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Tagung zur digitalen Lehre : Wer, wenn ich lehrte, hörte mich?

  • -Aktualisiert am

Die Hörsäle füllen sich wieder. Welche Lehren sind aus der Corona-Zeit zu ziehen? Bild: dpa

Präsenz wird vielleicht doch überschätzt: Eine Osnabrücker Tagung über Vor- und Nachteile der digitalen Lehre kommt zu überraschenden Ergebnissen.

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          Die Corona-Pandemie hat das Campusleben stillgelegt und die Lehrveranstaltungen auf Bildschirmformat reduziert. An Seminaren teilzunehmen bedeutet aktuell, mit Gesichtern auf dem Monitor zu kommunizieren. Bildung als Erlebnis, das auch durch die räumliche Erfahrung der Universität und physische Begegnungen geprägt ist, findet nicht mehr statt. Welche konkreten Folgen hatte die Ersetzung der Präsenzlehre durch digitale Veranstaltungen im gerade beendeten Sommersemester für Dozenten und Studenten?

          Auf einer von mehreren Literaturwissenschaftler organisierten Internetkonferenz wurde jetzt für das Fach eine erste Bilanz gezogen. Der digitaldidaktische Jargon der Vorträge mit seinen „Social Reading Tools“ und „Breakout Rooms“ umriss eine Welt, die viele Dozenten sich in den vergangenen Monaten erst mühsam erobern mussten, jedenfalls diejenigen, die sich nicht darauf beschränken wollten, eingescannte Texte hochzuladen und abgefilmte Vorlesungen ins Netz zu stellen. Welche Arbeit es macht, die digitalen Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen, die Studenten bei der Online-Lehre zu begleiten, Lerneffekte zu überprüfen und Methoden anzupassen, machten viele Vorträge deutlich. Nicht nur die Dozenten, auch die große Mehrheit der Studenten empfand die Umstellung auf den digitalen Unterricht als eine starke Erhöhung der Arbeitsbelastung. Das ergaben Umfragen an mehreren Universitäten. Teilweise lag das an unklaren Aufgabenstellungen, an allgemeiner „Zoom-Fatigue“ oder am selbsterzeugten Druck, im virtuellen Raum besonders sorgfältig formulieren zu müssen. Auch ungünstige Wohnbedingungen, zu betreuende Kinder oder technische Probleme erhöhten den Stress.

          Doch der wesentliche Grund liegt offenbar in den Kontrollmöglichkeiten des Internets: Wenn jeder Seminarteilnehmer jede Aufgabe schriftlich bearbeiten und dem Dozenten schicken muss, kann sich niemand mehr wie im Präsenzbetrieb schweigend hinter den anderen verstecken oder sich bei Gruppenarbeiten als Trittbrettfahrer durchmogeln. Mehrere Dozenten berichteten, dass die Studenten sachliche, methodische und begriffliche Kenntnisse durch den digitalen Unterricht gründlicher erworben hätten als zuvor. Für die Aneignung der Terminologie, die Übersetzung von Texten älterer Sprachstufen, die Lektüre und Kommentierung literarischer Werke gab es Aufgaben, die allein oder in virtuellen Kleingruppen zu bearbeiten waren. Erst danach fanden „synchrone“ Digitalveranstaltungen statt, in denen alle Teilnehmer zusammenkamen, um die erlernten Methoden anzuwenden und offene Fragen zu diskutieren. Das Niveau dieser Plenumsveranstaltungen sei durch die Verlagerung der Grundlagenarbeit ins Vorfeld und die korrigierenden Rückmeldungen des Dozenten deutlich gestiegen, so der Tenor auf der Tagung. Auch die Einübung des wissenschaftlichen Schreibens, sonst ein Stiefkind der Germanistischen Lehre, profitierte von digitalen Werkzeugen, die den Studenten gemeinsames Arbeiten und wechselseitige Kommentierungen erlauben.

          Digitale Lehre taugt nicht als Vorwand für bildungspolitische Sparmaßnahmen

          Voraussetzung für das Gelingen solcher Lehrveranstaltungen waren allerdings eine intensive Begleitung der Seminarteilnehmer und die permanente Ansprechbarkeit der Lehrenden. Gerade Dozenten aus dem Mittelbau mit hohen Lehrdeputaten werden das auf Dauer kaum bewältigen können. Dass eine digitale Lehre, die ihr Potential ausschöpft, kostenintensiv ist und nicht als Vorwand für bildungspolitische Sparmaßnahmen taugt, betonten etliche Referenten. Das richtete sich auch gegen den offenen Brief, in dem ihre germanistischen Kollegen „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“ aufgerufen hatten. Kritik an den Defiziten und idealisierenden „Lebenslügen“ der Präsenzlehre wurde während der Tagung häufiger geäußert. Gänzlich abschaffen wollte sie aber auch hier niemand.

          Für die Nach-Corona-Zeit setzt man vielmehr auf eine Synthese aus Digital- und Präsenzunterricht. Allerdings zeigte sich auch, welche semantischen Verschiebungen gerade stattfinden: Virtuelle Sitzungen mit Teilnahmepflicht für alle wurden von einigen Vortragenden bereits als „Präsenzveranstaltungen“ bezeichnet. Die Entkörperlichung des Präsenzbegriffs hat begonnen. Ein öfter erwähntes Problem war die Hemmung, im virtuellen Forum so frei zu sprechen wie im physischen Raum. Das Mikrofon und die Selbstbeobachtung auf dem Monitor hinderten etliche Studenten daran, sich in Internetsitzungen spontan oder überhaupt zu äußern. Die Barriere war noch höher für diejenigen, die Deutsch als Fremdsprache lernten. Wie leicht diese digitale Selbstkontrolle auch in politische Selbstzensur übergehen kann, wurde auf der Tagung nicht diskutiert, zeichnet sich aber ab: Wird man sich vor dem Mikrofon im ungeschützten Raum des Internets noch trauen, frei über politisch oder moralisch heikle Themen zu diskutieren?

          Zu den dunklen Seiten der Online-Lehre gehört ihre Abhängigkeit von digitalkapitalistischen Konzernen, von einer aufwendigen Infrastruktur und der allgemeinen Verfügbarkeit leistungsfähiger Endgeräte. Welche globalen Ungleichheiten das erzeugt, machte Cheikh Anta Babou, Germanistik-Dozent an der Universität Dakar, deutlich. Mit Ausbruch der Pandemie wurde seine Hochschule, an der 80.000 Studenten immatrikuliert sind, geschlossen. Es folgte ein Wechsel in die digitale Lehre, der viele Studenten ausschloss: Es gibt im Senegal kein flächendeckendes Internet, viele Studenten haben keine eigenen Notebooks, und immer wieder fällt der Strom aus. Dass Letzteres an den beiden Konferenztagen nicht passierte, war ein Glück – sonst hätte dieser Referent nicht teilnehmen können.

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