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Studium und Corona : Plötzlich digital

  • -Aktualisiert am

Leerer Hörsaal in Dresden Bild: dpa

Die Corona-Krise zwingt Hochschulen dazu, ihre Lehre komplett ins Internet zu verlagern. Sieben Studierende erzählen über ihre Wünsche und Ängste.

          6 Min.

          Der Digitalisierung von Lehren und Lernen kommt für mehr als 80 Prozent deutscher Hochschulleitungen eine hohe bis sehr hohe Bedeutung zu. Gleichzeitig attestieren nur knapp 30 Prozent der eigenen Institution in diesem Bereich einen hohen oder sehr hohen Stand, so eine Erhebung aus dem Frühjahr 2018 des Instituts für Hochschulentwicklung.

          Die rasante Ausbreitung des Corona-Virus zwingt die Universitäten allerdings gerade dazu, den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit in Schallgeschwindigkeit zu überbrücken und möglichst viele Inhalte zu digitalisieren. Das erwischt nicht nur etliche Dozenten kalt, sondern auch viele Studierende, wie einige von ihnen erzählen..

          Camilo Peña Philipp (23), neuntes Semester Spanisch und Sport für Gymnasiallehramt an der FSU Jena

          Ich habe gerade ein Auslandssemster in Chile verbracht und wegen der schwierigen politischen Lage waren viele Lehrveranstaltungen nur online verfügbar, weil die Hochschulen geschlossen waren. Das war ok, konnte für mich aber die Präsenzkurse nicht ersetzen. Meine Fächer sind sehr praxisnah angelegt, natürlich vor allem Sport. Aber auch in den Sprachkursen ist mir die physische Anwesenheit wichtig. Auch die non-verbale Kommunikation wie Mimik und Gestik, die ganze Körpersprache, ist wichtig für das Verständnis, und das kann ein Video-Chat für mich nicht komplett ersetzen.

          Aber natürlich würde es prinzipiell klappen, wenn sich jeder von Zuhause aus einer Videokonferenz zuschalten würde. Die Sicherheit aller geht natürlich vor. Mir wird allgemein der soziale Austausch sehr fehlen, wenn die Uni länger geschlossen bleibt. Der gemeinsame Besuch von Lehrveranstaltungen mit anderen Studierenden ist für mich sehr motivierend, allein daheim etwas zu erarbeiten, fällt mir schwerer. Derzeit stehen erst einmal zwei Hausarbeiten an, die Abgabe wurde um vier Wochen verlängert, weil die Bibliotheken geschlossen sind. Gleichzeitig konnte ich schon in Chile über einen VPN-Client auf viel digitale Literatur zurückgreifen, das ist natürlich gut und gerade sehr sinnvoll. Ich versuche jetzt, aus der Not eine Tugend zu machen. 

          Jolanda Krok (24), zweites Semester im Master Psychologie an der FSU Jena

          Mein Freund hat das Wintersemester in Chile absolviert und ich habe ihn begleitet. Ich habe mir in dieser Zeit Inhalte, die von der Uni online zur Verfügung gestellt wurden, eigenständig erarbeitet. Im Fach „Methodenlehre“ beispielsweise habe ich mir online die Vorlesungen und die Powerpoint-Folien angeschaut. Als Studierender ist man es meist sowieso gewohnt, sich Wissen selbstständig anzueignen und ich finde, das darf auch durchaus verlangt werden. Etwas schade finde ich es bei einer solchen Aufbereitung, dass man keine Rückfragen stellen kann.

          Ein wöchentlicher Live-Chat oder eine Video-Schalte mit den Dozenten beispielsweise wäre super. Schwieriger wird es in meiner Disziplin mit praxisnahen Inhalten. Im Sommersemester sollte ein Seminar starten, in dem wir in Kleingruppen Interviews mit Testpersonen führen und eigene Forschungsberichte schreiben sollen. Ich bin mir nicht sicher, ob Video-Chats zwischenmenschliche Interaktion ganz ersetzen können. Insgesamt bin ich derzeit aber eher gespannt als gestresst, wie es weitergehen wird. Ich begreife es als Chance, kreativ zu werden und neue Ansätze in der Lehre zu finden. Beispielsweise könnte jeder Studierende in einem Fach je einen Themenblock für die anderen digital besonders anschaulich aufbereiten. Das könnte auch die Prüfungsleistung ersetzen, was die Motivation zusätzlich erhöht. 

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