, seine Hochschulen für die Studenten attraktiver zu machen. „Die Förderung der Forschung ist darüber ein Stück weit zu kurz gekommen.“

          Die Folgen waren unter anderem im Exzellenzwettbewerb von Bund und Ländern zu besichtigen, in dem die TU – wie auch die anderen Rhein-Main-Universitäten – die anvisierten Ziele zuletzt nicht erreichen konnte. „Es ist bemerkenswert, dass eines der reichsten Bundesländer hier so wenig reüssiert hat“, stellt Prömel fest. Die TU so aufzustellen, dass sie in künftigen Konkurrenzen besser abschneidet, wird eine der wichtigsten Aufgaben für die designierte Präsidentin Brühl sein.

          Wobei Prömel für sich in Anspruch nimmt, durch das Setzen klarer Schwerpunkte – etwa in der Informatik – schon viel zur Entwicklung eines schärferen Forschungsprofils beigetragen zu haben. Dass man sich mit dem Neuverteilen begrenzter Budgetmittel nicht nur Freunde macht, hat der Präsident zu spüren bekommen. Von Rachegedanken getrieben war womöglich auch der Anonymus, der 2012 einen Schlüsselroman über eine unschwer zu identifizierende Technische Universität unter dem Kommando eines faschistoid durchregierenden „Hans Jochen Hödel“ veröffentlichte. Prömel hat die niveaulose Attacke demonstrativ ignoriert.

          Dass der Bücherfreund das ominöse Werk in der nun bald reichlich vorhandenen Freizeit noch einmal zur Hand nimmt, darf bezweifelt werden. Angenehmere Lektüre wird sich leicht finden lassen, auch für die entspannteren Tage der Reisen, die Prömel nun öfter zu unternehmen gedenkt: Als Erstes geht es nach Laos und Kambodscha. Zurück in der Heimat, wird er vielleicht als Berater der universitären Sphäre verbunden bleiben – und auf jeden Fall über die Erzählungen aus dem Berufsalltag seines Sohnes. Der ist seit dem 1. September Mathematikprofessor in Mannheim.

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